So überlebt man als Stuttgarter in Hamburg

Ihr plant einen Städtetrip nach Hamburg und wollt waschechte Nordlichter kennenlernen? Wir haben ein paar Tipps für euch, damit der Kulturschock nicht ganz so heftig wird.

Stuttgart – Auch wenn es im Herbst hier im Kessel besonders schön ist, packt einen gerade zu Semesterbeginn manchmal die Lust, den Stift fallen zu lassen und der To-Do-Liste zu entfliehen. In der weiten Welt will man sich mit anderen Eindrücken als Vorlesungsfolien oder Tastaturgeklapper volldröhnen. Dann ab nach Hamburg. Doch aufgepasst: Obwohl die Hanseaten ein weltoffenes Völkchen sind, stoßen ihnen die Süddeutschen irgendwie sauer auf. Vielleicht liegt das an ihrem Bild vom Bayern, der auf dem Oktoberfest in Lederhose Bier süffelt. Und weil man ja auch versucht, sich im Italienurlaub mit „buongiorno“ durchzuschlagen, um nicht gleich als Touri erkannt zu werden, hier ein paar Tipps, wie ihr euch in Hamburg nicht sofort als Schwabe outet.

Sommer, Sonne, Sonnenschein? Schietwetter macht seinem Namen alle Ehre!

Ach ja, Hamburg und sein Schietwetter. 133 Tage im Jahr schlägt einem hier der Regen horizontal ins Gesicht. Wer also denkt, mit der dünnen Jeansjacke im Gepäck für den Kurztrip nach Hamburg ausgesorgt zu haben: no way. Denn auch mit dem Regenschirm kommt ihr hier nicht weit – beim ersten Hauch von Wind brechen dessen Streben sowieso. Für die Hamburger ist selbst ein Sturm nur eine steife Brise. Statt Sneaker und oversized Jeansjacke solltet ihr also lieber Gummistiefel und Regenjacke einpacken. Denn wie die Hamburger gerne sagen: Es gibt kein schlechtes Wetter, nur die falsche Kleidung.

Am besten holt ihr euch für euer Outfit keine Inspirationen bei Instagram, sondern orientiert euch am Zwiebellook und tragt eine Schicht über der anderen. Während wir in Stuttgart am Himmel ablesen können, wie das Wetter in zwei Stunden aussehen wird, trügt in Hamburg der Schein. Der Schauer kommt oft aus dem Hinterhalt.  Also lieber mal auf alles vorbereitet sein!

Hamburger Platt lässt grüßen: Die Sprache anpassen.

Einst war es Amtssprache, heute schnacken noch rund 100.000 Hamburger im Alltag platt. Ihr werdet also nicht jeden auf Anhieb verstehen. Um trotz Sprachbarriere nicht sofort als Schwabe entlarvt zu werden, solltet ihr zumindest die wichtigsten Unterschiede kennen. Und das fängt schon bei der Begrüßung an. Mit Hallo, Hey oder Grüßgott wird man sofort als Nicht-Hamburger abgestempelt. Egal, wo der Zeiger der Uhr steht: Hier heißt das Moin.

Um abends nicht direkt aus der Kneipe geschmissen zu werden, solltet ihr außerdem das Wort Radler aus eurem Wortschatz streichen (zumindest für die Zeit, die ihr nicht im schönen Schwabenländle verbringt). Fragt euch der Kellner, was ihr trinken wollt, sagt ihr stattdessen: Alsterwasser. Das ist nämlich nicht die braune Brühe, die aus dem Fluss geschöpft wird.

Was noch wie Moin und Alsterwasser zu Hamburg gehört, ist das Franzbrötchen. Das solltet ihr weder mit Salami, noch mit Gouda belegen. Die Gebäckspezialität ähnelt einem Croissant und wird häufig zur Kaffeezeit serviert. Wenn man zu spät dran ist, ersetzt es aber auch wunderbar ein Frühstück, besonders wenn am Abend zuvor auf das Alsterwasser ein paar Mexikaner gefolgt sind. Unnützes Wissen to go: Erfunden hat den Absacker kein Mexikaner, sondern ein Hamburger, um mit Schärfe und Tomaten den Geschmack eines schäbigen Obstbrands zu überdecken.

Touri-Fallen vermeiden.

Auf die über 1,8 Millionen Einwohner Hamburgs treffen jährlich zusätzlich rund 7,2 Millionen Touristen. Damit ihr mit diesen Menschenmassen nicht um einen Platz rangeln müsst, gilt es ein paar Regeln zu beachten. Die helfen euch dabei, den typischen Touri-Fallen zu entgehen. Versprochen!

Insbesondere sonntags solltet ihr die typischen Touri-Spots meiden. Dazu zählen die Landungsbrücken, die Elbphilharmonie oder auch der Elbstrand. Um dort hinzukommen, kann man eine Fähre nehmen, die im Tagesticket enthalten ist. Wer sich jetzt eine romantische Fahrt auf der Elbe vorstellt: Stop it. Stattdessen erwarten euch Massen an Menschen, die alle auf das Boot drängen. Ähnlich ergeht es einem übrigens in jeglichen S- und U-Bahnen. Die Wege erscheinen einem doppelt so lang und irgendwie stinkt alles nach Erbrochenem. Stattdessen spontan ins Café frühstücken gehen? Ohne Reservierung ein Anfängerfehler.

Und noch etwas, was nur Touris machen: auf der Reeperbahn feiern gehen. Hier trefft ihr vornehmlich JGAs oder Besoffene. Statt also einen Irrlauf zwischen Erbrochenem und Heiratswilligen im Einhornkostüm hinzulegen, solltet ihr schnell die Reißleine ziehen und flüchten. Denn ansonsten bekommt man doch nur XXL-Cocktails im Angebot zu trinken und Mainstream-Ohrwürmer auf die Ohren.

Wer die Nacht durchgetanzt hat, holt sich in Hamburg keinen Döner. Stattdessen stehen Fischbrötchen auf der Speisekarte. Wer aber auf das billigste Angebot setzt, der hängt im Anschluss nicht nur wegen des Alkohols über der Toilette. Frischen Fisch findet ihr auf dem Fischmarkt. Vom Kiez könnt ihr nach einer durchzechten Nacht direkt dort hinlaufen, um sonntagmorgens einen weiteren Touri-Spot abzuhaken. Doch erwartet bei eurem Besuch auf keinen Fall, hier das wahre Hamburg zu erleben. Ja, an manchen Ständen gibt es leckere Fischbrötchen. Doch daneben reihen sich auch solche, die Schokolade, Obst oder Gemüse an den Touri bringen wollen. Also schnell ein Fischbrötchen holen und dann: Nichts wie weg.

Geografieunterricht 2.0

Für Hamburger ist alles südlich der Elbe Norditalien. Während ihr tief durchatmen müsst, wenn es heißt, Stuttgart sei ja auch nicht anders als München, solltet ihr Hamburg niemals mit anderen Städten vergleichen – zumindest während ein Hamburger Jung euch zuhört. Denn die Hamburger sind stolz auf ihre Stadt und können sich nicht vorstellen, dass eine andere City ebenso viel zu bieten hat wie ihre Hood. Bezeichnet also ja nicht eine andere Stadt als die schönste Deutschlands. Schon gar nicht Stuttgart oder München!

Fotos: Eileen Breuer

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