Single-Kolumne: Über Tinder-Dates mit Marie Luise Ritter

Das Dating-Game ist aufregend, macht Angst, weckt Unsicherheiten und kann auch komplett daneben gehen. Unsere Autorin hat sich im vergangenen Jahr mit Bloggerin Marie Luise Ritter getroffen, die genau darüber ein Buch geschrieben hat. Sie stellten fest: Beim Daten lernt man sich selbst besser kennen. Jetzt ist Luises zweiter Roman erschienen.

Berlin – Heute habe ich ein Date. Es ist ein sonniger Oktobertag, als ich Luise in Berlin treffe. Als „luiseliebt“ bloggt sie über das Leben, die Liebe, Reisen, Melancholie und ist Buchautorin – unter anderem von „Tinder Stories: Ein Jahr voller Dates“. Im Mai 2018, entscheidet sich Luise, nach zwei Beziehungen und einigen bewussten Monaten allein, ihr Comeback in der Dating-Welt zu feiern. In ihrem Buch schreibt sie von ihren Begegnungen, Gesprächen mit Freunden und reflektiert sich, ihre Gefühle, Ängste und Unsicherheiten.

Jeder datet anders

Während wir koreanische Suppe löffeln und uns gegenseitig beim Schwitzen zuschauen, stellen wir fest, dass man durch Dating-Plattformen und erste Treffen auch verdammt viel über sich selbst lernen kann. In meinem Falle: „Reicht, danke.“

Es ist verrückt, mit Tinder führe ich wohl die längste On-Off-Beziehung meines bisherigen Lebens. Ich lösche und installiere, lösche und installiere wieder. Auch wenn sich vor einigen Jahren darüber sogar eins, zwei ernsthafte Beziehungen ergaben, sitze ich vor dem Smartphone und strafe „Kann seid/seit unterscheiden“-Biografien mit einem Wisch nach links, zähle Rechtschreibfehler und wenn sich mal ein Match ergibt, ghoste ich bevor wir erste flüchtige „Heys“ austauschen können.

„Und das ist vollkommen okay“, sagt Luise. Denn manchmal braucht man Zeit für sich, um wieder Platz für andere Menschen zu machen.

Daten trotz Unsicherheiten

„Damals kam ich aus zwei längeren Beziehungen und hatte einige Monate für mich. Irgendwann kam dann der Tag, an dem ich mir die App wieder heruntergeladen habe, weil ich mir dachte ‘Warum datest du nicht mal wieder?'“

Wusstest du von Anfang an, dass daraus ein Buch entsteht?

„Nein, überhaupt nicht. Ich habe erstmal Notizen gesammelt. Das mache ich generell immer, wenn ich unterwegs bin und mir etwas einfällt, weil ich es sonst vergesse. Dann schreibe ich meine Gedanken und Gefühle auf. Nach einem halben Jahr habe ich dann gemerkt, dass ich daraus etwas machen will.“

Mich fragen immer viele, ob ich nicht auch mal so ein absolutes Horror-Date hatte. Spoiler: Nein, hatte ich wirklich nie. Wie war das bei dir?

„Das allererste Date war sehr schlimm und auch der Grund, die Notizen überhaupt anzufangen. Wir waren beim Italiener, saßen uns gegenüber und dann guckt er mich an und sagt: ‚Wäre so schön, wenn du jetzt unter den Tisch kriechst, um mir einen Blowjob zu geben.'“

Okay, krass! Wie hast du darauf reagiert?

„Ich habe zunächst unsicher gekichert und genau darüber habe ich anschließend auch geschrieben: Wie habe ich reagiert? Wie hätte ich reagieren sollen? Ich stand wie neben mir.“

Hast du das Date dann beendet?

„Ich habe dann angefangen zu stottern, dass ich nach Hause muss. Er wollte mich nach Hause bringen, obwohl ich meinte, dass er das nicht tun muss. Als ich mich schnell an der Haustür verabschieden wollte, ging er einfach mit nach oben. Ich musste ihn dann wirklich bitten zu gehen. Allerdings mit der Begründung, dass ich früh aufstehen muss, statt ehrlich zu sagen, dass es mir unangenehm war.“

Hast du dich über deine Reaktion geärgert?

„Ja, später schon. Ich habe auch gemerkt, dass ich anfangs noch nett wirken wollte, einfach weil ich Angst hatte. Ist ja klar, die Situation war neu für mich. Eigentlich hätte ich ganz klar sagen müssen: Ey, das ging gar nicht, bitte geh.“

Warst du danach abgeschreckt?

„Das wollte ich nicht zulassen. Ich habe am nächsten Tag gleich weitergemacht – und der Typ war super nett. Ich wollte die Angst nicht über mich siegen lassen.“

Tinder-Dates, Sex und Offenheit

„Einige Menschen haben mich gefragt, ob ich wirklich will, dass so viele wissen, was ich mit welchem Typen gemacht habe.“

Als wäre es etwas, wofür du dich schämen müsstest…

„Eben. Ich habe kein Problem damit zu schreiben: ‚Nick nimmt mich mit nach Hause und wir schmeißen uns auf sein Bett.‘ Finde es nicht schlimm, wenn das jemand von mir weiß.“

Und du beschreibst ja auch nur einen Moment. Was danach passiert, lässt ja genügend Interpretationsspielraum offen.

