Stadtkinder über ihre Stadt: Benni Erbsland

Stuttgart, für immer erste Liebe? In unserer Reihe erzählen Stadtkinder, was sie an ihrer City so lieben – und was sie so richtig nervt. Heute mit dem Fahrrad fahrenden Gestalter, Maultaschenfan und Bombentyp Benni Erbsland.

Stuttgart – Wenn nett die kleine Schwester von scheiße ist, dann ist Benni Erbsland der große Bruder von awesome. Ein Knallertyp, der die Stadt prägt, bereichert und sich trotz allem nicht von ihr entmutigen lässt. Das ist wichtig, solche Typen brauchen wir, sonst überlassen wir die Stadt schon bald den Baustellen, den Investoren und denjenigen, die über alles meckern, aber selbst den Arsch nicht hochkriegen.

Applaus, Applaus!

Als Teil der Brightzeit-Agentur, die mit weiteren duften Kerlen wie Stoff Büttner den Applaus Gin produziert, verantwortet er den Retox-Schnapsladen, bei der Agentur Discodoener sorgt er für tightes Design und tolle Fotos, allein für sich gestaltet der 38-jährige Benni Erbsland so ganz nebenher die Sammeletiketten für Barteks Groben Schnitzer. „Ich liebe es zu sehen, wie eine Idee Gestalt annimmt – vor allem, wenn man das mit Leuten umsetzen kann, mit denen man wahnsinnig gern Zeit verbringt, die inspirierend und spannend sind.“

Ein echter Renaissance Man der Kunst- und Kulturszene ist er. Einer, der sich hervorragend im Stuttgarter Westen auskennt, wie er auch bei seinen „Kunst im Hinterhof“-Führungen bei der Westallee bewiesen hat. Nur echt mit Luftballon am Gürtel! Was einer wie er sonst so treibt in der Stadt, was er spitze findet und was nicht so, hat uns der Gestalter allzu gern anvertraut.

Ey, lass mal nen Schnapsladen machen!

Woran arbeitest du aktuell? Es ist weniger das was, sondern eher das wo: Für mich ist die BrightZeit im Westen der schönste Projektraum. Dort habe ich Platz, um mich auszuprobieren. Platz zum Netzwerken. Platz für dumme Ideen, die vielleicht doch ganz gut funktionieren – so was wie: „ey, lass mal nen Schnapsladen aufmachen!“ Die BrightZeit ist unser kleines, selbstorganisiertes Jugendhaus. Wir planen für 2019 ein Buch, um auch für uns mal eine Übersicht über die Sachen zu bekommen, die darin oder daraus bereits entstanden sind. Da hat sich in den sechseinhalb Jahren unseres Bestehens schon einiges angesammelt!

Südheim, meine Perle

Seit wann lebst du in Stuttgart? 2005 habe ich meine ostwestfälische Heimat verlassen und bin in den Süden gezogen. Nach einem kurzen Abstecher nach Waiblingen gings direkt in den Westen: Nähe Bäckerei Bosch mit Aussicht in den Kessel. Sehr gute Voraussetzungen für ein schnelles Ankommen.

Wo wohnst du heute? Stuttgart-Süd, in Waldnähe. Gott, vermisse ich die Schlange vorm Bosch am Wochenende.

Was gefällt dir an dieser Ecke besonders? Heslach, oder besser gesagt Südheim, ist ein Juwel. Stadtnah, viel Natur, wenig Verkehr. Eine tolle Auswahl an authentischen Geschäften und ehrlicher Gastro. Das Beste ist jedoch: jede Menge Frischluft, selbst im Sommer.

Jedes Mal, wenn ich im Urlaub bin, wär ich eigentlich lieber in Stuttgart.

Wann und wo hast du dich in Stuttgart verliebt? Ende 2005: Ein paar Freunde packten mich ins Auto und fuhren mich hoch zum Bismarckturm, um mir Aussicht und Bier zu spendieren. Später dann meine erste Maultasche im Troll. Es waren TK-Maultaschen von Bürger, in Brühe, ohne Kartofffelsalat – und ich dachte, sie würden mich verscheißern: „DAS soll eine lokale Spezialität sein? Das geht ja nicht mal als Ravioli durch!“ Zur Ehrenrettung: wir kamen weit nach Küchenschluss.

