Stadtkinder: „Fake“-Autor Frank Rudkoffsky hat sich seine Wohnung erwürfelt!

Fake-News, rechte Trolle, falsche Identitäten, junge Eltern: Mit „Fake“ hat Frank Rudkoffsky den Roman der Stunde vorgelegt, wenn man mal kurz nicht über Corona nachdenken will. Er spielt im Stuttgarter Westen – also genau da, wo der Autor wohnt.

Stuttgart – Man muss schon ein bisschen aufpassen, sonst endet man plötzlich als Figur in seinem nächsten Roman. Frank Rudkoffsky schreibt eben am liebsten über die Dinge, die vor seiner eigenen Haustür passieren. Als „emotional aufrichtig“ umschreibt er das, als Weg, seine Umwelt, seine Mitmenschen und auch sich selbst besser zu verstehen. Zuletzt führte das zu seinem vielbeachteten Roman „Fake“, ebenso beißend zynischer Beziehungsabgesang wie ein entlarvender, warnender Blick auf unsere geheimen Identitäten im Netz.

„Fake“ spielt eher zufällig in Stuttgart

Inspiration für seine Figuren schöpft er sich direkt vom Kesselrand, sozusagen: Wenn er allein in einer Eckkneipe sitzt oder am Palast der Republik, wenn er bei seinem Stammspanier am Bismarckplatz zu Abend isst. Weder für „Fake“ noch für seine anderen literarischen Aktivitäten – er ist Teil der Tübinger Literaturzeitschrift Trashpool und Redakteur beim Stadtmagazin Lift – ist Stuttgart als Stadt essenziell. Er lebt einfach gern hier. Obwohl er das eigentlich nie wollte. „Mein Studium hat mich aus dem Norden nach Tübingen geführt.“ Den kurzen Weg nach Stuttgart trat er mit der Frau an seiner Seite an, die als Lehrerin hier einen Job bekam. Und hat es nicht bereut.

Wohnung dank Würfelglück!

„Hier findet sich auf wenig Raum alles, was eine Großstadt zu bieten haben sollte“, findet er. Nur mit den Schwaben, mit denen hatte er als Nordlicht anfangs so seine vorhersehbaren Probleme. „Alle sagen immer, wir Norddeutschen sind unterkühlt, aber davon halte ich ja überhaupt nichts. Schwaben sind anfangs verschlossen, brauchen etwas länger. Aber wenn sie dich mögen“, lacht er, „gibt es kein Loskommen.“ Seit 2009 lebt und schreibt Frank am Bismarckplatz, einem der Filetstücke im Westen. Alles nur Zufall, sagt er, erstens kannte er sich damals gar nicht in der Stadt aus, zweitens war der Bismarckplatz vor elf Jahren noch weit von seiner heutigen Lebhaftigkeit entfernt. Und drittens: Er hat sich die Wohnung erwürfelt! „Unser Makler konnte sich nicht entscheiden, wem er die Wohnung geben sollte, also ließ er uns würfeln. Ich würfelte einen Sechserpasch.“

Frank Rudkoffsky

„Fake“: Daimler, Journalismus, Ehekrach

Am Bismarckplatz entstand mit „Fake“ ein bemerkenswert geschriebener Roman, der wie gemacht ist für diese Zeit: Ein junges Paar, sie beim Daimler, er Journalist bei der Lokalzeitung. Das erste, schreiende, tropfende Kind, sie hütet daheim, er arbeitet. Kein Sex, kein Privatleben. Beide werden immer frustrierter, bis sie in Fake-Identitäten im Internet ein Ventil für all das finden. Sie schimpft und beleidigt munter drauflos, er gerät in ein Netz aus Lügen und Fake-News, weil sein größter journalistischer Coup einfach nur ausgedacht ist. „Der Stuttgarter Westen mit den vielen jungen Paaren und Eltern bietet sich für diese Geschichte förmlich an“, sagt Frank. „Ich wollte aufzeigen, welche Konsequenzen unser Verhalten im Netz im echten Leben haben kann.“

Kneipenhocker als Romanfiguren

Ein Stuttgart-Roman ist das nicht. Es ist ein Roman, der in Stuttgart spielt. „Ich muss nicht den 27. Berlin-Roman des Jahres schreiben“, stellt er klar. „Ich lebe hier, ich kann die Menschen einschätzen und weiß, was sie umtreibt.“ Aus Passanten oder Kneipenhockern werden schnell potentielle Romanfiguren. Ganz unfreiwillig, manchmal merkt er das erst später. Im Prozess.

Kein Feuerwehrmann!

Geschrieben hat er schon immer, eine Aussage, die man von jedem gestandenen Schriftsteller oder Möchtegern-Romancier zu hören bekommt. Frank weiß das. Es stimme aber eben trotzdem. „Ich hatte nie einen anderen Berufswunsch, wollte kein Feuerwehrmann werden oder sonst was. Meinen ersten Roman habe ich mit 13 geschrieben, und von da an ging es immer weiter.“ Heute ist er 40. 2015 erscheint sein Erstling „Dezemberfieber“, fünf Jahre später ist der Nachfolger da. „Ich schreibe nicht durchgehend, habe auch mal längere Lücken, aber ich weiß, dass ich nie damit aufhören werde. Ich nutze das Schreiben, um Dinge zu verarbeiten, die mich beschäftigen, wie in ‚Fake‘ zum Beispiel die immer aufgeheiztere Stimmung in unserer Gesellschaft und den damit verbundenen Rechtsruck.“

„Fake“ als Online-Lesung – was sonst?!

In Stuttgart würde er sich manchmal mehr Kontakt zu anderen Gegenwartsautoren wünschen, schätzt aber zugleich die im Vergleich zu Berlin erhöhte Sichtbarkeit. „Nur die Lesungen könnten besser besucht sein“, spricht er vielen aus der Seele. Wie viele seiner Kollegen, nutzt auch er die derzeitige Situation für digitale Sichtbarkeit. Am Freitag ab 19 Uhr liest er zum Beispiel neben drei Kolleginnen und Kollegen beim Online-Literaturfestival Viral. Dann können wir alle aus nächster Nähe mitverfolgen, wie eine digitale Mär mit Katzenvideos beginnt und urplötzlich bei rechten Trollen endet. „Fake“ – Nachahmen nicht empfohlen.

Hier geht es zu Viral: www.facebook.com/events/1920505308084140

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