Stuttgarter und ihre Hobbys: Verliebt in einen Firebird

Der Mensch braucht ein Hobby. Sagt man. Wir haben Stuttgarter getroffen, die eines haben. Diesmal mit Kunstvermittlerin Sara Dahme. Und einem ganz besonderen Auto.

Stuttgart – Ich höre ihn, bevor ich ihn sehe. Es röhrt und knattert, dann biegt er um die Ecke: Ein Pontiac Firebird Baujahr 1974, feuchter Vintage-Traum in Schwarz mit 300 PS und knapp zwei Tonnen Gewicht. Er kommt lauthals neben mir zum Stehen. „Steig ein“, ruft mir Sara Dahme zu, lässig gekleidet mit weiter Hose, T-Shirt und Sonnenbrille. Ich zerre die zentnerschwere Tür auf, lasse mich auf den kochend heißen Sitz sinken. „Klimaanlage gibt‘s nicht“, sagt sie trocken, als sie losfährt.

Fünf Meter purer Sex

Sara Dahme kenne ich sonst vor allem in ihrer Rolle als Kunstvermittlerin. Sie moderiert Veranstaltungen, hat eine eigene Talk-Reihe in der Sammlung Froehlich in Leinfelden-Echterdingen, ist aber eigentlich verbeamtete Kunstlehrerin. Vor allem das passt nicht so ganz zu der 34-Jährigen, die gerade lässig mit einem fast fünf Meter langen Ami-Schlitten durch den Westen zur Selbstwaschanlage oben am Westbahnhof cruist. „Der muss mal wieder gewaschen werden.“ Sara macht sehr viel, findet sehr viel interessant und ist sehr viel unterwegs. Doch ihre große Leidenschaft, das sind die Autos.

Modern? Nein, danke!

Und nicht etwa irgendwelche Autos. Sondern alte Autos. Wie dieser Firebird, in Amerika Massenfabrikat, hier ein echter Hingucker. Sie steht auf das alte Design, fragt sich, wer die heutigen Modelle eigentlich entwirft. „Früher dachte ich, ich sei in Elvis oder Steve McQueen verliebt. Irgendwann merkte ich aber, dass es die Karren waren, die ich so toll fand.“ Diese Leidenschaft hat sie vom Vater. Der hat sein Herz an alte Kisten von Alfa Romeo verloren und seine Tochter gleich mit angesteckt.

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Scheidungskind auf vier Rädern

Den Führerschein machte sie dennoch erst vor wenigen Jahren, erzählt sie mir, als sie den Wagen profimäßig einer Reinigung unterzieht. Die Typen vor dem Fitnessstudio schräg gegenüber gaffen unverhohlen rüber. Sara kennt das, Sara lässt das kalt. „Die meisten Männer können kaum glauben, dass mir das Auto gehört“, erzählt sie schulterzuckend. Schön ist solch schäbiger Chauvinismus natürlich nicht, andererseits reagieren viele auch begeistert auf ihren ganzen Stolz. „Man fällt schon ganz schön auf“, meint sie nach der Wäsche, holt zwei Poliertücher aus dem Kofferraum und wirft mir eines zu. „Hier, jetzt schön polieren.“

Dame Dahme unterwegs

Wie ich ihr so dabei zusehe, wie innig und liebevoll sie ihr Auto mit einem Mikrofasertuch poliert, kann ich mich eines Gedankens gar nicht erwehren: Ob ihr Freund eifersüchtig auf den Firebird ist? Aber es war ja er, der ihr diesen Wagen überhaupt erst verschafft hat. „Meine Autos hängen irgendwie immer an Beziehungen“, lacht sie, als wir Kurs auf Degerloch nehmen. Ihr zweiter Wagen, ein klassischer Mercedes E von 1994, war ihr Geschenk an eine gute Freundin. Sie zerstritten sich, der Wagen kam wieder zu ihr. „Ein echtes Scheidungskind.“ Diesmal war es die Zufallsbekanntschaft mit einem anderen Autoverrückten. Der verkaufte ihr den Pontiac, sie verliebten sich. Also, alle drei.

Früher reichte ihr noch ein einziges PS, lange Jahre war sie als Reiterin aktiv. „Hauptsache PS“, meint sie und schmunzelt. Wir cruisen und schweigen. Die Landschaft fliegt vorbei. Der Motor röhrt und blubbert, der Sitz vibriert. „Früher fand ich es immer unglaublich albern, wenn die Leute so laut und angeberisch Auto fuhren.“ Sie grinst diebisch, legt an einer Ampel einen satten Burnout hin. „Aber es macht einfach zu viel Spaß!“

Über Möhringen führt uns die Route nach Birkach. Wir fahren durch viel Grün, durch Wälder. Spaß und Freude am Fahren, darum geht es ihr. Obwohl sie sich mittlerweile gut auskennt, schraubt sie selbst eher nicht an ihrem Baby herum. Sie ist aber gern in der Werkstatt dabei, wenn es auf den „OP-Tisch“ kommt. Am meisten liebt Sara es, zu cruisen, wählt bevorzugt Wege ohne Autobahn und will schon lange nicht mehr nur von A nach B kommen. Heute geht es ihr um eine besonders schöne Strecke. Wie hier hinter Birkach, als plötzlich ein kleiner Marktstand am Waldrand auftaucht. Sara bremst, zieht nach links. „Jetzt holen wir uns erstmal Erdbeeren.“

Mehr zu Sara: www.saradahme.com

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