#stadtkindontour in…Mexiko

Diesen Sonntag geht die WM endlich auch für Deutschland los. Im ersten Vorrundenspiel trifft der deutsche Kader am frühen Abend auf Mexiko. Grund genug, um das lateinamerikanische Land mal genauer unter die Lupe zu nehmen. Dabei geholfen hat uns Mexikanerin Karla.

Stuttgart – Karla Dennise Gallardo Espinoza – mehr Mexiko in einem Namen geht nicht. Die 31-Jährige ist – wie der Name schon verspricht – ein echtes Energiebündel, mischt den Kessel entweder mit ihren Burlesque-Einlagen tänzerisch auf oder organisiert als Eventmanagerin Feste, die in Erinnerung bleiben. Geboren ist sie in Guadalajara, aufgewachsen in Ehnigen bei Böblingen. „Ein Kulturschock“, gibt die Powerlady heute zu. „Plötzlich war alles so leise.“ Doch der Schock war irgendwann überwunden. Seitdem lebt sie gern in Stuttgart, organisierst unter anderem das Urban Yoga Weekend und mit ihrem Freund, Kraftpaule Thorsten Schwämmle, das mexikanische Totenfest „Dia de los Muertos“. Uns hat sie verraten, wo sie Fußball guckt und wem sie die Daumen drückt. Dreimal dürft ihr raten.

Mexiko im Herzen

In der Straße in Guadalajara, wo Karla aufwuchs, sei die Werkstatt ihres Opas gewesen, daneben der Tante-Emma-Laden der Oma. „Ich war nie wirklich allein. Dann in Deutschland zu sein, das war total komisch.“ Sie habe es als total gruselig empfunden, den Zug, der nachts fuhr, in drei Kilometer Entfernung zu hören. „Wenn wir abends durch Ehningen gelaufen sind, haben wir uns immer gefragt: Wo sind denn die Menschen? Warum fahren die Busse am Wochenende nicht und wieso sonst nur jede halbe Stunde?“ In Deutschland sei Karla auch vielen Vorurteilen gegenüber getreten, viele Leute dachte sie käme aus dem Dschungel, Mexiko sei dritte-Welt-Land, da gäbe es keine Entwicklung. „Dabei ist Mexico-City eine wahnsinnige Großstadt, mit 20 Millionen Einwohnern, einem top ausgebauten Bus- und Bahn-System.“ Die Stadt habe extrem viel zu bieten. Es sei einfach nur anders. In der Schule hat die gebürtige Mexikanerin auch mit Rassismus zu kämpfen, aber das schiebt sie unter anderem auch auf die Unwissenheit der Kinder. „Die dachten sich wahrscheinlich: Okay, die ist anders und fremd, spricht die Sprache nicht.“ Ihrer Mutter sei es damals sehr wichtig gewesen, dass Karla sich nur noch auf deutsch verständige. Man habe sich große Mühe gegeben, sie zu integrieren.

Aber bei mir hat es extrem lange gedauert bis ich mich in Deutschland richtig wohl gefühlt habe. Bis ich sagen konnte: „Okay, das ist jetzt mein Zuhause“, sind bestimmt acht Jahre vergangen.

Mit 18 Jahren habe sie auf dem Wirtschaftsgymnasium zwei Freundinnen gefunden, die ihr inneren Frieden gaben. „Ich wusste es gibt Leute, denen ich vertrauen kann. Da war dann der Punkt gekommen, als Deutschland cool für mich war.“ Man würde ja auch Aufklärungsarbeit leisten, findet Karla. „Mexiko wurde immer in einen Topf mit Drogen geschmissen, die Leute haben zu mir gesagt: Du bist verrückt, dass du dort dein Auslandssemester verbringst. Allein für die Tacos würde ich alles tun“, sagt sie lachend. Alle zwei Jahre sei man nach Mexico geflogen, immer vier bis sechs Wochen, über die Sommerferien. Als die Burlesque-Tänzerin dann in Tübingen empirische Kulturwissenschaft und Anglistik studiert, das Auslandssemester auf den Winter fiel und Guadalajara als Partnerstadt in Frage kam, war für Karla gleich klar: „Okay, ich gehe nach Mexiko.“ Sie kam bei einem Onkel unter, Punk und Pressesprecher der mexikanischen Buchmesse, er wohnte neben Karlas ehemaligen Kindergarten. „Da war ich voll in meinem Barrio. Es war so schön, in dem Viertel zu sein, wo ich aufgewachsen bin.“ Die Uni hatte ein großes Angebot und die damals junge Studentin entdeckte die alte Heimat wieder für sich. „Es war so, als wäre ich nie weg gewesen, ganz natürlich, das Lebensgefühl, die Leute, das Essen, dass es bunt und laut ist. Klar, ist einem das auch manchmal zu viel, vor allem wenn es heiß ist.“

