StadtRegal: Das neue Projekt am Österreich-
ischen Platz

Am Österreichischen Platz gibt es seit letzter Woche das temporäre Projekt „StadtRegal“, das sich mit der Gerechtigkeit der Nutzung von öffentlichen Räumen auseinandersetzt. Stadtkind hat sich mit Ali Hajinaghiyoun getroffen, der das Ganze mit anderen Studenten verwirklicht hat.

Stuttgart – Das „StadtRegal“ besteht aus hellem Holz. Eine silberne Küchenzeile blitzt auf. Jede Seite scheint etwas Anderes zu verbergen. Schwarze Texte auf den Holzflächen geben mehr Informationen zur Nutzung. Foodsharing ist am Österreichischen Platz angekommen. Doch das „StadtRegal“ ist mehr als eine Station für gerettete Lebensmittel – das Ziel: Die Zusammenkunft von unterschiedlichen Sozialgruppen soll gefördert werden. Die Idee dahinter stammt von Ali Hajinaghiyoun, Felix Haußmann und Martin Schusser, drei Studenten der Uni Stuttgart, die das Projekt in Kooperation mit der Initiative Stadtlücken für sechs Wochen (bis 8. August) unter der Paulinenbrücke stemmen.

StadtRegal – alle können bestimmen

Es ist der erste Samstag nach der Einweihungsfeier. Spontan haben sich Ali Hajinaghiyoun und Andere dazu entschlossen beim „StadtRegal“ einen kleinen Brunch zu veranstalten. Eine kleine, noch etwas verschlafene Gruppe steht um die Küche vom „StadtRegal“, die aus einer ausziehbaren, silbernen Küchenzeile besteht. Auf dieser wird ein Teig für Pfannkuchen zubereitet. Ein Mann, der als „Barista-Micha“ vorgestellt wird, schenkt jedem Kaffee aus, der auf ihn zukommt. Von der gegenüberliegenden „Mozarella Bar“ hat ein Mitarbeiter einen großen Topf mit Suppe vorbeigebracht und meint: „Es gibt Menschen, die es einfach mehr gebrauchen können.“ Ali Hajinaghiyoun kommt mit ihm ins Gespräch und bedankt sich am Ende bei ihm.

„Stadtregal“ – geplant und verwirklicht von Ali Hajinaghiyoun (2. von links) und Felix Haußmann (2. von rechts) Foto: StadtRegal

Wenn Ali von der Eröffnungsfeier erzählt, strahlt er. Und erklärt was hinter dem Projekt „Stadtregal“ steckt: Städtische Räume, wie unter der Paulinenbrücke, die früher als Parkplätze genutzt wurden, werden in Stuttgart zu einer freien Fläche. Dadurch entstehen Möglichkeiten für andere Mobilitätsarten und die Fläche kann gleichzeitig von mehreren Menschen genutzt werden. Wodurch sich die Frage stellt: Wer bestimmt darüber, was auf dieser Fläche geschieht? Das „Stadtregal“ ist, wie Ali erklärt, „ein Experiment zur demokratischen Konfliktgestaltung für diesen öffentlichen Raum.“ Was bedeutet, dass alle Menschen darüber entscheiden können, wie sie das „StadtRegal“ und die Fläche darum nutzen.

Architektur kann Menschen verbinden

Ali meint, dass gerade hier am Österreichischen Platz und unter der Paulinenbrücke unterschiedliche Menschen aufeinandertreffen, aber doch irgendwie aneinander vorbeilaufen würden: „Vormittags sind hier (unter der Paulinenbrücke) die Obdachlosen und abends gesellen sich Architektur-Studenten und Hipster dazu“, beobachtet Ali Hajinaghiyoun und meint weiter: „Dann stehen die Obdachlosen abseits, fühlen sich unwohl oder kommen erst wieder her, wenn alle anderen weg sind, um die Pfandflaschen einzusammeln.“ Ali findet, dass das schade ist. Er sieht in der Architektur die Möglichkeit einen Raum zu schaffen, wodurch Menschen aufeinandertreffen und ins Gespräch kommen können. „Das klingt vielleicht sozial romantisch“, meint er und lächelt, aber zu viel Romantik gäbe es ja schließlich auch nicht.

Ali kommt im Gespräch auf Micha, der gerade Kaffee an der Küchenzeile ausschenkt. „Micha ist gleich am Anfang auf uns zugekommen und hat gefragt, was das hier ist.“ Seitdem schläft Micha auf einer freinutzbaren Holzfläche am „StadtRegal“, kümmert sich um die Küche und sorgt jeden Tag für frischen Kaffee. Gleichzeitig ist Ali aber wichtig: „Es ist kein Obdachlosen-Projekt, sondern für unterschiedliche soziale Gruppen gedacht.“ Denn darum soll es gehen, dass Menschen mit den verschiedensten Hintergründen und Interessen aufeinandertreffen und es auch für alle Leute zugänglich bleibt.

Das „StadtRegal“ ist vielseitig

Was das Stadtregal alles kann? Es ist eine Küche, ein FairTeiler, eine Verleihstelle für Lastenräder und eine frei nutzbare Fläche, aber vor allem soll es eben Menschen verbinden. Für das Projekt arbeiten Ali und Felix mit mehreren Initiativen aus Stuttgart und der St. Maria Kirche als zivilgesellschaftlichem Träger zusammen. Das Stadtregal bietet viele Möglichkeiten:

Foto: StadtRegal

Die Küche: Eine ausziehbare Küchenzeile bietet die Möglichkeit, Essen zuzubereiten und Kaffee oder Tee zu kochen. Denn die Küche hat eine Strom- und Wasserversorgung. Jeden Dienstag im Juli kann jeder zusammen mit der Initiative „Commons Kitchen“ kochen, die Lebensmittel vor der Mülltonne rettet und die Möglichkeit bietet, mit den unterschiedlichsten Menschen ins Gespräch zu kommen. Auf Anfrage kann aber auch sonst jeder die Küche nutzen.

Foto: StadtRegal

Der FairTeiler: Durch die Zusammenarbeit mit der Initiative „Foodsharing“ können auf den ausgezeichneten Regalflächen und im Kühlschrank von Foodsavern gerettete Lebensmittel vorbeigebracht werden. Diese kann jeder mitnehmen oder auch selbst Lebensmittel vorbeibringen, die nicht verbraucht werden können. Mehr zu Foodsharing und den FairTeilern in Stuttgart findet ihr bei uns hier >>>

Foto: StadtRegal

Der Verleih von Lastenrädern: In einem weiteren Teil von „StadtRegal“ lässt sich ein Lastenrad entdecken. Denn durch die Initiative Lastenrad Stuttgart kann man auf Spendenbasis ein E-Lastenrad ausleihen. Wie das funktioniert? Auf der Website registrieren, buchen, abholen und wieder zurückbringen. Die genauen Anweisungen gibt’s aber auch nochmal am „StadtRegal“ oder auf der Website der Initiative.

Foto: Susanne Klöpfer

Die freie Fläche: Ein Teil vom „Stadtregal“ kann frei genutzt werden. Ob zum Arbeiten, als Schlafplatz oder was einem sonst so einfällt.

StadtRegal: Am Österreichischen Platz, unter der Paulinenbrücke, noch bis 8. August 2019, mehr Infos gibt’s beim StadtRegal auf facebook und instagram