Street-
fashion: Von Ludwigsburg nach Tokio

Mit eigenen Schnitten und hochwertigen Stoffen macht das junge Label „UMTC STUDIOS“ von sich reden. „Breakdown Communications“ ist das Thema der aktuellen Kollektion.

Ludwigsburg – Ob es der letzte Schritt auf dem Weg vom Hobby zur waschechten Modekollektion oder der erste Schritt im professionellen Fashionbusiness ist, darüber sind sich die Ludwigsburger Kai Bechtle und Florian Bless noch nicht einig. Doch der Launch der Frühlings- und Sommerkollektion in ihrem „Open Office“ zeigt, dass die beiden inzwischen einige Fans im Raum Stuttgart haben, was Kai zu schätzen weiß: „Für die Ludwigsburger ist die Reise nach Stuttgart ein Katzensprung, für die Stuttgarter die Fahrt nach Ludwigsburg eine Weltreise“, sagt er und lacht.

Im Atelier von UMTC STUDIOS

Treffen sich ein Friseur und ein Industriefotograf

Rund 150 Gäste kamen um die neue Kollektion mit dem Thema „Breakdown Communications“ zu sehen, auch online ist die begehrte Ware demnächst erhältlich. Prints wie „Panic Attacks“, „Live on Television“ oder „I give you a mental breakdown“ zieren die Hemden, T-Shirts und Hosen der aktuellen Kollektion, die stets gut gelaunten Labelchefs dagegen schreien nicht gerade nach einem Nervenzusammenbruch.

Sonst hätte es sich wahrscheinlich auch anders ergeben im Jahr 2012, als Kai und Flo sich kennenlernten. Flo, der eine Ausbildung zum Friseur gemacht hat, schnitt damals die Haare vom neun Jahre jüngeren Kai. Flo hatte damals schon mit einem Freund ein kleines T-Shirt-Label namens „The Ultramatic“ gestartet. Kai, der sich noch in der Ausbildung zum Industriefotograf befand, schoss dann die Fotos für die kleinen Kollektionen, die laut Flo den Namen „Kollektion“ noch nicht wirklich verdient hatten. „Es war noch ein Hobby, ich wollte aber mehr daraus machen“, sagt der 32-Jährige, mit den auffälligen Tätowierungen am Auge. „So what?!“ prangt über der rechten Augenbraue und „So what?!“ haben sich Kai und Flo wahrscheinlich auch 2015 gedacht, als sie die erste gemeinsame Kollektion entwarfen.

Kai, Lea und Flo bei der Arbeit im Atelier.

Sich dem System Mode beugen?

„The Ultramatic“ war passé, „UMTC STUDIOS“ war geboren. Mit Kai im Boot entstand das erste professionelle Lookbook. Die Kollektion mit dem Thema „Confused“ und zehn Teilen, darunter nun auch eine Regenjacke und Caps, kam ins Rollen. Der Anspruch der beiden zu Beginn: sich dem System Mode so wenig wie möglich zu beugen. Doch das hat sich schnell geändert. „Wir haben gemerkt, dass wir das müssen“, sagt der 23-jährige Kai, insbesondere im Hinblick auf den immer gleichen Rhythmus aus Herbst-/Winter- und Frühlings-/Sommer-Kollektionen. Magazine, an die sie herangetreten sind, waren von „UMTC“ eigentlich angetan, die Antwort war aber meistens: „Ihr seid zu früh/zu spät dran.“

Den ersten großen Erfolg konnten die beiden dann ganz zufällig für sich verbuchen. Auf der der Fashionweek 2016 in Paris waren sie als Zuschauer zu einer Show gekommen, bei der auch ein japanischer Agent anwesend war, der Mode und Labels in mehreren Läden in Japan „positioniert“. Erst im Nachhinein hat sich der Japaner bei einem gemeinsamen Kontakt erkundigt, welche T-Shirts die beiden Ludwigsburger dort anhatten.

Zwei Wochen später haben sie die ersten Sachen dann nach Japan geschickt, an einen Shop namens „Cannabis“. Noch im Dezember 2016 waren die zwei für einen einwöchigen Pop-Up-Store selbst vor Ort. Auch jetzt, nach drei Besuchen in Tokio, sind die zwei noch überrascht, dass „UMTC STUDIOS“ gerade in Japan Anklang findet. „Das ist jedes Mal aufs Neue wieder ein komisches Gefühl. Du hängst da in einer richtigen Boutique die Sachen von denen ab, machst deinen Pop-Up-Store und hängst dein Zeug hin“, sagt Kai.

Im Januar 2018 haben Flo und Kai Verstärkung bekommen. Der Grund dafür: In Zukunft wollen sie nicht nur eigene Designs per Sieb- oder Digitaldruck auf sogenannte Rohlinge, also von anderen Textilunternehmen eingekaufte Schnitte, aufbringen, sondern ihre eigenen erstellen.

„Jetzt fühlt es sich auch so an, dass wir wirklich ein Brand sind“,

kommentiert Kai den Einstieg von Lea Wennberg, die im Vorjahr ihre Ausbildung zur Modedesignerin an der Stuttgarter Modeschule Brigitte Kehrer abgeschlossen hatte. Mit dem obligatorischen Maßband um den Hals ist sie seit Jahresbeginn die oberste Schnitt-Instanz an der Nähmaschine im Hause „UMTC“. Im 55 Quadratmeter großen Atelier, nur 500 Meter vom „Open Office“ entfernt, befinden sich jetzt Lager, Nähmaschine und Siebdruck-Station.

Bio-Qualität von der Alb

Doch für die eigenen Schnitte brauchten die zwei auch einen Textilfabrikanten, der ihnen qualitativ hochwertige Stoffe liefern konnte. Nach längerer Suche wurden die beiden auf der Schwäbischen Alb fündig, die vor 20 Jahren noch als Textilhochburg galt. Asien kam für sie nicht in Frage, auch Marokko oder die Türkei war ihnen zu weit weg. Praktisch vor der Haustür in Albstadt fanden sie in der Firma „Maute + Renz“ ihren passenden Partner, der für die Herbst-/Winter-Kollektion hochwertige Stoffe in Bio-Qualität produziert und färbt. An das erste, eigenartige Aufeinandertreffen im Büro des Unternehmens kann sich Kai noch gut erinnern: „Die haben uns gefragt, wer seid ihr, wo kommt ihr her?“

Die Herbst-/Winter-Kollektion besteht aus 48 Teilen

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48 verschiedene Teile haben sie mit Leas Unterstützung für die kommende Kollektion angefertigt, darunter Hosen, Taschen, T-Shirts, Rollis, Zipper und Longsleeves. Die Stoffe fühlen sich hochwertig an, schwer aber trotzdem flexibel. Auch eine kleine Kooperation mit dem norwegischen Outdoor-Brand Helly Hansen ist auf dem Weg.

Derzeit sind die Samples der Herbst-/Winter-Kollektion auf einer Messe in Japan ausgestellt, von dort gehen die Bestellungen dann wieder nach Ludwigsburg zurück. Das, obwohl vorige Woche erst die Sommerkollektion in den Verkauf ging. „Immer ein Jahr im Voraus zu arbeiten, daran musste ich mich auch gewöhnen“, sagt Flo.

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