Stuttgart, wie hast du dich verändert

Unser Autor ist kürzlich nach sieben Jahren im Hamburger Exil zurück nach Stuttgart gezogen. Seine Heimatstadt erkennt er kaum wieder. Ein Blick von (halb-)außen.

Stuttgart – Im Februar 2020 war es soweit. Nach langer Abstinenz bin ich aus der selbsternannt schönsten Stadt der Welt (Hamburg) in die für mich schönste Stadt der Welt (Stuttgart) zurückgekehrt. Nicht nur weil wegen Corona das öffentliche Leben zum Erliegen gekommen und die Innen- zur Geisterstadt mutiert ist, musste ich mich erstmal neu orientieren. Denn Stuttgart hat sich in den letzten Jahren extrem verändert, stärker auf jeden Fall als Hamburg, obwohl während meiner Anwesenheit das hanseatische Gegenstück zu Stuttgart 21 endlich fertig wurde, die Elbphilharmonie.

Stuttgart, wie groß du geworden bist

Schon während meiner Zeit in der Hansestadt ist mir auf meinen gelegentlichen Heimatbesuchen aufgefallen, wie massiv und rapide sich die Landeshauptstadt gerade wandelt. Als gelegentlicher Pendler habe ich die Veränderungen wahrscheinlich stärker mitbekommen als die Kesseldauerbewohner. Es war, wie ein Kind aufwachsen zu sehen: Wenn man es jeden Tag sieht, bemerkt man die Veränderungen nicht so stark. Wenn man es aber nur jedes Ostern und Weihnachten zu Gesicht bekommt, kann man nur „wie groß du geworden bist“ rufen.

Als ich während meiner Hamburger Zeit alle drei bis vier Monate nach Stuttgart gefahren bin, konnte ich jedes Mal die Umbrüche schon vom ICE aus sehen. Bei jeder meiner Einfahrten in den guten alten Kopfbahnhof sind die Auswüchse der Bahnhofsbaustelle weiter vom Ground Zero von S21 nach außen gekrochen, wie unheimliche Kletterpflanzen. Zuletzt erreichten sie fast den Ufa-Palast. Dass der kurz darauf der Corona-Krise zum Opfer fallen sollte, konnte ich da noch nicht ahnen.

Neue Orte mit exotischen Namen 

Entlang der Baustellen entstanden neue Orte mit exotischen Namen wie Mailänder oder Pariser Platz, die aber kein mediterranes Flair versprühten, sondern anonyme Protzbauten beherbergten.

Für mich wirkte es bei meinen Gelegenheitsbesuchen, als ob die Gegend vom Bahnhof bis zum Milaneo im Tempo der Sims oder anderer städtebaulicher Computerspiele hochgezogen worden wären.

Blühende Landschaften vom Marienplatz bis zum Gerber

So wie sich S21 in den Stuttgarter Nordosten ausbreitete, dehnte sich im Südwesten der Marienplatz in Richtung Mitte aus. Schon als ich noch hier wohnte, hatte sich der Marienplatz längst zum Hipster-Hotspot der Stadt entwickelt, war für Partygänger aber von der Innenstadt abgeschnitten. Doch heute gibt es aufblühende Ecken vom Galao bis zum Gerber. An der Paulinenbrücke etwa verdrängte eine urbane Erlebnislandschaft mit Tischtennisplatte und Kletterwand parkende Autos und Junkies.

Als ich im Mai 2017 nach längerer Pause mal wieder in Stuggi war, dachte ich, dass neben dem Breuninger ein Ufo gelandet sei. Wie aus dem Nichts stand plötzlich das Dorotheenquartier da – funkelnd, fremd…

Ich vermisse das bodenständige Stuttgart

Ein bisschen vermisse ich das alte, ranzigere Stuttgart, in dem ich in den 90er Jahren sozialisiert wurde, als die „Benztown“ noch die Hip-Hop-Hauptstadt der Republik war und die lokale Elektrofachkette Lerche noch drei (!) Filialen auf der Königstraße betrieb.

Ich will mich aber nicht beschweren – über meine alte und neue Heimat. Im nationalen Vergleich kann sich Stuttgart echt sehen lassen, auch gegenüber dem gerade zur lebenswertesten Großstadt Deutschlands gekürten Hamburg. Einen Buchladen vom Kaliber des Wittwer habe ich im Norden vergeblich gesucht. Und in den Nischen der Großbaustelle Stuttgart haben sich etliche nette Kneipen und Cafés eingenistet.

Apropos: Über die ständigen Baustellen im engen Kessel sollte man nicht meckern. Gerade durch sie wirkt Stuttgart, auch im Vergleich zum weitläufigeren Hamburg, wie eine echte Großstadt.

Fotos: Sebastian Milpetz

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