Single-Kolumne: Ein Supermarkt-Flirt in der Corona-Zeit

In ihrer Single-Kolumne erzählt unsere Autorin diese Woche eine kleine Geschichte: Sie hatte einen Flirt im Supermarkt. Leider ist aus den beiden nichts geworden – wegen Corona und einer Orange.

Stuttgart – Wir stehen zwischen Soja-Joghurt und Käse-Theke. Wir halten Abstand, fixieren den anderen aber mit Blicken. So geht das jetzt schon seit wir uns am Supermarkteingang bei den Einkaufskörben begegnet sind: Kurzes Blinzeln, klägliche Zwinkerversuche und unangenehm-besessenes Anstarren zwischen Zwiebeln und „Hass“-Avocados. „Jetzt bloß gut performen“, denke ich und laufe, ohne mit der Wimper zu zucken, an der Leberwurst vorbei. „Sorry Bruder, aber heute muss ich abliefern“, ruf ich dem Regal telepathisch zu. Oder habe ich das eben laut gesagt? Fuck.

Supermarkt-Flirt ohne GIFs

Die Vorstellung, so ganz zufällig jemanden im Supermarkt kennenzulernen, stand auf meiner Liste der akzeptablen Kennenlerngeschichten definitiv im oberen Viertel. Doch ohne digitalen Schutzgraben und mit 1,5 Meter körperlichen Abstand ist es jetzt auch gar nicht so easy, Smalltalk zu führen. Real Life GIFs – das wär’s!

„Jetzt bloß nicht winken“, denke ich mir und merke, wie meine linke Hand plötzlich aufgeregt zuckt. „Okay, krieg‘ dich ein“, motiviere ich mich selbst. Coachs empfehlen übrigens gegen Stress das Abklopfen des Körpers – damit die Energien wieder besser fließen. Quasi wie eine alte Fernbedienung, die nach ein paar Mal auf dem Tisch hauen wieder funktioniert. Ok, schlechter Vergleich und auch definitiv kein schöner Anblick.

Orangen, Parmesan und Leberwurst

Jetzt am dritten Kühlschrank lässt er mir den Vortritt. Mit langgezogenem Ärmel öffne ich die Tür und greife nach dem Parmesan. Wir lächeln uns an. „Er will bestimmt auch Parmesan“, denke ich, während sich sein Einkaufskorb in der Armbeuge bedenklich schief zur Seite neigt.

Eine Orange beschließt, auf die 1,5 Meter Abstand zu scheißen und rollt direkt vor meine Füße. Ich will nach ihr greifen, aber das darf ich nicht. Er ruft: „Ey, was machst du da?“ „Sorry“, stammel ich vor mich hin und denke mir dabei: „Verdammt, hätte ich diese Orange gerne aufgehoben.“

Plötzlich ist die Magie dahin – die Blicke werden kürzer, die Luft kühler und nein, er will auch keinen Parmesan. Scheiß drauf. Ich laufe zurück zum Leberwurstregal (ja, die Vegane). Heute nehme ich gleich zwei Packungen mit und setze meine Flirtversuche bis auf Weiteres unter Quarantäne.

Foto: Unsplash/Matheus Vinicius

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