Spirituosengalerie Apotheke: Tausend Mittel gegen Durst

Wo zuvor verschreibungspflichtige Medikamente über den Tresen gingen, gibt es ab sofort Medizin der genussvollen Art: Leopold Langer eröffnet seine Spirituosengalerie „Die Apotheke“ in der Hohenheimer Straße.

Stuttgart – Ein langes Kapitel Stuttgarter Stadtgeschichte ging zu Ende, als die Stitzenburg Apotheke in der Hohenheimer Straße 38 voriges Jahr dicht machen musste. Die Jugendstilpracht der Jahrhundertwende, die braunen Holzregale, die Fläschchen mit allerlei Tinkturen – die Apotheke fühlte sich an wie ein Museum, in dem man halt auch Kopfschmerztabletten kaufen konnte. Ein knappes Jahr nach der Schließung dieses musealen Kleinods wird sie einer gänzlich neuen Verwendung zugeführt: als üppig bestückter Spirituosen-Schatzkammer, Tasting-Room und Galerie in historischer Kulisse.

Einmal Apotheke, immer Apotheke

Wobei: So ungewöhnlich ist diese Verwandlung auch nicht. Wo es zuvor Kräutermittelchen, Essenzen, ätherische Öle und Alkohole gab, wird es auch fortan irgendwie darum gehen. Auf Genussebene vielleicht, nicht auf medizinischer, doch so ein Destillateur von edlen Bränden, der hat eben auch viel von einem Apotheker. Deshalb hat der neue Betreiber Leopold Langer den Namen beibehalten. Schwierig zu googeln vielleicht, das ja. Aber eben der langen und bewegten Geschichte des Hauses verpflichtet.

Der Schwester sei Dank!

In der kennt sich der Gastronom aus. Diese Seite der Hohenheimer Straße sei deswegen so voller prächtiger alter Gebäude, erzählt er beim exklusiven Vorabrundgang für das Stadtkind, weil eine Weltkriegsbombe damals nur den gegenüberliegenden Straßenzug erwischt habe. Munter plaudert er zahlreiche historische Details über das verwinkelte und überraschend weitläufige Gebäude aus, das er strenggenommen seiner Schwester zu verdanken hat. „Sie ist Künstlerin und wohnt hier um die Ecke. Als sie erfuhr, dass die Apotheke schließen muss, besorgte sie mir sofort den Kontakt zur Vermieterin, weil sie wusste, dass mir dieser Ort gefallen würde.“

Hochprozentige Reise durch Schottland

Die Besitzer waren sofort von Leopolds Idee eines Spirituosengeschäfts angetan. Klar: Schöner als irgendein Büro ist es allemal. Außerdem ist die wunderschöne Apotheke somit auch weiterhin für die Öffentlichkeit zugänglich. In den letzten Monaten hat sich hier viel getan: Der Holzboden ist vom grässlichen PVC befreit, die Wände freigelegt. In der Mitte des Raumes steht eine Modelleisenbahnkulisse von Schottland – erbaut von seiner Schwester. Nicht jedoch, um den Hogwarts Express schnaufend fahren zu lassen, wenn mal keine Kunden da sind; sondern natürlich als Veranschaulichung der verschiedenen Destillerie-Standorte bei einem Whisky-Tasting.

Die neuen Apotheker: Sarah Deuss und Leopold Langer

Eine Apotheke für Spirituosen

Whisky, das ist Leopolds Steckenpferd. Gilt aber eigentllch auch für die Spirituosen als solches: Nach einer klassischen Hotellehre landete er irgendwann in der Schwarz-Weiß-Bar, führt mittlerweile die Chaplins Bar in Ludwigsburg und hat mit Rubus Gin natürlich auch seinen eigenen Gin. Kein übles Pensum für einen Kerl mit 30. Jetzt kommt ein Spirituosenladen in einer ehemaligen Apotheke dazu. „Wir haben in Stuttgart genügend gute Bars“, so seine Begründung, weshalb er hier keine Bar eröffnet hat. „Die Leute richten sich Hausbars ein, die manche herkömmliche Bar übertreffen. Das Interesse und das Wissen sind mittlerweile da, viele kennen sich extrem gut aus, was ihre Lieblingsspirituose angeht.“

Whisky, Champagner, Rum

Leopold und seine Kollegin Sarah Deuss (33), die von der Bar des Jaz Hotels in die Apotheke wechselte, sehen sich als Botschafter im Auftrag feinster Destillate. 1000 Positionen soll ihr Reich umfassen. Schwerpunkte wollen sie bei Whisky-Raritäten, Vintage Champagner und Rum setzen. „Wir werden auch 40 verschiedene Gins im Laden haben, aber bei 1000 Positionen ist das nicht gerade ein Schwerpunkt“, lacht Leopold.

Verkostungen im Jugendstil

Verschiedenste Tastings werden künftig das Tagesgeschehen bestimmen. Das können zwei Kumpels sein, die sich mal durch eine handvoll Gins probieren. Das werden aber auch Verkostungen mit eigens eingeladenen Gästen, Ausstellungen oder eine Kombination aus Bourbon-Tasting und Lesung aus einem Bourbon-Fachbuch werden. „Die meisten Tastings finden heutzutage in Bars statt – und die sind darauf eigentlich gar nicht ausgelegt“, sagt Leopold. „Diese Lücke wollen wir schließen.“

Rezeptfrei glücklich

Natürlich kann man auch einfach nur nach Herzenslust Spirituosen und Zubehör shoppen. Vom Preis-Leistungs-Knaller um die 30 Euro bis zur Flasche für mehrere tausende Euro ist alles dabei. Mixer, Besteck und Gläser inklusive. Der Großteil des kuratierten Schnapsprogramms richtet sich deswegen explizit an den normalen Aficionado. An den, der sich nicht mit Supermarktware zufrieden geben möchte. Wichtig ist den beiden: Vorkenntnisse sind absolut gar nicht nötig, beraten wird jeder mit derselben Passion – vom altgedienten Whiskysammler bis zum Gin-Neuling. Und das Beste: Man braucht für nichts ein Rezept!

Die Apotheke: Hohenheimer Straße 38, 70184 Stuttgart, Öffnungszeiten: Montag -Samstag 11 – 20 Uhr oder nach Vereinbarung – mehr Infos: www.spirituosengalerie.de

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