Stadtkinder über ihre Stadt: Elmar Jäger

Dancehall-Riddim, Burlesque-Einlagen und Rollenspiele der etwas anderen Art: Seine Events hinterlassen bleibenden Eindruck, sind verrückt, bunt und laut – Elmar Jäger ist eben nicht nur Grafiker aus Leidenschaft, sondern auch Veranstalter durch und durch. Uns hat er erzählt, was es mit seinem neuesten Streich – Sanctuary – auf sich hat.

Stuttgart – „Can’t stop, won’t stop“, lautet dabei die Devise des 44-Jährigen. Denn Elmar wird nicht müde, sich beziehungsweise seine Events neu zu erfinden – und ist dabei immer für eine Überraschung gut. Anfang des Jahres brachte er den „Everlasting Sound“ mit der Dancehall-Sause Levels zurück in den Kessel – als Gründer des weltweit bekannten Sentinel Soundsystems quasi ein Muss. Irgendwann bekam er als Veranstalter richtig Bock, Burlesque eine Bühne zu bieten – Performances on point und verrücktes Verkleiden sind eben genau sein Ding. Kein Wunder wird im Oktober mit Sanctuary das Utopia der Partykultur zum Leben erweckt – ein Event in einem verführerischen Rahmen vollgepackt mit Showeinlagen, die nicht von dieser Welt sind. Da bleibt uns nicht mehr viel zu sagen, außer: Let him entertain you, der Mann weiß wie’s geht.

Studium, Connections, Kolchose

„Mittendrin statt nur dabei“, war aber nicht immer sein Ding. Anfangs hustlete Elmar im Background und Büro im legendären Radio-Barth-Gebäude, kreierte dort coole Flyer für die Kolchose und Kopfnicker-Gang – Connections und Kommunikationsdesign-Studium sei Dank. Noch heute ist der Stuttgarter hauptberuflich als Grafiker tätig, gestaltet hier und da, zum Beispiel Flyer, Poster und Anzeigen fürs Summer Jam Festival, aber bietet eben auch seinen anderen Leidenschaften eine Bühne.

Elmar ist seit vielen Jahren Veranstalter, bekannt durch das bereits oben erwähnte Sentinel Soundsystem. Seit vier Jahren ist er außerdem Co-Veranstalter des erfolgreichen „Stuttgart Burlesque Festivals“ sowie der monatlich stattfindenden Burlesqueshow „Corso Cabaret“, für die er gerade auf der Suche nach einer neuen Location ist – Corso Bar we miss you! Unter dem Namen „Events Extraordinaire“ veranstaltet der Tausendsassa seit mehreren Jahren auch immersive Showevents in exklusiven Locations, unter anderem im Stil der 20/30er Jahre.

Abseits des Mainstreams

Dein Beruf in Eigendefinition… Macher, Veranstalter, Visualisierer, Grafiker

Seit wann lebst du in Stuttgart? 1996

Wo wohnst du heute? Am Rande von Kaltental

Was gefällt dir an dieser Ecke besonders? Der Blick ins Elsental, die Nähe zur Natur

Wann und wo hast du dich in Stuttgart verliebt? Das geschah schon viele Male hintereinander – zuerst als ich als Jungspund die Clublandschaft im Kessel Mitte der 90er Jahre entdeckt habe, dann Mitte der 00er Jahre als wir mit der „Kingston Hot“ Party den Mittelpunkt der aufkeimenden Dancehall- und Reggae-Szene hier darstellten sowie Mitte der 2010er Jahre als wir das Stuttgart Burlesque Festival gründeten, das inzwischen eines der renommiertesten Events des Genres in Europa darstellt. In dieser Stadt ist so viel Leidenschaft verborgen – und oft braucht es nur einen Funken, um diese zu entfachen.

Was antwortest du, wenn jemand sagt, Stuttgart sei hässlich? Dann nehme ich ihn oder sie an der Hand, um ihn oder ihr die verborgenen, aber umso schöneren Seiten zu zeigen.

Viele ziehen aus Stuttgart weg. Wieso bist du noch hier? Habt ihr euch schon mal gefragt, wieso nach Jahren des Wegzugs so viele auch wieder zurückkehren? Tatsächlich ist die Lebensqualität relativ hoch in Stuttgart, die Leute hier sind vielleicht zuerst etwas reservierter, aber dann umso loyaler, tiefgründiger und weniger narzisstisch als in vielen anderen Städten. Zumindest diejenigen, die mir öfters über den Weg laufen.