Was verbindet dich mit Stuttgart? Voll kitschig: die Liebe. Hier bin ich glücklich. Meine Frau und unser Zuhause, meine Freunde, der Beruf und die Hobbys. Jedes Mal, wenn ich im Urlaub bin, wär ich eigentlich lieber in Stuttgart.

Ein idealer Stuttgart-Tag: Von allem ein bisschen: ein bisschen frühstücken (im Bett, mit der Liebsten), ein bisschen spazieren, ein bisschen shoppen, ein bisschen snacken, ein bisschen trinken, ein bisschen versacken. Ohne Pläne und ohne Auto.

Döner und Eis

Der schönste Ort der Stadt: Grundätzlich die Discodoener-Dachterasse in der Innenstadt. Idealerweise mit Pizza und Cranberrysecco. Von Mai bis September zudem Connis pinkes Eiswägele in der Stadtmitte. Zu jedem Eis gibt‘s ein paar herzliche Worte, paar Witzle und ihren geballten Charme.

Benni Erbsland: Nicht ohne mein Eis! (Foto: lutfi)

Was fehlt dieser Stadt am meisten? Aus meiner täglichen Sicht: eine ehrliche Infrastruktur für Radfahrer. Stuttgart ist, trotz seiner Hügel, einfach und unkompliziert mit dem Rad zu erschließen. Leider sind die meisten Fahrradwege Interpretationssache. Bestes Beispiel: die neugestaltete Kreuzung Eberhard-/Torstraße. Stadtmitte, hinterm Karstadt. Wer mir auf Anhieb erklären kann, wie man hier fahren muss, bekommt eine Handvoll Colakracher. Deal.

Wo ist Stuttgart am schönsten? Halbhöhe, kurz vor Sonnenuntergang.

Death by a thousand cuts

Ein Geheimtipp, den du ausnahmsweise mit uns teilst: Eigentlich kein Geheimtipp, den Laden gibt‘s seit über hundert Jahren. Aber da ich über sieben Jahre gebraucht hab, um ihn zu entdecken: Die Teigwarenfabrik Wachendorfer in der Ludwigstraße. Immer, wenn ich in die Heimat fahre, deck ich mich mit Nudeln und Maultaschen als Mitbringsel ein.

Wo kann man am besten abstürzen? Mein Motto ist da „Death by a thousand cuts“. Hier ist alles so nah beieinander, dass es schade wäre, nur in einem Laden zu versacken.

Wo gibt‘s nachts das beste Essen? Obwohl ich ein Currywurst-Hooligan bin (die Wurst gehört auf den Rost und nicht in eine Fettpfanne, verdammt!), komm ich am Brunnenwirt nicht vorbei. Viel Liebe, allein schon für deren Wertmarken im Autoscooter-Stil, die zum Einlösen viel zu schade sind. Falls jemand ein Geschenk für mich sucht: Wertmarken vom Brunnenwirt. Und ne Handvoll Colakracher.

Ab in den Wald!

Wo lässt sich der Herbst in Stuttgart am besten aushalten? Ab in den Wald! Auf dem Rad, gemütlich schlendernd oder Vollgas mit Laufschuhen – es gibt keine bessere Zeit für ein paar Meter durchs Laub. Vor allem die Heslacher Wasserfälle sind grade wunderschön, komplett vermoost und wieder mit etwas mehr Wasser als noch in den heißen Monaten.

Was ist typisch Stuttgart? Kurze Wege. Detailreichtum. Ein bisschen Stolz auf seine Macken.

Was wolltest du in Stuttgart immer schon mal machen, hast es aber noch nie geschafft? Den Schachspieler vorm Königsbau besiegen, „Schmutzich – das Tittenheft“ rausbringen, meiner Frau einen echten Antrag machen, eine Statue von Loki auf den Schlossplatz stellen, das Kochbuch „Betrunken kochen in der BrightZeit“ veröffentlichen, Breakdance auf dem Frühlingsfest fahren, Altglas wegbringen, Schwäbisch sprechen. In der Reihenfolge.

Dein guter Vorsatz für 2019: Bloß nicht älter werden. Und wenn, dann nur körperlich.

(Titelbild: Pit Lederle)

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