Ich bin froh hier zu sein und habe Deutschland eine Menge zu verdanken, viele Möglichkeiten hätte ich sonst nicht gehabt, vor allem auch im Bereich Burlesque.

Allein die Tatsache in Europa zu sein, ist ein Traum – die kurzen Wege. Man kann hier für wenig Geld viel sehen, allein mit dem TGV ist man in drei Stunden in Paris. Und die deutschen Männer seien wahre Gentlemen.

Frida Kahlo an den Ohren

Und wie integriert Karla Mexiko in ihren Alltag? „Durch die Klamotten. Ich bin ein riesen Frieda Kahlo-Fan.“ Klar, dass die mexikanische Künstlerin, Karlas Ohrringe und Armbänder zieren. Vor etwa neun Jahren hatte die 31-Jährige angefangen sich mehr mit Kahlo zu beschäftigen, auch im Zusammenhang mit dem Dia de los Muertos (siehe unten). „Da fing das bei mir so richtig an, dass ich die Totenköpfe usw. gesammelt habe. Da hatte ich auch ständig Übergepäck, wenn ich aus Mexiko zurückkam. Und im Sommer trage ich diese typischen Blumenkleider total gern.“ Ansonsten hört die Eventplanerin viel lateinamerikanische Musik. Auch Salsa hat Karla im Blut.

Dia de los Muertos

Mit dem Tod wird in Mexiko anders umgegangen. In ihrer Abschlussarbeit hat sich Karla ausgiebig mit der Thematik beschäftigt und auch einen Vergleich mit der deutschen Trauerkultur gewagt. „In Bezug auf den Dia de los Muertos glauben wir, dass die toten Menschen aus dem Jenseits zurückkommen. Sie können aber nur zurückkommen, wenn wir ihnen einen Gabentisch – mit den Lieblingsessen und -getränken – bereiten und sie einladen.“ Der Mensch sei erst dann weg, wenn man ihn vergessen habe. „Auch ein Stuhl wird freigehalten und natürlich wird auch getrauert, aber man erinnert sich eben ganz offen.“ Die Blumen sind übrigens gelb, weil Gelb die Farbe ist, die die Toten sehen können. Der Tod sei in Deutschland so schwarz und ein Tabu, man will nicht darüber reden. „In Mexiko ist das nicht so, du siehst es mit Humor. Du weißt ja, es ist nicht vorbei.“

Zusammen organisieren sie das mexikanische Totenfest „Dia de los Muertos“ in Stuttgart: Thorsten Schwämmle und Karla Dennise Gallardo Espinoza.

Karlas Oma würde sich das, was Karla und Thorsten da veranstalten, sicher auch anschauen, ist sich die gebürtige Mexikanerin sicher. „Sie würde vielleicht sagen: Was machst du da auf der Bühne, aber hätte bestimmt ihren Spaß.“ Bei der Party würde man dann auch ihr Bild aufstellen. Und die Leute ziehen mit und stellen auch Bilder ihrer Verstorbenen dazu, auch von Haustieren.

