Stadtkinder über ihre Stadt: Pierre „Paradise“ Polak

Stuttgart, für immer erste Liebe? In unserer Reihe erzählen Stadtkinder, was sie an ihrer City so lieben – und was sie so richtig nervt. Diesmal: Fotograf und DJ Pierre „Paradise“ Polak.

Stuttgart – „Ich mag Stuttgart – die Stadt ist klein und gemütlich“, sagt Pierre „Paradise“ Polak als wir ihn im Stuttgarter Westen treffen. Der Fotograf lebt gern im Kessel, dass es damals wie heute immer noch viele nach Berlin zieht, kann er nicht nachvollziehen. Ihm sei die Hauptstadt viel zu hektisch – wenn er sich dort blicken lasse, dann nur zum Fotografieren. Apropos, als DJ ist der gebürtige Stuttgarter zwar schon seit über 20 Jahren im Stuttgarter Nachtleben unterwegs – Stichwort: Paradise Club im M1 – na klingelt’s basslastig in den Ohren? Doch ähnlich lang geht der Autodidakt auch seiner großen Leidenschaft nach – der Fotografie. Sich deshalb gleich Fotograf zu nennen, davor zierte er sich ewig, auch eine Ausstellung seiner Bilder kam für Pierre lange nicht in Frage. Nun fanden diese aber doch den Weg an Galerie-Wände. Seit vergangenem Wochenende hängen sie in der Stadtgalerie28 im Kaufhaus Mitte und machen dort noch bis Ende März die Räume ein kleines bisschen bunter.

Die Fotografie als Ausgleich

Und was war zuerst da – die Musik oder die Fotografie? „Eindeutig die Musik. Das fing im Jugendhaus West an. Damals war ich 16 Jahre alt und habe bei der Freitagsdisco aufgelegt“, erinnert sich Pierre. Aufmerksame Leser dürften Parallelen zur Kolchose feststellen. „Ja, wir kannten uns und waren Homies“, so der DJ. „Wir haben gebreakt, gesprayt, aufgelegt – damals ist das Hip-Hop-Movement entstanden und ich habe das richtig gefeiert.“ Und auch wenn Pierre damals ganz klassisch eine Ausbildung machte, zog es ihn doch auch immer mehr ins Stuttgarter Nightlife bis er irgendwann von seinen DJ-Gigs leben konnte. Wir sinnieren kurz über die guten alten Zeiten, die Party-Reihe Perfect Lovers, DAS Video, sieben Jahre M1, den Paradise Club und und und. Da hat sich viel verändert, dazu später mehr.

Mit der Cam raus aus dem Kessel

Doch wie so oft, hatte auch Pierre zum ewigen Gastro-Life irgendwann auch einen Ausgleich gebraucht. Der Kreativkopf sei dann immer mit seiner Cam aus dem Kessel raus gefahren, gern in den Schwarzwald, um Landschaften zu fotografieren. „Und das gar nicht, um einen auf Fotograf zu machen, sondern nur für mich.“ Er habe sich schließlich immer mehr in die Welt der Fotografie reingefuchst, sich alles selbst beigebracht und ohne Ende Bücher gewälzt. „Das war noch kurz vor der YouTube-Tutorial-Zeit, damals musstest du dir halt echt noch Bücher kaufen und tun und machen“, berichtet er lachend. Learning by doing eben. Später habe er hier und da mal was gepostet und die Sache nahm ihren Lauf. Immer mehr Leute wurden auf seine Kunst aufmerksam, Anfragen für Pressebilder trudelten ein, Jobs für  Lookbooks und Mode-Kollektionen, unter anderem für den Shop Geschwisterliebe, folgten. Zuletzt machte Pierre mit einer Ausstellung im Fluxus von sich reden, zur Zeit zeigt er seine Bilder in der Stadtgalerie28. „Momentan will ich einfach anders sein, meine Bilder sind nicht 0815, ich stehe voll auf den surrealen Look.“

