Stuttgart-West: Sperrmüll wird zu Streetart

„Ist das Kunst oder kann das weg?“ Diese Frage stellt sich wohl auch das Personal der Sperrmüllbeseitigung, wenn es auf die Kunstwerke von Sven Schoengarth trifft. Denn der Künstler bemalt entsorgte Möbel, die auf der Straße stehen, um das Stadtbild im Stuttgarter Westen für ein paar Tage zu verschönern.

Stuttgart – „Ich hab einfach zu viel Schiss und Respekt vor dem Besitz anderer Menschen, um mich an Hauswänden zu verewigen“, meint Sven auf die Frage warum er denn gerade Sperrmüll zu seinen Leinwänden macht. „Dennoch finde ich es schön, wenn Graffiti-Künstler einem zu sauberen und durchstrukturierten Stadtbild ihren Stempel aufdrücken.“ Svens große Einflüsse sind Keith Haring, Andy Warhol und eine Aussage eines Professors.

Andy Warhol bringt ihm täglich das Zeichnen bei

Jeden Morgen klappt er sein Lieblingsbuch, die Andy Warhol Polaroidsammlung auf und zeichnet die Fotografien des Pop-Art-Künstlers in seinem eigenen unverkennbaren Stil ab. Zwei Zeichnungen pro Tag beim morgendlichen Kaffeetrinken. Dabei sind mittlerweile über 400 „daily sketches“ entstanden. „Zeichnen muss man täglich üben, damit die Hand irgendwann genau das malt, was sich der Kopf vorstellt“, ergründet Sven seine Motivation.

An den Fotografien fasziniert ihn vor allem, dass sie die Schwulenszene der New Yorker 70er und 80er Jahre dokumentieren und den männlichen Körper in sehr ästhetischer Form darstellen. Seine „daily sketches“ macht er hauptsächlich für sich selbst, um sich im Zeichnen ständig zu verbessern und seinen eigenen Stil zu finden.

Gay-Art als wiederkehrendes Element

Die Geschichte der schwulen Kunst und Fotografie zu ergründen ist eine seiner Hauptmotivationen beim Zeichnen. Als schwuler Künstler hat Sven es heutzutage viel einfacher als zu den Zeiten, in denen Homosexualität noch unter Strafe stand.

Politische Kunst für den CSD

Deshalb ist Sven in seiner Kunst auch bewusst sehr politisch. Zum CSD brachte er selbstangefertigte Botschaften in der Stuttgarter Innenstadt an. Die von ihm zweckentfremdeten Joghurt-Deckel trugen Sprüche wie „be nice“, „love is love“, „silence = death“ oder „i care for you“ und waren mit unterschiedlichen Symboliken, wie der Regenbogenfahne oder anderen politischen Zeichen, bemalt.

In diesen künstlerischen Nachrichten ging es ihm jedoch nicht nur um ein Zeichen gegen Homophobie. Auch Rassismus und Ignoranz sind Themen, die ihn beschäftigen. „Die Menschen, die ihre Zeit mit unnötigen Dingen verschwenden, könnten so viel mehr mit ihrer Zeit anfangen“, resümiert er.

„Ein Bein zum Geld verdienen und eins zum spielen!“

Sven investiert viel seiner freien Zeit in die Kunst. Doch das war nicht immer so. „Vor circa drei Jahren hat es mich einfach gepackt. Da habe ich angefangen zu zeichnen und zu malen, denn ich habe einfach einen Ausgleich zu meinem Job gesucht“, beginnt er zu erzählen.

Einen nachhaltigen Einfluss für Svens Schaffen hatte eine Aussage eines Professors aus Schwäbisch Gmünd, der den weisen Satz von sich gab, mit einem Bein die (finanzielle) Absicherung zu suchen, damit das andere Bein die Möglichkeit hat zu spielen. Und das ist ihm immer im Kopf geblieben. Das spielende Bein lässt ihm deshalb auch nicht mehr viel Ruhe und treibt ihn ständig zu neuen Ideen an.

Auf den Spuren Keith Harings

So sei ihm auch die Idee der Sperrmüll-Graffitis plötzlich beim Blick aus dem Fenster gekommen, erzählt er lachend. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite stand der aufgehäufte Sperrmüll und die leeren Flächen der Regalrückwände lächelten ihn an.

Ein paar Stufen und Pinselstriche später war sein erstes temporäres Streetart-Werk geschaffen. Dass seine charakteristischen Köpfe, Symbole und Figuren an die Graffiti Keith Harings‘ erinnern, nimmt er sichtlich geschmeichelt hin.

„…den Menschen, für einen kurzen Moment, ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern.“

Denn es geht Sven darum „Spuren zu hinterlassen und den Menschen, für einen kurzen Moment, ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern. Natürlich darf es jeden auch zum Nachdenken anregen aber das ist dann individuelle Interpretationssache“.

Ob das nun Kunst ist oder wegkommen kann? Sven Schoengarth ist wohl einfach ein verantwortungsvoller Streetart-Künstler, der ein bisschen politisch, unterhaltsam und nachdenklich ist.