Bereits im achten Jahr organisieren die beiden das Totenfest schon und das nicht zum letzten Mal. „Schließlich haben wir auch den ganzen Keller voll mit Deko.“ Es sei einfach auch was anderes. „Klar, ist es eine Party, aber wir werden auch nicht müde zu sagen, dass wir den Toten gedenken wollen und da sind, um mit ihnen zu feiern.“

Das Kraftpaule-WM-Studio

Und wo guckt Karla Fußball? „Ich bin eigentlich Fußball-Banause“, gibt sie zu. Der nationalistische Touch habe sie immer ein bisschen gestört. „Ich bin nicht stolz Mexikanerin zu sein, ich bin glücklich darüber.“ WM-Spiele schaue sie sich aber schon an. In erster Linie würde sie Mexiko die Daumen drücken, aber auch Deutschland. „Wenn Mexiko gegen Deutschland spielt, denke ich immer: Ach, Mexiko verliert eh, aber es wär schön wenn nicht – einfach mal was anderes.“ Und die Weltmeisterschaft wird natürlich im Kraftpaule-WM-Studio geschaut, am Sonntag in der Speiserei, direkt am Untertürkheimer Bahnhof. Dort gibt’s dann Spareribs, wilde Kartoffeln und Craftbeer von Kraftpauke. Ansonsten würde Karla auch gern mal im Biergarten vom Goldmarks gucken.

Mexiko in Stuttgart

Und wo erinnert Karla Stuttgart an Mexiko? Es habe am Stöckach früher den Laden Mezcal Hoch Zwei gegeben, das sei Karlas zweites Zuhause gewesen – eine mexikanische Tacceria, wo die Eventmanagerin auch gekellnert habe. Dann gibt es noch: Den echten Mexikaner in Fellbach, wo viel Hausmannskost serviert wird. Das Essen sei ganz lecker, findet Karla. „Stuttgart bei Nacht erinnert mich auch immer ein bisschen an Gualadeljara, immer wenn ich nachts gelandet bin.“ Ansonsten sei es schwer Mexiko zu vergleichen, „weil es zu groß ist.“ Stuttgart wäre ein Stadtteil davon.

Tipps für den nächsten Mexiko-Urlaub

In Mexiko-Stadt:

Chapultepec Park

Der Bosque de Chapultepec ist nicht nur der größte Park in Mexiko-Stadt, sondern mit seiner Fläche der größte Stadtpark in ganz Lateinamerika. Chapultepec bedeutet in der Azteken-Sprache Náhuatl „Heuschreckenhügel“ und diente schon den damaligen Herrschern als Residenz.

Casa Azul

Das blaue Haus von Frieda Kahlo.

Zócalo

Die Plaza de la Constitución (Platz der Verfassung), auch Zócalo (Sockel) genannt. Der Zócalo von Mexiko-Stadt gehört zu den größten und bekanntesten Stadtplätzen der Welt. Im Gegensatz zu vielen anderen Megastädten besitzt Mexiko einen eindeutigen Mittelpunkt, der nicht nur das Zentrum der Stadtregion von über 20 Millionen Einwohnern, sondern das Zentrum der nationalen Identität des ganzen Landes darstellt.

In Guadalajara:

Die gesamte Altstadt, alles im spanischen Kolonialstil. Abends kann man dort auch sehr lecker essen. Dann gibt es dort die älteste Kantina „La Fonda“.

Paseo Chapultepec 

Das ist eine Straße. Dort befindet sich ein Künstler-Markt, wo es viele mexikanische Sachen gibt, neu interpretiert. Tolle Bars, wo man super essen kann.

Der Friedhof Pantheon Mezquitán – natürlich besonders schön zum Dia de los Muertos.

Sonntags sollte man sich ein Fahrrad ausleihen. Denn dann sind viele Hauptstraßen gesperrt und man kann sich dort frei fortbewegen.

Ansonsten:

Sayulita Nayarit Mexico: Beach, Surf & Dining – Karlas Lieblingsstrand. Dort gibt es einen Friedhof am Strand, der auch sehenswert ist. Cancun, Tulum mit den Maja-Stätten, Ensenada mit Weinroute.

Rezept: Margarita Mezcal

Zutaten:

  • Salz
  • Mezcal blanco
  • 37 ml Cointreau
  • 20 ml Saft von zwei Limetten
  • 4-5 Eiswürfel
  • 1 Limettenscheibe

Zubereitung:

Mezcal, Cointreau, Limettensaft und Eiswürfel gut vermengen. Glasrand mit einer Limettenscheibe anfeuchten und in einem Teller mit Salz andrücken.

Mexiko

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