Pierre macht eben sein Ding und das schon immer. Und auch wenn er seine Bilder auf Instagram präsentiere und sich dort Inspiration hole, so habe er mit der digitalen Welt auch seine Probleme – unter anderem im Stuttgarter Nightlife. Da fallen ihm gleich zwei Gute-Nacht-Geschichten ein, gut für uns. Neulich habe er in einem Club aufgelegt, auf der Tanzfläche fast nur Girls. „Dann sehe ich einen Typen daneben stehen, mit dem Handy in der Hand und am tindern. Ich dann so: Hey, schau‘ dich doch mal um!? Das hat ihn aber offensichtlich nicht interessiert, denn er hat die ganze Zeit weiter getindert“, so Pierre kopfschüttelnd. Auch auf Konzerten sei alles anders. „Ich würde Handys auf Konzerten komplett verbieten. Und denke mir: Lass‘ mal fühlen.“ Oder neulich im Schocken: die Bude bumsvoll, alle am dancen und feiern, drei Chicks neben Pierre wollen unbedingt Cardi B hören. Der DJ vertröstet die Girls, spielt auch ein bisschen mit Absicht, den Song eine Stunde lang nicht. Die Mädels sitzen während dieser Stunde gelangweilt herum, erst als das Lied dann kommt, springen sie auf, gehen fünf Minuten krass ab und machen zig Stories. „Die leben für Social Media, das war eine einzige Inszenierung und man kriegt das alles live mit und denkt sich nur: Da ist doch nicht normal.“

Wenn du 20 Jahre lang jeden Freitag und Samstag aufgelegt hast, dann ist das richtig komisch, wenn du am Wochenende mal frei hast.

Heute legt Pierre nur noch regelmäßig in der Schankstelle oder im Club People auf, aber nicht mehr jeden Freitag und jeden Samstag. „Das habe ich abgeschafft“, freut er sich.

Stuttgart braucht bezahlbare Wohnungen!

Dein Beruf in Eigendefinition: Fotograf und Autodidakt

Seit wann lebst du in Stuttgart? Ich bin hier geboren.

Wo wohnst du heute? Im schönen Westen!

Was gefällt dir an dieser Ecke besonders, was eher weniger? Es gibt viele nette Cafés, einen geilen Bäcker (hat auch sonntags offen!) – man muss eigentlich gar nicht mehr in die Stadt fahren.

Wann und wo hast du dich in Stuttgart verliebt? Was ist passiert? Die Liebe wächst mit der Zeit ;).

Wo hängst du am liebsten rum? Warum? Stuttgart-West/Süd – viele gute Bars, der Feuersee…

Wo ist Stuttgart am schönsten? Überall außer Ost

Wo am hässlichsten? s.o.

Ein Daueraufreger in dieser Stadt ist…definitiv der Feinstaubalarm

Ein Geheimtipp, den du ausnahmsweise mit uns teilst: Zwar kein Geheimtipp, aber mit bester Empfehlung: Unbedingt mal im Lumen oder Netzer frühstücken!

Welchen Ort wählst du für ein romantisches Date? Die Milchbar

Wie reagierst du, wenn jemand sagt, die Stadt sei hässlich? Dann zeige ich ihm/ihr meine Bilder ;).

Dein Lieblingsrestaurant? Warum? Yose y Yosefina im Westen, richtig gute, authentische, spanische Küche

Wo bist du am öftesten abgestürzt? M1 – in allen Locations

Wo gibt‘s die besten Konzerte? Gehe nicht mehr auf Konzerte seit dieser „Handy in die Luft“-Mentalität. Früher waren Konzerte noch eine einzige große Party, wo alle einfach getanzt haben. Heute stehen alle nur noch wie Zombies vor der Bühne, mit dem Handy-Arm in der Luft.

Wie bist du in der Stadt unterwegs – Auto, Rad, zu Fuß? Meistens zu Fuß oder mit der Bahn. Wenn die Sonne – so wie zur Zeit – scheint, laufe ich sehr gern vom Westen in die Innenstadt.

Was fehlt dieser Stadt am meisten? Bezahlbare Wohnungen!

Was würdest du sofort ändern, wenn du OB wärst? Bezahlbaren Wohnraum und mehr Parkplätze schaffen, das Dieselfahrverbot aufheben

Ausstellung in der Stadtgalerie28 im Kaufhaus Mitte

Ob Architektur oder People – Pierres Portfolio ist weitreichend. „In unserer Ausstellung zeigt er die Urbanität unserer schönen Stadt Stuttgart aus Sicht eines Visionärs. Er verbindet die Realität mit der Fiktion und schafft so ein neues Stuttgart, wie er es gerne sieht“, erklärt Kaufhaus Mitte- und Stadtgalerie28-Macher Daniel Brunner. Ob Klein-Venedig auf dem Schlossplatz oder ein Wald über dem Kunstmuseum – in seiner Fantasie sei alles möglich und wird auf seinen Bildern Realität.

UN:REALITY by Pierre Polak
Bis 27. März 2019

  1. OG im
    Kaufhaus Mitte 
    Königstraße 28
    70173 Stuttgart

Öffnungszeiten:
Mo – Sa 10 – 20 Uhr

Eintritt frei

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