Ti amo, Charlotten-
platz!

Unser Autor hat eine ziemliche Schwäche für das verwirrende Beton-Biotop Charlottenplatz. Hier verrät er uns, wie es dazu kommen konnte.

Stuttgart – Es gibt nicht viele Orte, an denen Stuttgart so richtig großstädtisch ist. An der Stadtbahnhaltestelle Mercedesstraße vielleicht, wenn Autos, ICEs, Stadtbahnen und Schiffe um einen herumtosen. Oder in der zugesprayten Unterführung direkt darunter. Vielleicht noch am Stöckach im Sonnenuntergang, wenn von allen Seiten die Bahnen anrauschen und zehn Sprachen an 20 Metern Bahnsteinkante zu hören sind.

Verzweiflung hat einen Namen

Ein Ort übertrifft sie aber alle. Ein Ort, der Neulinge reihenweise zur Verzweiflung bringt und sich selbst echten Stuttgartern aus logischer Sicht nicht erschließt. Die Rede ist natürlich vom Charlottenplatz, einem denkbar urbanen Beton-Biotop im Herz der Stadt. Und, wenn man mal genau hinschaut, auch der Nukleus des städtischen Lebens. Seltsam eigentlich, dass er noch keinen Spitznamen hat. Der Alexanderplatz in Berlin ist der Alex, wieso ist das hier nicht der Charlie? Naja, vielleicht aus dem gleichen Grund, weshalb kein normaler Mensch „Stuggi“ sagt. Sollen die Berliner tun!

Escher für Fortgeschrittene

Alles fängt an bei der geschichtlichen Bedeutung des Nahverkehr-Irrgartens. Gebaut zwischen 1962 und 1967, war der Charlottenplatz doch tatsächlich die erste unterirdische Haltestelle nach dem Zweiten Weltkrieg. Take that! Vielleicht lag es also an der doch eher hippieesken Bauperiode und den damit verbundenen Rauchschwaden und heiteren LSD-Nachmittagen, die diese Haltestelle zu einem Escher-Bild für Fortgeschrittene gemacht haben.

Wege in die Freiheit: Am Charlottenplatz begehrt.

Der Charlottenplatz ist nichts für Schwächlinge

Egal wer von egal welcher Seite in die Haltestelle läuft: Schnurstracks geht es für fast niemanden zum richtigen Gleis. Wenn‘s euch mal richtig mies geht, dann gönnt euch was und setzt euch für eine Weile irgendwo am Charlottenplatz hin. Am besten unmittelbar nach einer Fahrplanumstellung (Stuttgarter Unwort des Jahrzehnts). Mehr verwirrte Gesichter sieht man sonst nur, wenn im Dilayla das Licht angeht.

Ist aber eben auch eine Menge los am Charlottenplatz: Ganze elf Stadtbahnlinien halten hier, so viel wie nirgendwo sonst in Stuttgart. Für noch mehr urbane Power rauscht die B14 oben drüber und unten drunter hinweg. 24/7, immer was los.

Raus, nichts wir raus!

An den zahlreichen Ausgängen der Haltestelle auch. Der Eingang zu den Clubs Goldmark‘s und Universum (mit Blick auf die B14, le-gen-där!) befindet sich direkt in der Haltestelle, die sommerlichen Goldmark‘s-Partys steigen in unmittelbarer Nähe zu den Gleisen. Das wäre für die Heimfahrt natürlich ganz praktisch, aber es fährt nun mal niemand um halb eins aus dem Goldmark‘s heim. Dafür sind die Menschen zu nett und die Biere zu gut. Also doch Taxi, wartet ja auch gleich um die Ecke.

Kiosk geht immer.

Läuft man einen anderen Eingang hoch, steht man direkt vor dem schnuckeligen Schriftstellerhaus, wo die Wiener Lyrik-Stipendiatin Katharina Ferner wahrscheinlich gerade am Fenster sitzt und verwirrte Menschen auf der Suche nach der richtigen Bahnlinie beobachtet. Vielleicht inspiriert es sie ja zu einem Gedicht. Gleich daneben empfängt die Weinstube Kiste ausgelaugte Fahrgäste mit Trollinger und Zwiebelrostbraten. Zur Stärkung nach dem Labyrinth des Minotaurus, oder so.

Besser als der Fernsehturm

Noch vor dieser Treppe in die Freiheit fängt der Wikinger arglose Nahverkehrsgäste ab. Nicht mit intellektuellem Anspruch, dafür mit der Möglichkeit, eine zu rauchen ohne die Haltestelle zu verlassen. Legendär: Der „Biergarten“ im Sommer, wenn Plastikpflanzen die Kneipe von der Haltestelle trennen und man dann sogar draußen rauchen darf. Im Charlottenplatz!

Wikinger und Bäcker: Mehr brauchst du nicht. Weisch.

Wieder ein anderer Ausgang führt direkt zum Einklang, einem der schönsten Musikläden Stuttgarts. Eine weitere Treppe bringt auch mehr oder minder direkt ins Dorotheenquartier, aber die kann man eigentlich zumauern, finde ich. Dann lieber unter Tage bleiben. Gleich zwei Kioske gibt es im Charlottenplatz, dazu ein Bäcker, mehr braucht man halt auch nicht. Und dieses Gefühl, das einen durchströmt, wenn man endlich mal gecheckt hat, wo man beim Umsteigen hin muss, ist ein unbezahlbarer Stuttgart-Moment, der überdeutlich brüllt: Du bist einer von uns! Wer braucht da noch den Fernsehturm oder die Stäffele?

Nachtrag

Wikipedia hat Folgendes zur unsagbar komplizierten Umsteigekosmos am Charlottenplatz zu sagen:

„Bedingt durch die fehlende Verteilerebene zwischen den Tallängs- und den Talquerlinien und den fehlenden Mittelbahnsteigen muss man je nach Umsteigebeziehung einmal oder dreimal den Höhenunterschied zwischen beiden Stockwerken überwinden. Letzteres ist dadurch bedingt, dass im Zuge des Verkehrsbauwerks auch ein Regenrückhaltebecken gebaut wurde und deshalb nicht ausreichend Platz für alle wünschenswerten Treppenübergänge vorhanden war. Jeder erforderliche Niveauwechsel kann per Treppe, Aufzug oder, ausschließlich aufwärts, per Rolltreppe erfolgen. Zwischen dem südwärtigen Bahnsteig der Tallängslinien und den Rolltreppen zu den beiden Bahnsteigen der Talquerlinien liegt ein weiterer Niveauunterschied von fünf bzw. sechs Stufen oder einer entsprechenden Rampe.“

Und wer diesen Text verstanden hat, der überlebt auch den Charlottenplatz.

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