#stadtkindontour: Alleine reisen in Belfast

Wer alleine reist, reist mit offeneren Augen. Das findet auch Fotografin Julia Sang Nguyen, die ihren knapp zweiwöchigen Belfast-Aufenthalt mit der Kamera festgehalten hat. Uns hat sie verraten, warum es wichtig ist „Verbündete“ zu haben und wie es ist, dem eigenen Bauchgefühl zu vertrauen.

Stuttgart – Wenn Julia verreist hat sie ihre Kamera immer dabei. Einen genauen Plan, was sie fotografieren will, gibt es nie direkt. Meist ergeben sich die Motive erst nach der Erkundung der Umgebung und durch die Geschichte der Stadt – so war es auch in Belfast. Die 25-jährige freie Fotografin mit Gemeinschaftsatelier im Heusteigviertel war mit ihrem Studiengang der ABK Stuttgart in Irland. Vor allem die Story von Belfast hat sie nicht mehr losgelassen. Also entschied sie kurzerhand einfach länger zu bleiben, um mehr über die Hintergründe, der von einer Friedensmauer geteilten Stadt, zu erfahren.

Julia alleine in Belfast

Der sogenannte Nordirlandkonflikt geht viele Jahrhunderte zurück, als England im 16. Jahrhundert die gesamte Insel seiner Herrschaft unterzog. Die Iren verloren damit ihre politischen und wirtschaftlichen Selbstbestimmungsrechte und die Engländer versuchten, den anglikanischen Glauben im katholischen Irland durchzusetzen. Dies entfachte einen Glaubensstreit zwischen Protestanten und Katholiken, der bis heute sichtbar bleibt. Denn auch wenn der Nordirland-Konflikt beendet ist, sind die Mauern zwischen protestantischen und katholischen Wohnvierteln noch da.

Julia wollte wissen, wie es sich wohl anfühlt mit so einer Mauer vor dem Fenster. Also buchte sie über Airbnb eine Unterkunft in unmittelbarer Nähe. So ziemlich am Ende ihres Aufenthaltes dort checkte ein weiterer Gast ein: „Ich hatte so sofort ein ungutes Gefühl. Jedoch bin ich ein Mensch, der keine Vorurteile haben will, also wollte ich dem Mann eine Chance geben.“

Ziemlich schnell wurde der Fremde jedoch aufdringlich, wollte trotz dankendem Ablehnen mit ihr Whisky trinken und stand ungebeten in ihrem Zimmer. Julia fasste eine Entscheidung: Am darauffolgenden Tag verließ sie die Unterkunft.

„Ich hätte die Zeit so nicht mehr genießen können.“ Nachdem die Tür hinter ihr ins Schloss fiel und sie auf der Straße angekommen war, wollte Julia nur noch weg. Doch dann stand sie dort erst einmal vor der Mauer. „In diesem Moment habe ich zum ersten Mal die Mauer direkt gespürt und sie als eine Art Hindernis wahrgenommen.“

Danach ging es für Julia mit dem Bus zurück nach Dublin, in die Natur, um ihre Reise ausklingen zu lassen. Bis auf den einschüchternden Airbnb-Gast hat sie in Belfast nur positive Erfahrungen gemacht, viele Menschen kennengelernt, Geschichten eingefangen – und sogar „Freunde“ gefunden. „Ich hätte nie erwartet, dass man dort so offen gegenüber Fremden ist.“

Ein paar ihrer Geschichten hat sie mit uns geteilt.

Joan

„Ich sah die 82-jährige Joan durch das Friseur-Schaufenster. Um mehr über sie zu erfahren, entschloss ich mich dazu, den Laden zu betreten und mir für 11 Pfund die Haare kürzen zu lassen. Jetzt weiß ich: Sie kommt jede Woche und lässt sich etwas Neues machen.“

Derek

„Bei sogenannten Black Cab-Touren fährt man mit Einheimischen durch Belfast, die einem aus erster Hand die Stadt sowie den damaligen Nordirland-Konflikt erklären. Derek war mein Taxifahrer. Wir trafen uns in der Woche immer wieder auf der Straße, weil er noch andere Touristen herumfuhr. Er hielt immer an und fragte mich nach meinem Wohlbefinden und dem letzten Foto.“

Ladies Night

„Die Ladies schoben einen Barhocker zwischen einander, als ich alleine den Pub betrat. Wir tanzten zur Harfenmusik und Loreen wollte mir ihre Schuhe schenken, nachdem sie bemerkte, wie ich die ganze Zeit darauf starrte. Nach 15 Minuten kannte ich jeden an der Bar. Nachts riefen sie mir ein Taxi, damit ich zu meiner Unterkunft auf der anderen Mauerseite komme und vergewisserten sich noch einmal beim Fahrer, dass er auch wirklich den Weg wusste (ab 22 Uhr sind alle Sicherheitstore/Durchfahrtstore geschlossen, sodass man einmal um die Mauer herumfahren muss).“

The Old Tearoom

„The Old Tearoom in der Shankill Road war der Ort, an dem ich jeden Tag Lunch oder Afternoon Tea hatte. Wo man mich mit „Hey Julia…“ begrüßte und mit „see you tomorrow“ verabschiedete. Bei meinem ersten Besuch bestellte ich einen Regenbogenkuchen und kam sehr schnell mit dem Besitzer und seinem Team ins Gespräch. An dem Tag meiner Abreise bekam ich sogar eine Abschiedskarte. Faszinierend, wie schnell man Menschen ins Herz schließen kann.“

Alleine reisen: Tipps

Foto: Julia Sang Nguyen

Tipps fürs Alleine reisen? Julia fällt da so einiges ein: „Bis zum 26. Lebensjahr sind viele Sehenswürdigkeiten und Museen umsonst, das sollte man ausnutzen.“ Und wenn man mit der Kamera unterwegs ist? „Ich bin einfach mit einer Selbstverständlichkeit auf die Menschen zugegangen. Man war eher interessiert als abweisend.“

Ansonsten ist Recherche die halbe Miete: was sind die Gegebenheiten der Stadt? In welche Richtung läuft man? Und welche Anhaltspunkte gibt es? So findet man auch recht schnell heraus, an welchen Orten man Verbündete oder Kontaktpersonen kennenlernen kann. Manchmal ist das eine Touristeninformation, manchmal auch ein Café-Besitzer oder die Gastfamilie.

Was Julia jeden empfiehlt: Touren mit Einheimischen zu buchen, um den Ort besser kennenzulernen und herauszufinden, an welchen Ecken man sich gerade lieber nicht aufhalten sollte.
„Es ist außerdem wichtig, Selbstbewusstsein auszustrahlen und keine Angst zu haben. Dafür gibt es das eigene Bauchgefühl – darauf sollte man immer hören.“

Für alle Fälle gilt: Reisedokumente und Ausweise immer abfotografieren und in einer Cloud abspeichern.

Fotos: Julia Sang Nguyen

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