#stadtkindontour in… Schweden

Deutschland spielt gegen Schweden – zweites Spiel und schon eine Zitterpartie. Dabei muss man vor den Schweden gar keine Angst haben. Bester Beweis ist Peter Ardmar, aus dem hohen Norden ’neigschmeckter Stuttgarter. Er bringt schwedische Kultur in den Kessel.

Stuttgart – Peter Ardmar steigt mit seiner kleinen Gefolgschaft aus der U-Bahn. Voll beladen mit Klappstühlen, einem Grill, Kisten mit Picknickdecken, Essen und Getränken marschiert die Gruppe zu einer Wiese direkt neben dem Max-Eyth-See. Peter breitet die Decken aus, sein Kumpel hängt eine übergroße schwedische Flagge unter einen Kirschbaum. Peters Eltern haben es sich auf den Klappstühlen bequem gemacht und stoßen mit Schnapsfläschchen an: „Skål!“ – Prost! Der Tag vor dem WM-Spiel Deutschland gegen Schweden ist Midsommar, Sommersonnwende. Für die Schweden bedeutet das: Party!

Was Stuttgart zu bieten hat – und was fehlt

Peter Ardmar lebt seit fünf Jahren in Stuttgart. Die Puppen haben ihn hierhergebracht, genauer gesagt sein Freund, der an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Stuttgart Figurenspiel studieren wollte. Schon davor hat Peter zwei Jahre in Berlin gelebt, hat 2006 die Weltmeisterschaft in Deutschland verfolgt. Dann ging er nach Wien. Jetzt also Stuttgart. „Es ist eine schöne Gegend. Die Kessellage, viel Grün, der leicht mediterrane Touch mit den Weinbergen… und das Essen!“

Eine Sache aber fehlt eindeutig: „Ich vermisse das Meer, die Nähe zum Wasser. Klar, es gibt Badeseen, aber das ist nicht vergleichbar damit am Strand zu sitzen und rüber zu schauen nach Kopenhagen.“

„Schwedische Kultur hierher bringen“

Es ist Nachmittag, 16 Uhr. Dicke Wolken hängen am Himmel, ein ungewöhnlich frischer Wind weht. Peter schaut nach oben: „Typisch schwedisches Wetter“, sagt er und lacht. „Da fühle ich mich wie zu Hause!“, ruft sein Vater. Seit neun Jahren organisiert Peter mit seinem Freund jedes Jahr ein Fest nach schwedischer Tradition. Letztes Jahr Flusskrebs-Party („Alle angeln und essen rote Flusskrebse und trinken Schnaps“), dieses Jahr Mittsommer-Party (genauso viel Schnaps, nur ohne Flusskrebse). „Ich möchte ein Stück schwedische Kultur hierherbringen“, sagt der 38-Jährige.

Das scheint gut anzukommen: Die meisten Leute, die sich für die kleine Feier am Max-Eyth-See angemeldet haben, sind Deutsche. Jeder bringt etwas mit, es wird ein Buffet aufgebaut – „Smörgåsbord“ heißt der Tisch mit Leckereien. Nicht fehlen darf der Fisch, am besten Hering. Daneben wird Wikingerschach („Kubb“) gespielt: Mit viel Präzision versucht man aus ein paar Metern Entfernung mit Wurfhölzern die Holzklötze der gegnerischen Mannschaft umzuwerfen.

Skandinavische Restaurants? Fehlanzeige.

Wenn Peter nicht gerade traditionelle Feste feiert, findet sich nicht viel Schweden in Stuttgart, meint er: „Im Bohnenviertel gab es mal ein skandinavisches Restaurant, aber jetzt gibt es nur noch ‚Linas Köttbullar‘ im Milaneo.“ Für den Schweden ist das aber kein Beinbruch: „Ich gehe gerne ins Café Lis und auch sonst gibt es hier ja viele gute Locations, wo man hingehen kann.“ Wie oft er auf ein bestimmtes schwedisches Möbelhaus angesprochen wird? „Schon oft. Das und Köttbullar…“, sagt er und lacht. Dabei ist der Grafikdesigner gar kein so großer Fan der Billigmarke. Überrascht ist er nur von dem Supermarkt-Charakter der schwedischen Möbelhäuser hier in Deutschland: „Da kann man ja echt alles kaufen: Möbel, Köttbullar und Knäckebrot.“

Auch die schwedische Mentalität ist ein bisschen anders, sagt Peter. Alles ein bisschen lockerer, offener: „Wer zum Arzt geht, spricht den nicht mit ‚Herr Doktor‘ an, sondern einfach mit seinem Vornamen.“ Generell sind die Schweden dazu übergegangen, die Höflichkeitsform „Sie“ komplett aus ihrem Sprachgebrauch zu streichen. Macht die Sache einfacher.

Erst nach Stockholm, dann nach Malmö

Wer die Schweden live und in Farbe bei einem Urlaub im hohen Norden kennenlernen möchte, dem empfiehlt Peter erst einmal Stockholm – der Klassiker. Das könnte man dann mit einer Reise in den Süden Richtung Malmö verbinden: „Dort regnet es nur selten und die Strände sind schön. Bisschen teuer, aber mit dem Wohnmobil kann man dort super Urlaub machen.“ Probieren sollte man dann auch „surströmming“, eine schwedische Spezialität: Eingelegte Heringe, durch Säuerung konserviert. Wer sich traut, sollte die Dose unter Wasser öffnen (Explosionsgefahr!) und die Fische vor dem Essen abspülen. Verzehrt werden sie dann eingerollt in ein dünnes Brot, mit Zwiebeln und Frischkäse.

Fußball-Fieber auch im Norden

Das Fußball-Fieber hat auch die Schweden fest im Griff. Public Viewing gibt’s auf großen Bildschirmen und nach einem Sieg gehen die Fans auf die Straße und baden in öffentlichen Springbrunnen. Klingt skurril, aber die Google-Fotosuche bestätigt es. In Schweden sind die Leute eben ein bisschen lockerer. Peters Tipp für das Gruppenspiel? „Ich denke, dass Deutschland gewinnt, aber ich hoffe auf ein 1:1. Dann haben beide Teams noch eine Chance.“