Stuttgarter in Berlin – Teil 2

Stuttgart ist eine schöne Stadt, doch manche zieht es ganz natürlich in die Welt hinaus – vor allem nach Berlin. Warum eigentlich? Exil-Schwaben berichten. Diesmal: Caro, Siye und Max.

Stuttgart – Die einen erhoffen sich Chancen der Extraklasse, träumen von eigenen Start-ups und einem krass kreativen Umfeld, andere wollen einfach ein bisschen Berliner Luft schnuppern, die mehr nach Freiheit und Feierei als nach Feinstaub riecht. Wie verlockend. Doch nicht nur das Besondere scheint im dicken B mehr als greifbar, auch der Abgrund ist oben an der Spree stets allgegenwärtig. „Berlin verschluckt dich, wenn du nicht aufpasst“, hören wir eigentlich jeden sagen. „…du bist so wunderbar, Berlin – und kannst so hässlich sein, so dreckig und grau…“ Wie kann eine Stadt nur so anziehend und gleichzeitig auch irgendwie abstoßend sein? Das alles und noch viel mehr haben wir mit drei Exil-Schwaben diskutiert.

Stuttgart goes Berlin:

Carolin Keilbach – DJ & Creative

Caro, aber vor allem auch ihre DJ-Sets, dürften dem ein oder anderen Clubgänger im Kessel noch bestens bekannt sein. Die kreative Lady lebte knapp zehn Jahre in Stuttgart-Ost, mindestens genauso lang mischte sie als Donna J. (Nova) mit ihrem elektronischen Sound das Stuttgarter Nightlife auf. Aber wie so oft im Leben kommt irgendwann der Moment, da will man bzw. Frau mal was anderes probieren, etwas wagen und sich neu erfinden. So auch die gelernte Grafikdesignerin, die schon lange den Traum von Berlin im Herzen trug. Fernweh, Neugier und der Wunsch, mal wieder an einem anderen Ort zu leben (nach zwölf Jahren Stuttgart) ließen sie schließlich das Hauptstadt-Abenteuer angehen. „Ich war oft in Berlin und habe mich hier immer wohl gefühlt“, erinnert sie sich. Ein Grund sei mit Sicherheit auch ihre Musik bzw. das Musikmachen gewesen. „Ich dachte mir, es kann nicht schaden hochzuziehen. Im Bereich Produktion konnte ich einiges dazulernen und habe viele Gleichgesinnte getroffen. In Sachen Musik ist Berlin einfach vorne mit dabei“, so Caro. Mehr von Donna J. gibt’s auf Soundcloud >>>

Wunsch vs. Realität – wie verlief das Ankommen in Berlin?

„Ich bin nach Berlin gekommen und habe mich erstmal komplett auf die Stadt eingelassen, habe mich musikalisch neu gefunden, mir Input geholt und mich inspirieren lassen. Die erste Zeit habe ich ganz viel Musik gemacht – und so ist auch mein Techno-Projekt entstanden. Der Sound ist experimenteller, auch Live-Sets werden ein Thema sein – ich bin wieder mittendrin.“

Und fehlt dir Stuttgart?

„Ich habe am Anfang erstmal Abstand von allem gebraucht, komme aber mittlerweile wieder sehr gern nach Stuttgart und vermisse es auch ab und an. Schließlich hatte ich eine gute Zeit im Kessel. Da ist auch musikalisch viel passiert, was mich geprägt hat und ohne das ich mit Sicherheit auch nicht nach Berlin gegangen wäre. Ich bin dankbar dafür und freue mich immer wieder in die alte Heimat zurückzukehren. Es ist einfach schön heim zu kommen, zur alten Base. Aber ich habe es bis heute nicht bereut, nach Berlin gezogen zu sein. Für meine persönliche Entwicklung war es sehr wichtig, ich habe viel über mich selbst herausgefunden, unter anderem auch wie wichtig mir die Musik ist.“

Mein Tipp, für alle, die auch überlegen nach Berlin zu ziehen?

