Systemrelevant während Corona: Wie Stuttgarter die Krise rocken

Viele Stuttgarter arbeiten während der Corona-Krise in „systemrelevanten Berufen“. Wie fühlt es sich an, momentan im Krankenhaus, bei der Gesundheitshotline oder als Verkäuferin zu arbeiten? Drei Stuttgarterinnen erzählen uns, wie sie die Krise gerade erleben.

Stuttgart – Nicht jeder kann während der Pandemie zu Hause im Homeoffice bleiben und warten, bis die da draußen die Krise geregelt haben. „Systemrelevant“ nennt man neuerdings diejenigen, die während Corona den Laden am Laufen halten: Verkäufer, Ärztinnen, Pfleger, Sozialarbeiterinnen, LKW-Fahrer, Apothekerinnen…wir werden die Liste nicht vervollständigen können. Aber wir können ein paar von ihnen stellvertretend erzählen lassen: Wie fühlt es sich an, momentan im Krankenhaus, bei der Gesundheitshotline oder als Verkäuferin zu arbeiten? Drei Stuttgarterinnen berichten:

Julia Melynk, 23 Jahre, ist im Anerkennungsverfahren zur Krankenschwester im Marienhospital

„Momentan fühlt es sich an, wie die Ruhe vor dem Sturm. Vor allem in der Notaufnahme: Die Leute kommen nicht mehr wegen jeder Kleinigkeit zu uns. Wir sind sehr gut vorbereitet, falls da was kommt: Operationen wurden abgesagt, ganze Stationen für Corona-Patienten reserviert. Wir haben auf meiner Station keine Patienten ohne Corona-Infektion aufgenommen, um Platz zu schaffen. Wir sind vorbereitet.

Aber man kann wegen Corona nicht alle anderen Krankheiten absagen. Wir sind so überlastet wie sonst auch, aber die Patienten sind auf einmal dankbarer als früher. Die Leute haben mehr Respekt vor uns. Ich hoffe, dass das für uns nicht nur Applaus und Schokolade bedeutet, sondern sich auch mehr Leute für den Beruf entscheiden.

Angst, mich zu infizieren? Nein, habe ich keine. Ich arbeite in der Medizin – die Gefahr, sich anzustecken, war schon immer da. Und es gibt auch ansteckendere und gefährlichere Krankheiten als Covid-19, zum Beispiel Tuberkulose oder Hepatitis. Aber wir achten immer auf den Eigenschutz. Ich finde es übrigens super, dass die Leute sich jetzt an Hygieneregeln halten und Masken tragen. Wie oft habe ich schon unsere Krankenhauspatienten mit Tuberkulose ohne Schutz draußen gesehen? Da denkt man nie darüber nach. Jetzt schon.“

Gabi Wagner, 30 Jahre, gelernte Krankenpflegerin, arbeitet bei einer Gesundheitshotline

„Die meisten Menschen, die bei uns anrufen, haben Angst. Nicht um sich selbst, gabi_wagner_systemrelevantsondern um ihre Angehörigen: chronisch Kranke, die Oma… Es ist immer die Sorge um die Mitmenschen, die die Leute umtreibt.

Manchmal habe ich 20 Anrufe am Tag, manchmal mehr, manchmal weniger. Wir sind bei Weitem nicht so ausgelastet wie die 116 117 [Anm. d. Red.: der ärztliche Bereitschaftsdienst ist unter dieser Nummer zu erreichen], aber auch bei uns ist es stressiger. Wir haben die Erreichbarkeitszeiten ausgeweitet und arbeiten jetzt jeden Tag, von Montag bis Sonntag. Alles wurde umgestellt.

Wir müssen gerade alle Abstriche machen oder uns zusammenreißen. Trotzdem finde ich wichtig, jetzt ‚Danke‘ zu sagen. Bedankt euch bei allen Verkäufern und Apothekerinnen, beim Bäcker und der Müllabfuhr. Die gucken erst komisch, wenn man das macht, aber ich bedanke mich gerade bei allen, die unser System am Laufen halten.“

Emmi Ademovic, 48 Jahre, Verkäuferin in Michas Lädle im Heusteigviertel

„Wir haben ja auch eine Postannahmestelle. Die Kinder schicken ihren Freunden in Stuttgart Päckchen mit der Post, weil sie sich ja nicht persönlich sehen können. Und es wird wieder viel mehr geschrieben. Richtig handgeschriebene Briefe, schön beschriftet, keine Fensterumschläge.

emmi_ademovic_systemrelevantIm Moment lassen wir immer nur zwei Leute in den Laden, seit einer guten Woche haben wir auch eine Plexiglasscheibe. Der Rest wartet in einer Schlange draußen vor der Tür. Wir halten die Kundschaft deshalb auch an, sich ein bisschen zu beeilen, quatschen ist halt nicht gerade. Die meisten nehmen es aber auch ohne Murren hin, es gibt wenig schlechte Laune.

Im Gegenteil – wir nehmen es auch ein bisschen mit Humor, wenn in sich in unserer Straßenecke drei Schlangen bilden: einmal unsere, dann die beim Obst- und Gemüsehändler und daneben die beim Bäcker. Das ist schon lustig anzusehen. Das wünsche ich mir auch von den Leuten: Lächelt! Viele haben so einen verbitterten Gesichtsausdruck, schauen auf den Boden… Man kann lächeln, das kostet nichts und man steckt sich damit auch nicht an!“

Fotos: privat

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