So fühlt es sich an, über einer Bar zu wohnen

Zwischen vibrierenden Matratzen, Mülltonnen-Quickies, coolen Drinks, echten Emotionen und einem Kotzorchester: So fühlt es sich an, über einer Bar zu wohnen. Unsere Autorin berichtet.

Stuttgart – Ein Leben wie bei „How I Met your Mother“: Aus dem Bett in die Bar und das jeden Tag am besten zur Happy Hour. Wie es ist, mitten im Stuttgarter Bar-Viertel zu wohnen, ist schwer in Worte zu fassen. Es ist berauschend – in jeglicher Hinsicht. Coole Drinks, hippe Electro-Beats und eine angenehme Feieratmosphäre versus Streiterein und dem immer wiederkehrenden Kotzorchester in der Hintergasse…

Schlafen zum Beat

Meine Augen sind zu, ich zelebriere das Ende des Tages. Unten in der Bar geht es heute ab, ein typischer Freitagabend. Die Matratze vibriert leicht und durch die Decke höre ich, wie sich ein Robert und eine Anna über das Gebutstagsgröhlen ihrer Freunde freuen können. Ich freue mich mit, weil ich viel zu müde bin – und drifte ab in den Schlaf.

Der Beat weckt mich. Die Ständchen sind vorüber, die Party nicht. Vernebelt igle ich ins Dunkle und drehe mich einmal um. Es schallt aus der Gasse hinter der Bar, architektonisch ideal bedacht direkt da, wo sich das Schlafzimmerfenster befindet. Ein „Feierjunge“ hat sich verirrt und schmeißt gerade seine eigene Fete. Egal, lass es geschehen, nimm‘ Abschied, denke ich mir. Der „Feierjunge“ nimmt auch Abschied. Womöglich von den Pommes aus der Fritty Bar.

Wohnen im Nightlife-Hot Spot

Sieht man sich Stadtführer an, sind die Viertel mit Bars, Restaurants und Kneipen der Hot Spot schlechthin. Wer hält sich schon gerne dort auf, wo sich Fuchs und Hase „Gute Nacht“ sagen? Niemand.

Wohnt man direkt im heißen Kessel, klatschen viele in die Hände. Mitten im Geschehen, der Inbegriff von spontanem Ausgehen, das Gegengift zu Langeweile und Co. Ich selbst fühle mich immer kosmopolit wie Carrie Bradshaw, wenn sie mal eben in ihre Manolo Blahniks hüpft und sich in der hippen Bar nebenan mit ihren Mädels trifft.

Die Stadt, die nicht schlafen will

Es gibt zwei Arten von Geräuschkulissen, wenn man über einer Bar wohnt: Die eine sind Menschen, die sich unterhalten und lachen. Das kann sogar förderlich für einen angenehmen Schlaf sein. Die andere Art von Geräuschkulisse beinhaltet die weniger attraktiven Seiten des Barlebens. Diese werden dann zum Problem, wenn sich Fuchs und Hase tatsächlich „Gute Nacht“ sagen wollen.

Schlager oder Schläger?

Gibt es so etwas wie Kotz- und Lall-Schallschutz? Genau diesen Satz habe ich schon einmal bei Google eingegeben. Die Ergebnisse waren ernüchternd. Dann halt Oropax.

Bei ordentlichem Bass jedoch helfen selbst die nicht. Bei gröhlenden Gästen, die die Bedeutung von Sperrstunde nicht verstehen, übrigens auch nicht. Aber wozu eigentlich Oropax? Vor allem in der Gasse, die ich selbst als die Spaßzone betitele, ereignen sich unglaublich unterhaltsame und erzählenswerte Anekdoten. Wenn man doch nicht schlafen müsste!

Eine kleine Quickie-Anekdote

Eines abends lag ich wieder mal im Bett. Gegenüber mir meine Cousine, die mich besuchen gekommen war. Ihre Augen waren geschlossen, was mich wunderte. Es war zwar mitten in der Nacht, aber in der Spaßzone ging es gerade wieder rund.

Ein Junge redete auf ein Mädchen ein. Seine Fahne reichte bis in die Sternennacht. Der Gesprächsinhalt war nicht zu entschlüsseln, obwohl beide laut genug redeten, dass meine Oma in Bayern es noch hätte hören können.

„Komm schon. Jetzt komm schon“. „Nein, ich will nicht, verpiss dich.“ Meine Alarmglocken klingelten. Die Augen meiner Cousine sprangen auf. Wir lagen mit unseren Gesichtern einander zugewandt, was eine sehr merkwürdige Situation war.

Egal, weiter im Text.

Wurden wir hier grad Zeuginnen eines Überfalls? Mein ganzer Körper spannte sich an. Das Gespräch eskalierte. Doch Sherlock musste man nicht sein, um schnell herauszufinden: Es handelte sich um ein dichtes Paar.

Er wollte scheinbar eine heiße Nummer zwischen den Mülltonnen schieben. Doch ihr Make-up war zerlaufen und sie wollte einfach nur heim. Auch ich wollte, dass sie einfach nur heimgehen.

Beide Wünsche blieben unerfüllt. Nach zwei weiteren Minuten lallender Quickie-Diskussion platzte mir der Kragen. Ich riss das Fenster auf und schrie wie eine Gefängnisinsassin: „Jetzt haltet die Schnauze und verzieht euch. Hier wollen Leute schlafen!“

Nach einem kurzen Wort-Battle zwischen mir und Mister „Mülltonnen-Quickie“, den ich natürlicherweise mit Vorsprung gewann, knallte ich das Fenster wieder zu.

Da war ich. 27 Jahre alt und nachts aus dem Fenster plärrend, dass jetzt endlich Ruhe sein soll. Wenn man in einem Bar-Viertel wohnt, erlebt man viele solcher ernüchternden Momente. Aber: Meine Cousine hatte eine lustige Geschichte zu erzählen.

Menschen, für die das Wohnen in einem Bar-Viertel ideal ist:

  • Leute mit unschlagbarem REM-Schlaf
  • Diejenigen, die früher keine Folge Big Brother verpasst haben
  • Leute, die ohne Geräuschkulisse nicht einschlafen können (damit ein Ade an Einschlaf-Apps wie BrainFM und Co.)
  • Leute, die Überraschungen mögen (emotional sowie akustisch)

Ein Hoch auf den angemessenen Kick im Leben

Die Kotz- und Pinkelrate sinkt und steigt zu gegebener Saison. Ebenso wie tiefgründige Liebeslallereien um 4 Uhr morgens. Aber eines ist sicher: Langweilig wird es nie. Ob Kotzorchester, hochdramatische Streits oder missglückte Mültonnen-Quickies. „How I Met Your Mother“ hat nicht ohne Grund ganze neun Staffeln gefüllt.

Foto: Unsplash / Max Andrey

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