Ich habe mir anfangs auch Gedanken darüber gemacht, ob ich die Kolumne anonym schreiben soll. Selbstschutz ist da schon eine natürliche Reaktion. Aber es sind ja meine Geschichten, die irgendwo zwischen Wahrheit und Fiktivem stattfinden. 

„Und ganz ehrlich: Alle daten, alle haben Sex – warum versteckt man das so, als wäre es etwas Verbotenes? Offenheit ist total wichtig.“

Vor allem auch zu sich selbst.

„Klar, nicht jeder hat Bock, über sein Datingleben zu schreiben. Aber ich hatte das Gefühl, mich dadurch besser kennenzulernen, weil ich meine Gedanken festhalten konnte. Mir haben auch viele Mädels geschrieben, dass ich sie mit meinen Notizen inspiriert habe, selbst einmal ihr Dating-Leben aufzuschreiben.“

Was hast du über dich selbst gelernt?

„Ich date gerne, mir fällt es aber schwer, etwas zu beenden, wenn ich gemerkt habe, dass es doch nicht das Richtige für mich ist. Ein ‚Geh jetzt bitte!‘ oder ‚Für mich reicht es eigentlich, wenn wir das bei diesem einen Date belassen‘ ging mir nie über die Lippen.“

Marie Luise Ritter
Foto: Marie Luise Ritter

Liebesfreunde

Nach welchem Typ Mann hast du gesucht?

„Meistens ist es wohl das Gegenteil, was man vorher hatte. Ich habe nach größeren Männern gesucht. Nicht, weil es mich stört, sondern weil es in der Vergangenheit Thema war, wenn ein Mann kleiner war als ich.“

Worauf schaust du?

„Bei mir geht es um Gesicht, Ausstrahlung, Sympathie und die Augen. Wenn ein Mensch ausstrahlt, dass er etwas zu erzählen hat, das war für mich ein Grund, nach rechts zu swipen.“

In deinem Buch – und auch im Feed – erwähnst du öfters das Wort „Liebesfreund“. Was hat es damit auf sich?

„Wenn zwischen zwei Menschen Liebe ist, dann sind es Liebesfreunde, ob das Freundinnen sind, Kumpels, eine Affäre oder man zusammen ist. Ich finde es einfach falsch, immer alles direkt in eine Schublade zu packen. Dieses ‚Wir daten uns, weil…'“

Ja, manchmal fokussiert man sich zu sehr darauf, einer vordefinierten Rolle gerecht zu werden, statt einfach zu sein und sich kennenzulernen. 

„Ja genau. Das Loslassen ist total wichtig, wenn man jemanden datet.“

Spricht man mit einem Liebesfreund auch über das Thema Exklusivität?

„Natürlich, obwohl ich finde, dass das etwas Selbstverständliches ist. Mal ehrlich: Wann hat ein Mensch Zeit, mehrere Menschen gleich intensiv kennenzulernen? Wenn ich jemanden wirklich kennenlernen will, dann konzentriere ich mich auch auf diese Person.“

Nimm das Leben nicht so ernst

Wie sagt man einem Tinder-Date, dass man nicht interessiert ist?

„Man muss nicht immer alles klar aussprechen. Es musst nicht immer suggeriert werden: ‚Hey, es stört mich etwas an dir, deswegen will ich dich nicht kennenlernen.'“

Wie formulierst du das dann?

„Ich versuche nie, jemanden ein schlechtes Gefühl zu geben. Es ist schon ein Unterschied, nach einem unverbindlichen ersten Date zu schreiben: ‚Du, mich stören deine Augen, du bist nicht mein Typ‘ oder ‚Hey, ich bin gerade leider zu beschäftigt, um dich wiederzutreffen.'“

Also ist es erlaubt, Informationen auszulassen, wenn sich der andere dann besser fühlt?

„Empathie steht bei mir über Ehrlichkeit. Auch wenn nicht jeder mein Topf oder Deckel ist – für jemand Anderen ist er das vielleicht. Vielleicht ist es aber auch so ein Millennial-Ding, dass man immer locker aus den Sachen herausgehen möchte. Aber ich halte meine eigene Meinung nicht für wichtiger als andere.“

Die Welt dreht sich ja auch ohne weiter. Ich finde, wir sollten uns da alle selbst nicht so ernst nehmen.

Luise: „Oh. Das gefällt mir (zückt ihr Smartphone). Das schreibe ich mir jetzt auf (tippt): ‚Nimm das Leben nicht so ernst.‘“

Danke Luise.

Foto: Mikail Duran/Unsplash

Über Luise

Luise und Mops Penny
Foto: Marie Luise Ritter

Marie Luise Ritter ist 27 Jahre alt, selbstständige Bloggerin, Youtuberin, freie Social-Media-Beraterin und Buch-Autorin. Auf ihrem Blog und Instagram-Account schreibt sie über die schönen Dinge im Leben, Berlin, Liebe und Melancholie.

In ihrem neuesten Roman „Vom Nichts suchen und Alles finden“ erzählt sie hoffnungsvoll vom Loslassen alter Ideen und festgesetzter Muster, vom Zulaufen auf neue Abenteuer. Und von der Liebe. Vor allem von der Liebe.

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