Single-Kolumne: Die Geister, die ich nicht rief

„Hey, lange nichts mehr von dir gehört!“ Egal ob Ex-Freund oder Marius aus dem letzten Italienurlaub – irgendwann versuchen sie alle, den Fuß wieder in die Tür zu bekommen. Unsere Autorin sagt: Wer „close the door when you leave“ sagt, sollte dahinter auch zusperren.

Stuttgart – Meistens passiert es, wenn die Gleichgültigkeit über den Zynismus siegt, der Single-Status angenommen wird, man endlich wieder Platz für sich selbst macht und beginnt zu verstehen, dass Alleinsein gar nicht so scheiße ist. Dann sliden sie plötzlich in deine DMs. Die Geister, die du nicht riefst. Ähnlich wie in der Weihnachtsgeschichte von Charles Dickens. Zur Erinnerung: Die Story handelt von dem reichen Geizhals Scrooge, dem in der Weihnachtsnacht Geister erscheinen, die ihn dazu bringen, sein Leben grundsätzlich zu ändern. Du bist sozusagen Mr. Scrooge – aber in nett (und broke). Auch deine Geister, aka Fuckboys, suchen dich heim, um dir eine Lehre zu erteilen. Nämlich: Wer „close the door when you leave“ sagt, sollte dahinter auch zusperren. Und das sogar schon vor dem 25. Dezember.

„Irgendwie musste ich an dich denken…“

Geist Nummer eins – der Fuckboy. „Irgendwie musste ich an dich denken“, schreibt er, während er wahrscheinlich gerade im Café auf sein nächstes Date wartet und deine Blockierung in WhatsApp erst einmal aufheben musste.

Natürlich weißt du sofort, wem die Nummer auf deinem Display gehört. Zwar hast du sie gelöscht, aber nicht ohne die Zahlen im Kopf abzuspeichern – wem willst du etwas vormachen?

Und für all diejenigen, die denken, sie sollten jetzt „unverbindlich“ antworten, „weil der kann ja ruhig wissen, dass es mir gut geht“, hört auf damit!

Es ist die übliche Spirale. Ein Screenshot wandert durch die gesamte WhatsApp-Liste und landet in diesem einen Gruppenchat, eurer selbstgegründeten Kreativagentur für verzweifelte Nachrichten – mehrere Texter versuchen für dich die richtigen Worte zu finden. Doch SPOILER: Eure Agentur ist scheiße und du bist ein schlechter Creative Director.

Er ist es nicht wert

Geist Nummer eins soll dir ins Gedächtnis rufen, warum er genau diesen Aufwand nicht wert ist. Ein kurzer Rückblick: Wie oft hat er dich warten lassen? Wie oft hast du dir deine Abende und Wochenenenden freigehalten – für eine Eventualität, die in zwei von zehn Fällen eingetreten ist? PS: Das sind alles rhetorische Fragen!

Gefühle, die du nicht riefst

Geist Nummer Zwei, dein Ex-Freund, zeigt dir, dass er sich nicht geändert hat.

Hat er vor wenigen Monaten versprochen, an sich zu arbeiten, ist er heute mit der Selbstfindung noch immer kein Stück weitergekommen. Das wäre nicht schlimm, würde er nicht versuchen, dir genau das vorzugaukeln.

Er schickt dir ein Bild von „eurem Ort“, du antwortest – und hörst die nächsten sechs Wochen nichts mehr von ihm. Irgendwann kommt dann ein: „Oh fuck, sorry, war total viel unterwegs.“

Dann klopft auch schon Geist Nummer drei an – der Tinder-Typ von vor drei Monaten, dem das „alles zu schnell ging“.

Und im Prinzip haben diese drei Typen alle eins gemein: Sie erinnern dich an ein Gefühl, das du nicht noch einmal fühlen wolltest und welches sich mit jedem weiteren Buchstaben, den ihr miteinander wechselt, leise in dir nach oben schleicht.

Winken durch den Türspion

Immer dann, wenn sie anklopfen, und du deine Tür immer einen Spalt mehr öffnest, hast du sie bald wieder dort, von wo du sie gerade vertrieben hast. Dort, wo es momentan nur Platz für dich geben sollte.

Also: Sperr zu, wink freundlich hinter dem Türspion und du wirst sehen, wie die Geister schon von ganz alleine wieder verschwinden.

Foto: Unsplash/Gonzalo Arnaiz

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