Single-Kolumne: Nichts erlebt? Schön, behalte es für dich!

Am Wochenende mal nichts erlebt? Auch schön, aber behalte es doch bitte für dich! Unsere Autorin feiert ihre zurückgewonnene Leichtigkeit und genießt das Zuhause bleiben auch ohne Instagram-Post. Sie sagt: „Ein Abend für mich ist kein Social Event!“

Stuttgart – Samstagabend, eine laue Sommernacht. Ich trage keine Hose – weil keine Hose, keine Probleme – sitze auf dem Sims meines weitgeöffneten Doppelfensters, rauche eine Zigarette, puste den Rauch in das dunkle Warm hinaus und höre zum ersten Mal bewusst das neue Album meiner Lieblingsband. What a time to be alive! Wirklich jetzt, ich weiß nicht, wann ich mich das letzte Mal so frei gefühlt habe, so bei mir war.

Holt euch die Leichtigkeit zurück

Vielleicht ist das auch eine Art Date mit mir selbst – nur eben ohne Druck, das Haus dafür verlassen zu müssen. „Im Sommer?!“ Ja man!

Denn gerade wenn es warm ist, das Leben plötzlich nach außen verlagert wird und man gefühlt an jeder Ecke (Stuttgarts) ein zustimmendes Nicken oder „Hiiiii“ verteilt, tut es gut, auch mal alleine zu sein. Zumindest geht es mir so. Freunde verstehen sowas, die große Liebe kann an diesem Abend kurz warten und der Rest, ja, dem ist’s eh relativ egal, glaubt mir.

Um diese „sozialen Auszeiten“ auch als solche genießen zu können, benötigt es Leichtigkeit – und die gilt es zunächst wieder für sich zu entdecken. Sozusagen zurückholen, was schon immer einem selbst gehörte. Dafür müssen wir etwas tiefer in uns graben – und vor allem das scheiß Smartphone endlich aus den Händen legen!

Schluss mit der Selbstsabotage!

Der häufig mit der Generation Y verbundene Begriff „Fomo“ (Fear of missing out), also die Angst etwas zu verpassen, bekommt in den sozialen Medien seit einiger Zeit starke Konkurrenz. Der Gegenpart, „Jomo“ (Joy of missing out), wurde im vergangenen Jahr zum Social Media-Trend ernannt. In Zeiten von Netflix, HBO und Amazon Prime auch nicht wirklich überraschend.

Zuhause bleiben ist „in“ und auf Instagram kann jeder dabei zuschauen. Zeit für sich nehmen, aber bloß nicht allein dabei sein.

Wie paradox ist es, dass wir bei dem Versuch abzuschalten, das Gefühl haben, andere via Instagram daran teilhaben lassen zu müssen. Wir kündigen unseren Digital Detox auf digitalen Plattformen an, posten unsere „Fortschritte“ und später noch ein Fazit zur vorangegangenen Abstinenz. Ich sage: Schluss mit der Selbstsabotage!

Zuhause bleiben ist kein Social-Event

Ein Abend für mich ist kein Social-Event. Ein Abend für mich, das ist in kurzen Hosen am Fenster sitzen, rauchen, Musik hören und meine Pizza auf dem T-Shirt zu verteilen. Ohne sich schlecht zu fühlen, ohne Druck – und vor allem ohne Livestream.

Über die Autorin

Unsere Autorin schreibt über das Single-Leben, den Alltag, die Liebe, keine Liebe und trinkt dabei viel lieber Schorle als Schnaps. Ihre Geschichten liegen auf den Straßen, fahren in Stuttgarts U-Bahnen, posten Instagram-Storys oder blockieren dich auf Tinder. Irgendwo zwischen Suchen und Finden – aber immer ganz nah dran (durchzudrehen).

Foto: Unsplash/ Eli DeFaria

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