„Also ich kann es nur empfehlen. Vor allem, wenn man im Süden groß geworden ist: Einfach mal raus aus der Komfort-Zone, mal schauen, wie man woanders klarkommt, was einen dort erwartet und sich auf das Erlebnis einfach einlassen. Zurück kann man ja immer. Für mich ist es auch nicht ausgeschlossen, dass ich irgendwann wieder nach Stuttgart komme, aber gerade fühle ich mich hier sehr wohl. Es ist einfach auch wichtig, mal rauszukommen. Und gebt euch Zeit anzukommen, ein Jahr dauert es mindestens.“

Siye Habteab – Account Manager (im kreativen Bereich)

Wer auf Siye trifft, weiß was „good vibes only“ bedeutet. Der 34-Jährige ist ein echter Sonnenschein, eloquent und für jeden Spaß zu haben. Kein Wunder vermisst man ihn im Kessel, kannte man ihn doch von den Hotspots der Stadt wie dem Bravo Charlie oder dem Beja, wo er jobbte, tanzte oder networkte. Dass es einem dann auch mal nach ein bisschen Abwechslung verlangt und einem Ort, der sich openminded nicht nur auf die Regenbogenfahnen geschrieben hat  – vor allem als schwarzer, schwuler Schwabe – ist mehr als nachvollziehbar. Die Sehnsucht nach Freiheit, sein zu dürfen, wer man ist, verschlug ihn schließlich mit 30 Jahren nach Berlin. Doch die Unsicherheit überwältigte ihn schnell. „Ich war zwar schon lange ein Freund der Stadt, der Alltag hier ist aber natürlich ein ganz anderer. Die drei Jahre Berlin haben mich definitiv mir selbst näher gebracht, ich habe viel über mich gelernt.“

Wunsch vs. Realität – wie verlief das Ankommen in Berlin?

„Das erste Jahr Berlin ist einfach so an mir vorbeigezogen. Hier eine Einladung, da ein Event, du vergisst schnell, wie lange du schon in ein und der selben Stadt verweilst. Ich war einfach nur in Berlin und das hat mich in meinem Leben, meinem Alltag angestrengt. Da war so eine Müdigkeit, die ich für mich nicht erklären konnte. Und erst beim Verlassen der Stadt habe ich mich dabei ertappt, wie ich mal wieder so richtig durchgeatmet habe und mir bewusst wurde: Das habe ich mir viel zu lange nicht mehr gegönnt, ich war zu lange in dieser Berlin-Blase – mit dieser Lebensgeschwindigkeit, dem Input und der Frequenz an Leuten, die man ständig kennenlernt, was man ja auch genießt und weshalb man hier hergezogen ist. Und dann stößt man an die eigenen Grenzen und muss sich irgendwann sagen: Stopp, das muss jetzt alles erstmal verarbeitet werden. Man kann nicht immer nur aufnehmen. Da muss man irgendwann mal eine Grenze finden und die Möglichkeiten, die daraus entstehen, nutzen. Es ist ja auch ein Netzwerk, das sich bildet.

Und fehlt dir Stuttgart?

Ich habe in Stuttgart ein tollen, diversen Freundeskreis, aber mir hat jemand gefehlt, mit dem ich mich identifizieren konnte. Als schwarzer, schwuler Schwabe war das für mich schon so ein Alleinstellungsmerkmal, bei dem ich mich gefragt habe, wen plagen die gleichen Sorgen wie mich, mit wem kann ich mich austauschen, weil ja doch ein Grundverständnis sehr viel zu deiner eigenen Reflexion und Selbstheilung beiträgt. Aber das braucht einen Auslöser, jemanden, der einem die richtigen Fragen stellt. Und in Berlin bin ich auf Menschen getroffen, die ähnliche Schicksale, Gefühle, Krisen durchlebt haben, das hat mich auch ein Stück weit geheilt. Die Diversität, die hier noch mal anders gelebt wird, das erlaubt einem in seiner persönlichen Entwicklung eine gewisse Authentizität. Ich habe meine Individualität schätzen und feiern gelernt. Aber ich vermisse die Entschleunigung, Gemütlichkeit, die kurzen Wege – und die Natur. Klar, gibt es hier auch Natur, Wälder und Parks, aber die Energie der Hauptstadt ist allgegenwärtig. Es ist anders, hier abzuschalten. Deshalb muss man immer wieder raus aus Berlin.

