Stuttgarterin kämpft in Kenia gegen Beschneidung von Mädchen

Antonia Waskowiak studiert an der Uni Hohenheim und kämpft mit ihrem Verein Zinduka gegen Genitalverstümmelung bei Mädchen in Kenia. Gegen das grausame Ritual vorzugehen ist Teil ihres Lebens geworden – bald will sie dafür sogar die Zelte in Deutschland abbrechen. Was treibt sie an?

Stuttgart/Nairobi – Während andere kellnern, um ihr Studium zu finanzieren, hat sich Antonia Waskowiak erst einmal Hühner gekauft. Der Verkauf der Hühnereier soll Miete und Lebensunterhalt sichern. Antonia bereitet sich ganz offensichtlich nicht auf ein Studium in Deutschland vor, im August geht es für sie nach Nairobi in Kenia. Bisher hat Antonia Ernährungsmanagement an der Uni Hohenheim studiert. Ihr Herz aber hängt schon lange an Kenia und ihrem dortigen Engagement: dem Einsatz gegen weibliche Genitalverstümmelung.

Kenia: Bildung gegen ein grausames Ritual

In Kenia leitet sie die private Grundschule „Nyabosongo Bena Academy“ mit mehr als 300 Schülern und Kindergartenkindern und den Verein Zinduka, den sie selbst ins Leben gerufen hat. Mit der Unterstützung von freiwilligen Helfern, vor allem aber von Einheimischen ist der Verein angetreten, Mädchen vor weiblicher Genitalverstümmelung zu schützen.

Ein wichtiger Bestandteil der Vereinsarbeit sind die Rescue Camps, in denen Mädchen während der Beschneidungszeit Schutz finden. 2016 ist das erste Camp durchgeführt worden. Im vergangenen Jahr waren 158 Mädchen in der Betreuung.

Beschneidung ist in Kenia illegal – und wird trotzdem durchgeführt

Seit 2011 sind Beschneidungen in Kenia eigentlich verboten. Jeder, der gegen das Gesetz verstößt, muss mit einer Haftstrafe von mindestens drei Jahren rechnen. Bei Todesfolge mit lebenslänglich. Nichtsdestotrotz werden in Kenia wie in anderen Teilen der Erde noch immer Mädchen im Alter von acht bis 16 Jahren beschnitten. Beschneidung oder auch FGM (Female Genital Mutilation) ist eine tief verwurzelte Tradition – ein Übergangsritual vom Kind zur Erwachsenen.

Bei FGM werden die weiblichen, äußeren Genitalien teilweise oder komplett entfernt. Häufig ohne Betäubung, mit unsterilisiertem Schneidewerkzeug wie Messer, Rasierklinge oder einer Glasscherbe. Die Gefahr einer Infektion ist hoch, aber auch wenn diese ausbleibt: Die körperlichen und seelischen Folgen sind verheerend. Viele sind für den Rest ihres Lebens inkontinent, haben Schmerzen bei der Periode und beim Geschlechtsverkehr. Oft kommt es zu Komplikationen bei der Geburt. Laut Schätzungen der WHO gibt es weltweit 150 Millionen Mädchen und Frauen, die beschnitten sind.

Empowerment durch Bildung

In Kenia ist die Tradition noch in vielen ethnischen Gruppen verbreitet. Unter anderem beim Stamm der Kuria, wo 84 Prozent der Frauen beschnitten sind und wo Antonia mit ihrem Verein aktiv ist. „Es geht dabei um die Heiratsfähigkeit der Mädchen“, erklärt Antonia. Eine unbeschnittene Frau gilt in der Tradition als unrein. Eine Heirat ist für die Frauen und deren Familien auf dem Land noch häufig aus ökonomischen Gründen wichtig.

Der Slogan von Zinduka lautet deshalb „Education against Mutilation“, also Bildung gegen Verstümmelung. Je aufgeklärter die Mädchen sind, desto eigenständiger können sie sich gegen die Tradition wehren. Und je gebildeter sie werden, desto mehr Chancen haben sie, selbst für Arbeit und ihr Einkommen zu sorgen – eine Heiratsfähigkeit wird weniger wichtig. Empowerment durch Bildung.

Dazu gehört aber auch, an der Bildung der Jungen und Männer zu arbeiten. „Die Jungen sollen keine beschnittene Frau mehr heiraten wollen“, sagt Antonia. So lange die Zukünftigen, genauso wie Väter und Großväter, an der Tradition festhalten, bleibt der gesellschaftliche Druck, der auf Mädchen und jungen Frauen lastet, hoch.

„Die Mädchen wachsen mit dieser Tradition auf“, sagt Antonia. Viele von ihnen wüssten nicht um die Folgen und freuten sich lediglich auf die Belohnungsgeschenke, die auf sie warten: neue Schuhe etwa oder Geld und ein großes Fest. Im vergangenen Jahr wollte eine Mutter ihre Tochter im Camp anmelden. Diese aber weigerte sich. Der Grund: Sie wollte beschnitten werden, um genauso wie ihre Freundinnen mit schöner Kleidung und anderen Geschenken belohnt zu werden. Am Ende konnte sie doch noch überzeugt werden und ist mit in das Camp gekommen.

Alle zwei Jahre im Dezember beginnt die Beschneidungssaison bei den Kuria. Dann haben die Kinder Ferien und die Stammesältesten legen fest, wann das Beschneidungsritual stattfinden soll. Die Mädchen werden hübsch gekleidet und mit den Stammesältesten und den Angehörigen in einer Art Parade durch die Straßen geführt. Später kommen sie mit blutverschmierten Gewändern, tränennassen Augen und quälenden Schmerzen zurück.

