Techno zwischen Maßkrug und Göckele

Beim 1. Stuttgart Electronic Wasen im Sonja-Merz-Zelt mischten sich am Dienstag Raver unter Trachtler. Gemeinsam feierte man zum Sound von Karotte und Lexy & K-Paul.

Eine Frage drängte sich seit der Ankündigung des 1. Stuttgart Electronic Wasen (SEW), der offiziellen SEMF-Preparty, auf: Wird Techno das Bierzelt aufwerten oder das Bierzelt die Musik abwerten? An einem Dienstagabend ist der Cannstatter Wasen nicht besonders voll, zwei Männer werfen einsam Bälle beim Pferderennen (Wer da wohl aufs Treppchen kommt?) Wilde Maus und Revolution drehen nur halbvolle Runden. Auch die Besucher, die rund um die Bierzelte stehen, sind maximal halbvoll. Keine Alkoholleichen, keine Taschendiebe, selbst die Antänzer haben heute frei.

„Dass die so abraven, finde ich echt gut!“

Im Sonja-Merz-Zelt haben gerade Marius Lehnert und Saschko ihr zweistündiges Warmup-Set beendet. Wie viele Wecker sich die DJs wohl stellen mussten, um rechtzeitig zu ihrem Gig um 17 Uhr im Zelt aufzulaufen? Marius wusste auch nicht, was ihn hier erwartet. „Dass die hier so abraven, finde ich echt gut“, sagt er, noch sichtlich mitgenommen von der Currywurst, dem halben Göckele und der Pommes, die er kurz vor dem Gig verspeist hatte. Zu Beginn seien vielleicht fünfzig Leute im Zelt gewesen. Um 19 Uhr ist die Tanzfläche, die eigens für den Abend vor der Bühne von Bierbänken und –tischen befreit wurde, voll mit Feierwütigen.

Keine Spur von der Maß Wodka-Bull

Trachten und Cluboutfits halten sich die Waage, wobei auch Kombinationen, wie etwa eine Lederhose und ein „There is a home for Techno“-Shirt vom Lehmann Club zu sehen sind. Auch Dirndl gepaart mit Fanny Pack oder Turnbeutel sind zwischen den Bänken unterwegs. Denkt man sich die weiß-rote Zeltdecke weg, erinnert an dem Abend nicht viel an ein Bierzelt.

Lichtshow und Bühnen-Setup schaffen ein echtes Festival-Feeling, die CO2-Kanonen helfen mit einem ohrenbetäubenden „Tssssssch“ auch den letzten Schlager-Fans, den nächste Drop nicht zu verpassen. Faust in die Luft, pfeifen, grölen, shuffeln. Die Leinwände links und rechts der Bühne sorgen für den Miniatur-Tomorrowland-Effekt: „Schau mal Hasi, wir zwei beim Tanzen mit zwei Maßkrügen in der Hand.“ Davon werden sie noch ihren Enkeln erzählen. Von dem Muskelkater am nächsten Tag wahrscheinlich auch. Denn wo Biertische dem Dancefloor Platz machen, fehlt natürlich auch eine Gelegenheit zum Abstellen der Krüge. Vom Getränkespecial Maß Wodka-Bull, das im Netz als Gerücht seine Runden drehte, fehlt leider jede Spur. Vielleicht auch besser so.

Techno im Bierzelt als musikalische Erziehung?

Was zum Glück ausbleibt, und das ist wirklich positiv, sind stupide Stadion-Gesänge (à la Seven Nation Army), die durchaus Einzug auf Festivals wie dem Tomorrowland erhalten haben. In gewisser Weise könne das ja auch eine Erziehung sein, meint Marius Lehnert: „Wir spielen ja durchaus krediblen Sound. Wenn Leute dann eine geile Zeit haben, setzen sie sich ja auch vielleicht mal mit der Musik auseinander.“ Das gilt für die Wasengänger, die keinen Bezug zu Techno haben. Der Großteil ist aber gezielt gekommen. Wo sonst kann man auch an einem Dienstagabend zu Acts wie Karotte und Lexy & K-Paul tanzen?

Kein Eintritt, aber trotzdem 20 Euro, bitte

Hin und weg sind die Besucher auch vom SEMF-Maskottchen Dundu, das im Zelt seine Runden dreht. Die Türsteher nehmen ihre Rolle als Dundu-Bodyguards zeitweise ein bisschen zu ernst, so dass einer der Securitys bei einem gewagten Sprung kopfüber neben eine Bierbank fliegt. Wer an einem Dienstagabend so viel Einsatz zeigt, der läuft am Wochenende zu Höchstform auf.

Einziger Wermutstropfen für einige Besucher, online wie offline: Groß wurde auf den Flyern und Plakaten mit „Eintritt frei“ geworben, ins Zelt kommt man am Dienstag aber nur, wenn man die 20 Euro Mindestverzehr an der Kasse am Eingang zahlt. So frei ist der Eintritt dann doch nicht. SEMF-Boss Deniz Keser sieht’s gelassen: „Wenn solche Künstler für so schmales Geld auf dem Wasen sind, was soll man da sagen?“ Den Abend sehe er als Zeichen dafür, dass elektronische Musik überall ihren Platz habe. „Die ist offen, wir können überall feiern, wo wir wollen“, meint er. Die Musik wertet die Party an diesem Abend im Bierzelt auf, da ist sich auch Marius Lehnert sicher. Wer kein großer Fan vom Bierzelt ist, wird aber auch beim Technoabend seine Schwierigkeiten haben, in Feierlaune zu kommen.

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