Single-Kolumne aus der Quarantäne: Auf der Suche nach Nähe

Wie fühlt man sich als Single in Quarantäne? Fast wie immer – nur mit noch mehr Weltschmerz, Geistern aus der Vergangenheit, Tinder-Fails, Druck von außen und heißen Duschen gegen einsame Stunden. Was in diesen Zeiten noch krasser ist als jede Instagram-Challenge: bei sich zu bleiben.

Stuttgart – Es ist der 57. März oder so. Mein Zeitgefühl habe ich verloren sowie sämtliche Farbe im Gesicht. Mittlerweile sieht das aus wie ein Mix aus dem Inneren einer Aubergine mit ganz viel Kalkwand – Pantone Color „Quarantäne“ sozusagen. Die Welt bleibt zu Hause. TikTok weiß Bescheid: „It’s Corona time.“ Aus meinen Lautsprechern dröhnt „Hard knock life“ und statt wie in Quarantäne fühle ich mich gerade als wäre ich auf der Flucht – vor meinen eigenen Gedanken, „Bootycall-Moritz“ und der Einsamkeit.

Quarantine is lava

Quarantäne ist ein Hindernislauf – nur eben von der Couch aus. Und glaubt mir, das zählt nicht gerade zu meinen Stärken. So stolpere ich allein an diesem Morgen über die fünfte Instagram-Challenge mit dem Aufruf, jetzt doch einfach für sich das Beste aus der Situation zu ziehen und kreativ zu werden, das Foto der verdammt perfekten Frühstücks-Bowl meiner Freundin, Tinder im App-Store und WhatsApp-Nachrichten eines längst verschollenen Ex-Dates. The floor is lava und meine Füße haben Brandblasen.

Auf der Suche nach Nähe

Ich bin Single. Social Distancing bedeutet für mich, alleine zu Hause zu sein. Das ist okay. Mit dem Alleinsein hatte ich noch nie Probleme. Doch es gibt Tage, wenn allein zu einsam wird, an denen wünsche ich mir Nähe. Nicht von Freunden oder Familienmitgliedern. Romantische Nähe – von einem Partner, einem Menschen, ohne 1,5 Meter Abstand. Nähe im Sinne von Connection. Nähe, die sich anfühlt wie eine warme Decke.

Was ich stattdessen bekomme sind Anfragen zum FaceTime-Date von fremden Typen, die mich „kennenlernen wollen“ und dann nach Nudes fragen. Nein, danke.

Bei sich bleiben

Damit sage ich nicht, dass virtuelle erste Dates, FaceTime-Kennenlernen oder Sexting-Geschichten nicht funktionieren oder moralisch verwerflich sind. Grundvoraussetzung ist einfach, dafür offen zu sein. Das war ich schon vor Corona nicht und daran hat sich immer noch nichts geändert. Selbst wenn mir die Quarantäne versucht, etwas anderes einzureden.

Und das ist in Zeiten wie diesen wahrscheinlich die größte Challenge, die komplizierter als jeder scheiß TikTok-Dance ist: Sich auf der Suche nach Nähe, nicht selbst zu verlieren. Bei sich zu bleiben und ein Gespür dafür zu entwickeln, was gerade in diesem Moment gut tut, oder eben nicht. Ohne walk of shame am nächsten Tag – mal ganz davon abgesehen, dass das momentan eh kaum jemand sehen würde.

Das gilt für uns alle – egal ob Single oder vergeben. Und irgendwie fühlt sich das gar nicht so einsam an, wie ich dachte.

Foto: Unsplash/Duncan Shaffer

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