Single-Kolumne: Wenn du es einfach nicht fühlst

Willst du überhaupt jemanden kennenlernen? Bist du offen dafür? Oder datest du nur, weil man das halt so macht – weil es gefühlt jeder von dir erwartet, so als Single? Heute schreibt unsere Autorin darüber, wie es ist, wenn man das mit dem Daten gerade einfach nicht fühlt.

Stuttgart – Die Flamme blinkt auf, die Pushbenachrichtigung läuft über den Bildschirm. „Hey, wie geht es dir?“ Micha ist 28 Jahre alt, seine Bildauswahl ist sehr minimalistisch, aber aussagekräftig. Die Fotografen haben definitiv vollen Einsatz gezeigt, um sie „spontan“ aussehen zu lassen. Er hat braune Haare, braune Augen, ein nettes Lächeln, scheint einen guten Musikgeschmack zu haben (sein Lieblingssong ist irgendwas von Scooter) – und einen Hund. An sich spricht also nichts dagegen, ihm zu antworten. Ich hätte sogar Zeit dafür. Immerhin liege ich seit Stunden auf der Couch und schaue Video-Compilations von Babys – obwohl ich Kinder nicht mal sonderlich mag. Warum also antworte ich Micha nicht? Vielleicht, weil es mich eigentlich gar nicht interessiert, wie es ihm geht, was er heute noch macht und ob der Hund wirklich ihm gehört. „Jetzt sei nicht so“, sage ich zu mir selbst. Ich antworte (halbherzig): „Hey, gut! Und selbst?“

This is not how he met your mother

Es ist Mittwoch, 20.30 Uhr. Wir sind in einer Bar. Ich trinke eine Weinschorle, Micha sitzt mir mit einem Bier in der Hand gegenüber. Er ist Architekt, nebenbei macht er auch was mit Grafikdesign, er lacht über meine Witze, steht auch auf „Korrekte Aussprache-Videos“ und findet Ziegenkäse genauso scheiße wie ich. Ja, die wichtigen Dinge matchen auch im real life.

Und dann sitzen wir da weitere drei Stunden – spielen „Kennenlernen-Bingo“, geben uns gegenseitig kleine real life PowerPoint-Präsentationen mit Ausschnitten aus unserem Leben. SPOILER: This is not how he met your mother.

Ich zahle die letzte von vier Runden – wir haben uns abgewechselt. Und dann stoßen wir aus der warmen verrauchten Bar in das kalte dunkle Nass nach draußen. „Schöner Abend“, sagt er. Ich nicke. Wir umarmen uns zum Abschied, er springt auf sein Rad und ich in die Bahn.

Das grelle S-Bahn-Licht holt mich wieder zurück auf den Boden der Tatsachen: Ja, es war ein schöner Abend. Und Micha ist echt cool, aber… In diesem Moment vibriert mein Handy: „Lass das gerne bald wiederholen!“ Ich starre auf den Bildschirm. Ja, warum nicht? Ich antworte: „Können wir gerne machen.“ Und plötzlich merke ich, wie sich meine Worte bereits im Kopf in den Konjunktiv verwandeln.

Ein Single ohne Dates?

Es ist jetzt knapp zwei Wochen her, dass wir uns gesehen haben. Im WhatsApp Chat mit Micha wartet eine ungelesene Nachricht auf mich: „Hey, morgen Lust auf einen Kaffee?“

Ja, prinzipiell habe ich immer Lust auf Kaffee. Aber, und das ist der entscheidende Punkt, ich will ihn momentan lieber alleine trinken. Ich fühle mich wie vor einer Bergmission. Nur steige ich nicht über Steine, sondern über meine eigenen Gefühle – und mitten ins Nichts.

Und auch, wenn ich mir dieses Kaffee-Date immer wieder versuche schön zu reden – ich fühle es nicht. Ich will gerade niemanden kennenlernen und auch niemanden von mir überzeugen müssen. Das hat nichts mit Micha zu tun – genauso wenig mit Zynismus, Verbitterung oder zu hohen Ansprüchen. Ich bin gerade einfach absolut fein damit, Single zu sein.

Und wer jetzt meint, mir erzählen zu müssen, dass ich mich dann auch nicht beschweren brauche: Tu ich nicht! Das ist eine bewusste Entscheidung. Eine Entscheidung für mich und nicht gegen Micha.

Ich weiß, man muss seine Komfortzone auch verlassen können. Doch im Moment habe ich das Gefühl, diese Safe Zone zunächst erst einmal kreieren zu müssen.

Fuck! Ein Single ohne Dates also? Yes, that’s me – und zwar so lange, wie ich mich danach fühle.

Foto: Unsplash/Jordan Bauer

Bleibt up to date mit unserem Newsletter:

Mehr aus dem Web