Stuttgart demonstriert für Vielfalt

Tausende Stuttgarter haben am Freitag auf dem Karlsplatz gezeigt, dass der Protest in der Stadt friedlich, kreativ und vielfältig ist.

Stuttgart – Es dauerte eine Weile, bis die Stuttgarter Reaktion auf Chemnitz folgte. Nach einer kleinen Demo am 29. August auf dem Marienplatz folgte am Freitagnachmittag die Kundgebung „Gemeinsam Vielfalt leben“. Mehrere tausend Menschen verwandelten den Karlsplatz in ein buntes Meer aus Regenbogenfahnen und Protest-Plakaten.

Zahlreiche Bündnisse und Parteien haben aufgerufen

Zu Hunderten strömten Menschen aus Richtung Königstraße und Charlottenplatz in Richtung der Demo, zu der das Bündnis aus „100% Mensch“, „DISKONTEXT“ und „Bündnis Vielfalt für Alle“ aufgerufen hatte. Nachdem zunächst nur 1000 Demonstranten vom Veranstalter angekündigt waren, wurde die Zahl nach den Ereignissen in Chemnitz auf 6000 bis 8000 nach oben korrigiert.

Schon zu Beginn der Veranstaltung freute sich Moderator Holger Edmaier („100% Mensch“) über die Vielzahl an Demo-Teilnehmern, die im Laufe der auf 14.30 Uhr recht früh angesetzten Demo immer weiter anwuchs. Das zeige, wie eng die Stuttgarter und die Baden-Württemberger zusammenhalten würden.

Der Grund für die Demonstration war ursprünglich der „Bus der Meinungsfreiheit“, der am Freitag auf dem Stuttgarter Marktplatz Halt machte und einige wenige Bildungsplan-Gegner anlockte. Nach dem Aufmarsch rechter Gruppierungen und Parteien hatte sich die Demo „Gemeinsam Vielfalt leben“ aber ebenfalls zu einer Demo mit dem Motto „Wir sind mehr“ entwickelt, zu der zahlreiche Bündnisse und Parteien aufgerufen hatten.

„Irgendwelche Typen mit Hundekrawatten“

„Auch die Parteien im Rathaus sind vertreten“, bemerkte sogleich Oberbürgermeister Fritz Kuhn zu Beginn seiner Rede und fügte an, „jedenfalls die wichtigen“. Grüne, CDU, SPD, FDP, Linke und Freie Wähler hatten zu der Demo aufgerufen. Lediglich die AfD blieb der Demo fern.

Stuttgart sei eine Stadt der Vielfalt, die sich durch die Vielfalt nicht angegriffen, sondern ermutigt fühle, sagte Kuhn. Auch wenn der Rassismus bedauerlicherweise den Bundestag erreicht habe, wolle er sich nichts von „irgendwelchen Typen mit Hundekrawatten“ sagen lassen. „Seid wachsam, kümmert euch umeinander und kämpft gegen diesen Mob“, empfahl er den Zuschauern zum Ende seiner ergreifenden Rede, die vom Publikum mit einem sehr langen Applaus gewürdigt wurde.

„Eigentlich müsste ganz Stuttgart da sein“

Dass der Oberbürgermeister so klar Stellung bezog, hat auch Chanti Seta gut gefallen. Die 22-jährige Stuttgarterin war mit ihrem Freundeskreis zur Demo gekommen und freut sich über das bunte Publikum. Gekommen ist sie, „weil ich denke, dass es wichtig ist, präsent zu sein und zu zeigen, auf welcher Seite man steht“. Mit der Anzahl der Teilnehmer sind die drei Freunde zufrieden, obwohl eigentlich ganz Stuttgart da sein müsste, meint Judith Trenz.

„Das macht Mut“, bringt Michael Scheifele sich ein. Derzeit schaukle sich eine ausländerfeindliche Stimmung hoch, die einzelne Ereignisse instrumentalisiert. „Das ist deren Geschäftsmodell“, sagt Michael. „Traurig“, findet Judith, „dass man dafür auf die Straße gehen muss, dass alle Menschen wertvoll sind“.

Michael Scheifele, Judith Trenz und Chanti Seta

Drei Freunde gegen rechte Propaganda, rechte Gewalt und Homophobie

David Neumann (39) ist mit seinen Freunden Dustin Ullmann (30) und Felix Kahnt (30) gekommen, „um ein Zeichen zu setzen gegen rechte Propaganda und rechte Gewalt“. Auch Homophobie sei für sie ein wichtiges Thema, deswegen hatten sie unabhängig von den Ereignissen in Chemnitz geplant, die Demo auf dem Karlsplatz zu besuchen.

Die Masse an Menschen sei kein Vergleich zu den Demos zuvor. Trotzdem sagt David, „es wäre wünschenswert, wenn noch mehr kommen würden“. Stuttgart sehe er als Vorreiterstadt, was Integration und Vielfalt betreffe. „Ich als Schwuler habe noch keinerlei Anfeindungen erlebt“.

Felix Kahnt, David Neumann und Dustin Ullmann

Analoger Protest abseits von Pöbeleien im Netz

Caroline d’Orville findet, man müsse den Protest auf die Straße bringen, sie sei da, um „analog Position zu beziehen“. Sie wolle sich insgesamt gegen die populistischen Strömungen positionieren. Online tue sie das bereits, etwa auf der Plattform Reconquista Internet. Weil die vielen Pöbeleien im Netz aber anstrengend seien, versuche sie eben auch analog dabei zu sein.

Die 35-Jährige freut sich darüber, dass auch Musiker auf der Demo vertreten sind. Etwa ein Chor der Stuttgarter Oper, der Rapper KWADI oder Noah Kwaku mit seiner Band. Der hatte sich auch schon vorab geäußert: „Es sind so turbulente Zeiten, dass ich es für wichtig empfinde, Menschen mit Musik zu erreichen und zu verbinden.“

Caroline d'Orville

„Eure Kinder werden so wie wir!“

Die positive Stimmung auf dem Karlsplatz erfasste die Menge, die sich von der Rückseite des Landesmuseums bis hin zum Reiterdenkmal erstreckte. Zwischenzeitlich mischte sich auch der Oberbürgermeister unter die Demonstranten und verfolgte die Demo aus der ersten Reihe. Einige Meter weiter von ihm war auch Gökay Sofuoğlu, Vorsitzender der Türkischen Gemeinde in Baden-Württemberg, in der friedlichen Menge zu sehen.

Das Auge der Polizei lag eher auf dem Marktplatz, wo Demonstranten in Richtung des von ihnen selbst betitelten „Stussbusses“ skandierten: „Eure Kinder werden so wie wir.“

Mehr aus dem Web