Mein Tipp, für alle, die auch überlegen nach Berlin zu ziehen?

Die gesunde Waage, sich in den „Zirkus“ hinein zu werfen, sich aber zum richtigen Zeitpunkt wieder rauszunehmen, um das alles für sich zu reflektieren und für sich einzuordnen, musste ich erst lernen. Das passiert nicht einfach. Ich war froh, dass ich, als sehr abgelenkter Mensch, der sich wenig mit sich selbst beschäftigt hat, erst mit 30 Jahren nach Berlin gezogen bin. Man kann sich hier schnell verlieren. Aber: Habt keine Angst vor Berlin, es ist nicht so groß, wie es sich anfühlt und zeigt Respekt. Berlin ist super offen, bunt und nett, solange man der Stadt mit einer gewissen Achtsamkeit begegnet. Zieht hier her, aber gönnt euch Wochenendtripps und Auszeiten.

Max Gorke – Bewusstseins-Trainer

Ob auf dem Board durch den Westen skatend, im Blue Tomato als Store-Manager alles koordinierend und vor dem Kottan mit den Jungs abhängend – Max ist einer dieser Exil-Schwaben, den man im Kessel gut kannte und natürlich immer noch kennt. „Aber zähle ich da jetzt als Ossi dazu?“ Wir finden: Wer mehr als die Hälfte seines Lebens im Kessel verbrachte, ist definitiv Stuttgarter. Und jetzt also Berlin. Warum? „Es war einfach mal ein Tapetenwechsel nötig.“ In Stuttgart seien die Möglichkeiten begrenzt gewesen. „Irgendwann kanntest du alle und vielleicht auch deshalb konntest du dich selbst nicht neu erfinden, du bist eben in einer Schublade festgesteckt.“ Und das ist in Berlin ganz anders. Dort konnte sich Max persönlich weiterentwickeln. Kein Wunder ist er jetzt Bewusstseinstrainer, vielleicht auch, um etwas zurückzugeben. Mehr erfahrt ihr auf Insta @thenewawareness

Wunsch vs. Realität – wie war das Ankommen in Berlin?

„Für mich war es der beste Schritt, den ich machen konnte, weil es sehr viel zu meiner persönlichen Entwicklung beigetragen hat. Wer bin ich, ohne meine Schublade, die vorher existiert hat, ohne den Ruf, der mir vorausgeeilt ist oder die Job-Position, die ich inne hatte? Irgendwo neu anzufangen und eine Stadt neu zu erkunden, das ist schon ein schöne Sache. Hier kehrt jeder vor seiner eigenen Türe. Es ist einfach anders.“

Was fehlt dir an Stuttgart?

„Ich weiß es mittlerweile krass zu schätzen, dass man sich nicht verabreden muss und trotzdem Leute trifft. Das hat echt Qualität, wenn du’s gezielt machen kannst. Die Mentalität, die Menschen in Stuttgart sind verlässlicher. Berlin ist so groß und alles ist viel unverbindlicher, was zwar auch nett ist, weil es eine sehr aufgeschlossene Stadt ist. In Stuttgart hast du es nicht leicht in einen Freundeskreis aufgenommen zu werden, aber wenn du mal drin bist, dann bist du drin.“

Mein Tipp, für alle, die auch überlegen nach Berlin zu ziehen?

„Ich würde jedem raten, mal in eine andere Stadt zu ziehen. Es muss ja nicht unbedingt Berlin sein. Aber mir hat es verdammt viel gebracht. Die letzten Jahre hier habe ich nicht nur mein Englischkenntnisse um ein Vielfaches verbessert – es gibt Tage da sprichst du nur englisch, weil es hier einfach multkulti zur Sache geht. Und das macht dich automatisch viel aufgeschlossener. Du kommst gar nicht auf die Idee, Unterschiede zwischen Sprachen, Hautfarben, Herkunftsländern, Geschlechtern zu machen, das juckt hier niemanden. Und das ist so erfrischend. Und: Wenn ihr eine Wohnung wollt, sagt dass ihr aus Stuttgart kommt, das kommt gut an.“

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