Für Antonia und die anderen Helfer ist die Arbeit im Verein nicht ganz ungefährlich. Am Rand der Parade kam es schon zu Drohungen, im vergangenen Jahr ist ein Teammitglied in seinem Zuhause überfallen worden. FGM-Befürworter wollten das Rescue Camp, das immer während der Beschneidungszeit im Dezember stattfindet, finden und die dort untergebrachten Mädchen holen. Die Polizei sicherte schließlich die Camps vor Ort.

Nicht nur deshalb ist es wichtig im Verein Unterstützung von den Einheimischen zu bekommen. „Als kleines blondes Mädchen kann ich nicht hingehen und einfach so in die Kultur eingreifen“, sagt Antonia. Deshalb hat sie Helfer um sich, die die Traditionen und die Menschen vor Ort kennen. Fünf hauptamtliche Mitarbeiter aus dem Stamm der Kuria und zahlreiche Freiwillige aus der ganzen Welt klären auf und versuchen so einen Sinneswandel herbeizuführen. Außerdem arbeitet der Verein mit Institutionen und Organisationen vor Ort zusammen.

Die Kinder lernen, dass sie sich gegen Beschneidung entscheiden können

Rescue Camps gibt es in Kenia nicht nur von Zinduka sondern auch von anderen Initiativen wie Unicef. Im Camp von Antonia können die Kinder nicht nur einen Monat wohnen, sondern bekommen auch Unterricht in Sexualkunde, Kinder- und Frauenrechte, sowie Hygiene. Sie lernen, dass sie sich gegen eine Beschneidung entscheiden können. Die Mädchen werden meist im Vorfeld angemeldet, manche Fälle werden vom Jugendamt oder der Polizei hingebracht. Einige der Mädchen wurden im Nachhinein von ihren Familien verstoßen und leben bis heute in der Schule. Die Rettungscamps werden durch Spenden finanziert.

Das alles sind Gründe, weshalb Antonia nun ihre Zelte in Stuttgart abbricht und nach Kenia zieht. „Ich schaffe das Pensum von Deutschland aus nicht mehr“, so die Studentin. Ihr Studium an der Uni Hohenheim hat sie abgebrochen. Ab August studiert sie in Nairobi „Community Development“, ein Studiengang, der sie direkt für ihre Arbeit im Verein ausbildet.

Wie ist es gekommen, dass sich eine junge Studentin so für Mädchen in Kenia einsetzt?

In den Sommerferien der zwölften Klasse machte sich Antonia mit Hilfe des Deutschen Entwicklungsdienstes (DED) auf den Weg nach Nairobi. Dort traf sie zum ersten Mal auf den Stamm der Kuria und half bei einem dreiwöchigen Camp, das sich mit der Bekämpfung weiblicher Genitalverstümmelung beschäftigt hat, außerdem beim Aufbau der Schule, die sie heute leitet. „Dort gab es viele Schlüsselmomente, die mich tief bewegt haben“, erinnert sie sich. Die Gespräche über FGM, vor allem die mit Mädchen und Frauen, die selbst verstümmelt worden sind, brannten sich bei ihr ein. „Mir war nicht klar, wie oft die Tradition noch praktiziert wird.“ Zurück in Deutschland hielt sie Kontakt zu einer Familie aus dem Stamm der Kuria in Nyabosongo, informierte an ihrer Schule sowie im Familienkreis über FGM und sammelte Spenden. „Ich wollte etwas unternehmen.“

Mit dem gesammelten Geld – 700 Euro sind zusammengekommen – ist sie zurück nach Kenia. „Ich dachte, ich kann richtig was reißen mit dem Geld“, erinnert sie sich heute lachend zurück. Berge versetzen konnte sie nicht, wie sie schnell feststellen musste. Für ein Klassenzimmer aber hat es gereicht. Doch auch das ist schon ziemlich viel.

Nach dem Abitur hat Antonia schließlich eine dreijährige Ausbildung zur Rettungssanitäterin in Marburg gemacht – vor dem Hintergrund mit dem gelernten Wissen in Nairobi helfen zu können. Dort verbringt sie jedes Jahr mehrere Wochen bei einer Gastfamilie mit der sie sich angefreundet hat.

Mir fällt es leicht von Stuttgart nach Kenia zu kommen. Aber anders herum fällt es mir immer schwerer.

Jetzt geht es für sie mit 26 Jahren vom Stuttgarter Westen, wo sie bis zu ihrer Abreise wohnt, als Schulleiterin und Vereinsvorsitzende nach Nairobi. Das Arbeitspensum ist die eine Sache, das sie dorthin bringt, aber auch der Kulturunterschied, den sie immer weniger wegstecken kann, sagt sie. Die Probleme in Stuttgart erscheinen ihr banal, wenn sie in Nairobi aus dem Flieger steigt.

Ihre Arbeit vor Ort ist verantwortungsvoll und kräftezehrend. Aber es überwiegen die schönen Momente und Erfolgserlebnisse, wenn sie Mädchen vor FGM retten konnte.

Am Ende der Rescue Camps gibt es ein großes Fest für die Mädchen und deren Angehörigen. Sie bekommen Urkunden überreicht, die den Schritt in Erwachsenenleben symbolisieren sollen. Eine Alternative zu den Beschneidungsfeiern – ohne Blut und Schmerzen, sondern höchstens mit Freudentränen und neuen Perspektiven für die Zukunft.

Zinduka >>>

(Fotos: Zinduka)

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