Stuttgarter in Berlin

Stuttgart ist eine schöne Stadt, doch manche zieht es ganz natürlich in die Welt hinaus – vor allem nach Berlin. Warum eigentlich? Exil-Schwaben berichten.

Berlin – Mit dem Fahrrad durch Berlin fahren, fällt um einiges leichter als mit dem Fahrrad durch Stuttgart zu „cruisen“. Doch in der Hauptstadt muss man Strecken zurücklegen, die sich in Stuttgarter Verhältnissen so anfühlen wie dreimal den Kessel umrunden. Wir haben uns auf die Suche nach ein paar Stuttgartern in Berlin begeben und einige nicht unbekannte Gesichter getroffen.

Jule Waibel

Jule hat in Schwäbisch Gmünd Produktdesign studiert, ist für ihren Master nach London gezogen und lebt nun seit zwei Jahren in Berlin. Ihre Welt besteht aus Falten. Denn Falten arbeitet sie in sämtliche Materialien, von Stoffen über Leder bis Samt oder sogar Papier ein und kreiert damit Möbel, Installationen, Mode und eben alles, was sich aus gefaltetem Material herstellen lässt. Sie selbst nennt sich auch nicht Designerin, sondern Creator. Und das trifft es. Jule sprudelt nur so vor Ideen und ist in der Welt des Designs auch keine Unbekannte mehr.

...mit ihren gefalteten Kleidern

Aufträge von großen Labels finden ständig den Weg in ihr E-Mail-Postfach. Sie hatte schon Lehraufträge an Design-Hochschulen oder gab Workshops im Londoner Design Museum. Unkonventionell ist Jule in ihrer Herangehensweise an ihren Traum. Doch gleichzeitig ist sie ein Familienmensch. „Meine Familie lebt noch in Stuttgart und Umgebung“.

Mit ihren Brüdern (einer davon ist Cro) arbeitet sie eng zusammen, die beruflich oft in Berlin. Ihr Bruder Benno ist außerdem ihr Manager. Wenn sie in Stuttgart ist hängt sie mit ihren Freunden am liebsten in den Cafés und Bars rund um den Marienplatz ab. Ihr letztes Heimspiel war übrigens im Mercedes-Benz Museum, wo sie ihre Mode für „Haute Cueture“ präsentierte.

Sofya Aleynikova

„Berlin ist eine große Selbstfindungsphase.“ Sofya ist vor sechs Jahren nach Berlin gezogen, spricht vier Sprachen fließend und ist Wissenschaftlerin und Medienkünstlerin. Eigentlich die perfekte Voraussetzung, in einer Stadt perfekt klarzukommen. Doch für sie hat es eine Weile gedauert und erst wirklich geklappt, als sie die wahren Berliner kennengelernt hat. Die zählt sie nun zu ihren Freunden und ist somit fast zu einer echten Berlinerin geworden.

Ihr Leben beschreibt sie als „Spagat zwischen der Wissenschaft und dem echten Leben“. Und in der Mitte steht die Kunst, die für sie beides verbinden kann. So beschäftigt sie sich mit ihrem Pseudonym „Lady Mortadella“ hauptsächlich mit der „künstlichen“ Weiblichkeit und feministischen Themen. Ihre Essays veröffentlicht sie dann auf ihrer Webseite im Internet und präsentiert sie auf Konferenzen. Zuletzt in New York und Bologna. Stuttgart vermisst sie dabei nicht so wirklich.

Niklas Ibach & Max Benzing

„Ich bin wegen Niki hierhergezogen“. „Und ich wollte dorthin wo Max hinzieht“, meint Niklas im Anschluss. Irgendwie verwirrend, aber zumindest sind sie sich einig. Wie bei so vielem.

Max ist gelernter Koch und studiert jetzt Kommunikationsmanagement in Berlin. „Niklas kann mittlerweile aber auch ganz gut kochen“, gibt er ehrlich zu. Niklas ist Produzent und DJ und in der Musikbranche kein Unbekannter mehr. Auf Spotify haben seine Songs Millionen Klicks und auch für den Stuttgarter Rapper Cro hat er erst kürzlich einen Remix veröffentlicht. „Daher war es für mich irgendwann ein logischer Schritt nach Berlin zu ziehen. Näher an die Musikbranche und die Künstler heran“.

Stuttgart ist für die beiden der Ausgleich zum hektischen Berlin-Leben. „Stuttgart ist einfach realer und normaler“, meint Max. Deshalb sind sie auch noch oft im Kessel, um ihre daheimgebliebenen Freunde zu besuchen oder im Fall von Niklas, in Stuttgart aufzulegen.

Tomek Kaczmarek

Tomek ist „job- und bockbedingt“ nach Berlin gezogen. Den Plan umzuziehen gab es schon lange, doch erst als in Berlin ein Job im Vertrieb einer Firma frei wurde, hat er sich zu dem Schritt entschlossen. Das ist nun ein paar Monate her und Tomek fühlt sich „pudelwohl“. Dass das mit dem Umzug so lange gedauert hat, hatte jedoch auch einen weiteren Grund.

Tomek wurde vor sieben Jahren am Herz operiert und ein Umzug war ihm bis vor Kurzem noch zu riskant. „Das Anstrengende nach einer solchen OP sind die zwei bis drei Jahre danach. Hauptsächlich aufgrund der Psyche“. Tomek hatte jedoch die Idee, seine Geschichte als Werbekampagne fürs Blutspenden zu nutzen. Über eine Freundin ist er auf das Deutsche Rote Kreuz zugegangen und hat ihnen sein Vorhaben präsentiert. Nun ist er seit zwei Jahren das Aushängeschild für die Blutspendenaktion „Tomek lebt!“ des DRK und macht in einer Reihe von Kampagnen mit.

Stuttgart ist für ihn ein großes Dorf. „Manchmal ist es ein Nachteil, dass man jeden kennt, manchmal aber auch ein Vorteil“. Doch ob er nochmal zurück in den Kessel kommt? „In dieser Welt gibt’s noch viel zu entdecken“, antwortet er. „Vielleicht mache ich irgendwann eine Schaffarm in Wales auf. Ohne Internet und Ciao“.

Markus und Felix Spitta

Markus ist seit 2014 in Berlin und Felix ist ihm 2015 gefolgt. Erst kürzlich sind sie in ein Atelier in einem ruhigen Kreuzberger Hinterhof gezogen, das sie auch als Arbeitsräume für ihre gemeinsame Agentur nutzen. Felix ist Filmemacher und Musikproduzent und Markus leitet das Agenturleben.

„Hier hat schon vor uns ein Künstlerpärchen gelebt und gearbeitet“, meint Markus. In ihrer Großstadtoase, auf ihrem Flachdach, welches über ein Fenster und eine Leiter zu erreichen ist, schlafen die beiden im Sommer gern auf einer Matratze unter den Sternen.

Schon seit ihrer Kindheit machen die beiden Jungs zusammen Musik. Unter dem Namen „Spittbrothers“ haben die Brüder erst kürzlich ihre gemeinsame EP „Holz Büxxe“ veröffentlicht.

Was sie an Stuttgart vermissen? „Man erreicht die Natur einfach schneller“. Außerdem sind sie bei jedem Heimatbesuch gespannt, wie sich das Stadtbild wieder mal verändert hat.

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