Ti amo, Bad Berg!

Eine Schwäche für das Bad Berg haben ja viele. Unser Autor ist einer davon. Zur Wiedereröffnung des Badetempels nach vierjähriger Sanierung erzählt er uns, was man an einem verwelkenden Relikt eigentlich so toll finden kann. Und wieso die Renovierung eine super Sache ist.

Stuttgart – Über das Bad Berg zu schreiben ist dasselbe wie ein verwöhntes, reiches Einzelkind aus Halbhöhenzucht: ziemlich undankbar. So gut man es auch meint, man wird es den ganzen Stammgästen, die man vor der Renovierung förmlich von den Liegen kratzen musste, eh nie ganz recht machen können. Ich versuche es natürlich trotzdem. Nicht weil ich es besser weiß. Sondern weil ich es will. Und weil dieser denkwürdige Ort eh von den individuellen Geschichten lebt, von denen niemand so genau weiß, ob sie wahr sind oder nicht. Eine echte Stadtlegende eben – und seit dem heutigen Montag, den 5. Oktober 2020, endlich wieder eröffnet.

Ein Leben ohne Bad Berg: Möglich, aber sinnlos

Ich kann mich noch sehr genau an den Tag erinnern, an dem das Bad Berg geschlossen wurde. Junge, da war was los, ein Aufschrei, der fast an die Anfänge der S21-Demonstrationen erinnerte. Ziemlich genau vier Jahre ist das her. Ein Leben ohne Bad Berg, das schien für viele zwar möglich, aber sinnlos. Zwei Jahre sollte das Bad geschlossen werden, um generalsaniert zu werden. Zwei Jahre!

Die geneigten, sorgsam gebräunten und ihrem Tempel treuen Badegäste könnten ja in die anderen Mineralbäder ausweichen, hieß es. Stuttgart sitzt schließlich auf einem großen Mineralquellenreichtum: Das Leuze ist gleich nebenan, um die Ecke das Mineralbad Cannstatt. Aber weit gefehlt. Das Bad Berg ist etwas anderes. Mehr Statement als Badeanstalt, hat es längst Zeit und Raum transzendiert. Und seine Stammgäste gleich mit.

Charakter vor Schönheit

Wann ich das erste Mal im Bad Berg war, kann ich gar nicht mehr sagen. Ich merkte damals nur ziemlich schnell: Nein, das ist irgendwie kein normales Bad. Die Architektur passte sich den Menschen an (oder vielleicht war es umgekehrt), es gab ein Freiluftrestaurant, in dem einem Typen begegneten, die früher sonst nur so im Café Weiß schwadronierten. Dort zwar glücklicherweise mit etwas mehr Kleidung, aber mit derselben Mischung aus Gravitas und Leichtigkeit. Fin de siècle im 21. Jahrhundert. Oder sagen wir es anders: Im Bad Berg wurde im Bademantel Zigarre geraucht, Schach gespielt und philosophiert, während man in anderen Bädern Pommes aß und sich über johlende Kinder aufregte. Hier hat Stuttgart Charakter, mehr als an den meisten anderen Orten. Und Charakter muss ja nicht immer mit Schönheit einhergehen.

Das Bad Berg vor dem Ersten Weltkrieg (Bilder: Stadtarchiv Stuttgart 9200, Fotosammlung F_398

Der Zauberberg in Stuttgart

1856 wurde es eröffnet, den Großteil seiner Geschichte hatte es natürlich längst hinter sich, als ich es schätzungsweise 2004 das erste Mal betrat. Seine Wirkung hatte es sich aber bewahrt. Ich traf auf ein Panoptikum an kauzigen Figuren, die ich so eher in Thomas Manns „Zauberberg“ erwartet hätte, auf Existentialisten und Freikörperkulturelle, auf Philosophen und Künstler, auf Menschen, für die ein Saunagang zum sakralen Ritual geworden ist. Wenn ich nach einer (für mich) gefühlten Ewigkeit nach Atem ringend die Schwitzkabine verließ, schauten die Veteranen mich nur mit einer Mischung aus Belustigung und Mitleid an. Einer von ihnen zu werden schien ein langer Weg.

Das Bad Berg ist aus der Zeit gefallen wie seine Gäste

Nicht unbedingt ein Ort also, den man gleich in sein Herz schließt und an dem man sich auf der Stelle wohlfühlt. Aber ein Ort, dem man seine ikonenhafte Strahlkraft sofort anmerkt. Das zeigte nicht zuletzt ein ramponiertes Feld, das zum Faustballspiel benutzt wurde. Sondern auch die Bepflanzung mit Ginkgos, Kastanien und besonderen Menschen. Das Bad Berg – aus der Zeit gefallen wie viele der damaligen Stammgäste.

Die hatten und haben natürlich einen Namen. Bergianer nennt man sich, fraglich ist, ob sie alle zurückkommen. Das Büro 4a Architekten hat die Sanierung geplant, 34 Millionen Euro hat sie gekostet, zwei Jahre länger als vorgesehen dauerte sie. Nicht gerettet werden konnten die charmanten Kassenhäuschen, die Außenumkleiden am Beckenrand hingegen schon. Viel von der nostalgischen Formensprache ist erhalten oder gerettet worden. Aber ein bissle anders ist es jetzt eben schon im Bad Berg.

Außenansicht nach der Sanierung (BIld: Stuttgarter Bäder).

Vom Charme verwelkender Dinge

Mich stört das weniger. Obschon ich nicht unbedingt Barney Stinsons Duktus „neu ist immer besser“ folge, muss ich schon sagen: Das alte Bad Berg hat wirklich eine Generalüberholung gebraucht. Frevelhafte Worte von einem, der nicht täglich dort gastiert, ich weiß. Ich meine ja aber auch nicht die Badegäste, sondern allein die Kulisse. Die hatte ihren Charme, das ist ganz zweifellos richtig. Man muss aber nicht in einer vor sich hin bröckelnden Ruine baden, nur um ein Statement abzugeben. Auch mag man etwas daran finden, in morbider Kulisse gemeinsam mit einem ehrwürdigen Bau zu verwelken. Man muss es aber eben auch nicht.

Man muss auch mal was gut finden!

Wichtig ist doch, dass die merkwürdige Seele dieses ikonischen Ortes erhalten bleibt. Die steckt aber nicht nur im sagenumwobenen Wasser, das jetzt endlich wieder Körper aller Art aufzunehmen bereit ist. Sondern an jedem einzelnen Gast, Bergianer hin oder her. Und in einer Stadt wie Stuttgart, die ihre baulichen Monumente nicht unbedingt zärtlich behandelt, ist es doch ziemlich bemerkenswert, wenn mal für die Sanierung eines öffentlichen Ortes für alle jede Menge Kohle locker gemacht wird. Meckern können wir also morgen wieder. Heute gilt: Zigarren kaufen und dann ab ins „Champagnerwasser“ im Bad Berg. Selbst nach der Sanierung ist das hier einer der seltenen Orte in der Stadt, die es so nicht noch mal gibt. Machen wir was draus.

Titelbild: Stuttgarter Bäder

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