Gibt es trotzdem etwas was dieser Stadt fehlt? Ja. Es fehlt das Verständnis der Stadt, dass auch eine Szenenkultur abseits des Mainstreams förderns- und erhaltenswert ist. Die Haltung hierzu ist im wörtlichen Sinne konservativ und kreativitätsfeindlich – und das hat leider gar nichts mit der momentanen oder ehemals politischen Ausrichtung zu tun, sondern mit der „gemeinen schwäbischen Präsentationsmentalität“, die nun mal leider Undergroundkultur nicht als besonders abbildbar ansieht. Da ist man ganz schön in der Vergangenheit hängengeblieben. Einzige positive Ausnahmen der letzten zwanzig Jahre hierbei: Kolchose-Hip-Hop und der CSD.

Wie würdest du das Nightlife im Kessel beschreiben? Hm, in den letzten Jahren wurde es für fast alle Spartengenres zunehmend schwieriger eine Veranstaltung zu etablieren, es sei denn du machst Hip Hop oder Elektro. Ansonsten ist halt „Eintritt frei“ und der oder die Musikabspielende lässt den Inhalt von aktuellen Spotify „mixed“ Playlists durchlaufen. Leute, interessiert euch wieder mehr für Musik – mehr für die einzelnen Tracks – für mehr Szenenkultur und -identität! Wagt es, ein paar Euro mehr auszugeben, die dann hoffentlich in die Tasche von kompetenteren DJs fließen. Diese haben sich nämlich mit der Materie befasst. Und: Bitte offen sein für Songs, die ihr noch nicht kennt – lasst euch begeistern!

Wo kann/konnte man im Kessel am besten tanzen? Corso Bar (RIP), Bar Romantica, Universum, City Department, Goldmarks, Rakete

Beschreibe deine ideale Nacht in Stuttgart? Würde sagen eine Mischung aus dem nächtlichen Besuch einer neu erschlossenen temporären Off-Location mit viel improvisiertem Drumherum und vielen Überraschungen in puncto Sound und Publikum und eines gewohnt guten, etablierten Clubs, in dem man die Musik hört, die man erwartet und Bekannte trifft, die man gerne wiedersieht.

Deine aktuelle, persönliche Vision für ein neues Partykonzept in Stuttgart? Eine Mischung aus Party, Show und Performance. Ja, hört sich erstmal so an wie schon tausendmal gehört in irgendwelchen Eventankündigungen, aaaber: This time it´s gonna be real, watch out for this!

Der Leidenschaft eine Bühne bieten

Apropos Party, Show und Performance. Durch seine Frau Fanny di Favola fand Elmar zum Burlesque, zusammen teilen sie die Leidenschaft für Live-Rollenspiele, die nicht von dieser Welt sind, Stichwort: immersiv. Und da wären wir auch schon beim Thema. Sanctuary geht an den Start – und eines steht für Elmar fest: So etwas habe Stuttgart noch nicht gesehen. Was an diesem Abend im KÖ51 passiert, bleibt auch dort.

Die Handy-Kameras werden abgeklebt, es gibt einen Dresscode. „Die Regeln sind dafür da, damit die Leute im Moment bleiben, sich darauf einlassen und mehr oder weniger darstellen“, erklärt Elmar. Vielleicht sei es für manche auch eine Art Grenzerfahrung, aber eine sehr milde, kreative, freie, findet er – und doch auch vergleichbar mit dem Zustand: Urlaub vom Alltag. „Ich versuche einen Raum zu schaffen, der so anders ist – wie am Filmset – dass du drin steht und denkst: Krass, wie abgefahren und ich bin Teil davon.“

Sanctuary – Diversity in Unity

Sanctuary bringt die Welten Party und Show (Frontaltheater) nun zusammen. Den Gast erwarten atemberaubende Attraktionen, die parallel zum Tanzgeschehen stattfinden: Toughe Endzeitkriegerinnen treffen dabei auf muskelbepackte Neo-Vikings, avantgardistische Bodyperformer, mystische Stelzenläufer, Wesen deren Geschlechtszuordnung fließend ist, Luftakrobaten und meterhohe Mensch-Tierwesen.

Sanctuary – Diversity in Unity

Wann? Mittwoch, 2. Oktober, 23 – 7 Uhr
Wo? KÖ51, Königstraße 51 (auch bekannt unter Toy oder City Department)

Mehr Infos und Tickets gibt’s hier >>>

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