Single an Weihnachten oder: Danke, mir geht es gut.

Die Weihnachtszeit ist schön. Außer man ist Single. Das ist gar nicht die Meinung der „Schnaps oder Liebe“-Kolumnistin, sondern die der anderen. Deswegen wollen die auch behilflich sein – bei einem Problem, das gar keines ist.

Stuttgart – Ihr kennt das: Kopf leicht schief gelegt, trauriger Blick in den Augen, der Mund zu einer Schnute gezogen. Dazu ein fragendes Zucken der Schultern. Genau das ist es, was man als Single an Weihnachten zu sehen bekommt. All die Leute, die einen dafür bedauern, dass man zu dieser Zeit im Jahr alleine ist, man wisse ja auch gar nicht, woran das liegt, sie sei doch so ein nettes Mädchen. Völlige Ahnungslosigkeit.

Worum es an Weihnachten geht …

Aus gar keinem besonderen Grund scheint das für die Umwelt viel schlimmer zu sein als für einen selber – vor allem zum Jahresende. Sie suggerieren: Was das ganze Jahr über schon wirklich scheiße war, ist an Weihnachten noch viel scheißer. Was ist das Leben schon wert, wenn man auf den Weihnachtskarten, die den Verwandten siebten Grades nach Übersee geschickt werden, niemanden zum Umarmen hat? Oder mit dem man – Anführungszeichen Anfang – total ironisch gemeinte Bilder posten kann, auf denen man diese lustigen ugly christmas sweater trägt – Anführungszeichen Ende.

Ja, Nestbau und Commitment, das scheint in der Weihnachtszeit von noch größerer Bedeutung zu sein als das, wofür Weihnachten eigentlich steht: Konsum. Kleiner, „ironisch gemeinter“ Scherz am Rande, niemals wird etwas an Weihnachten wichtiger sein als Geld ausgeben. Vielleicht hat es also auch damit zu tun, dass wir Singles dem Weihnachtsgeschäft schaden. Schließlich haben wir niemanden, dem wir mit einem überteuerten, und im besten Fall völlig unpersönlichen Geschenk unsere Liebe beweisen müssen. Wenn man das mal hochrechnet, in unserer Gesellschaft, in der sich wirklich wenige binden und immer mehr Leute alleinstehend bleiben – wir sind nicht nur eine persönliche, sondern auch noch eine wirtschaftliche Vollkatastrophe.

… bestimmen die anderen

Wieso ist es denn aber so schlimm für alle anderen? Wieso wird der Single immer mit unvollständigem Leben, Unglück und Einsamkeit assoziiert? Natürlich geht es an Weihnachten um Nächstenliebe, das Miteinander und diese besondere Weihnachtsstimmung. Aber wenn ich keine eigene Partnerschaft zelebrieren kann, darf ich dann gar nicht jolly sein? Nicht mal Filme sind da auf meiner Seite. Natürlich vermisse ich Hugh Grant jedes Jahr an Heiligabend schmerzlich, aber was soll ich machen? Solange er noch nichts von meiner Existenz weiß, kann er mich nicht an Weihnachten überraschen. So einfach ist das. Bis dahin schaue ich einfach den einzig wahren Weihnachtsfilm: Stirb langsam.

Aber am Ende wird alles gut – für mich

Es gibt aber auch diesen einen Moment während der Feiertage, an dem die mitfühlenden Blicke (wieso überhaupt MITfühlend? Ich fühl rein gar nichts, außer dass der Glühwein langsam anschlägt), das „total ironische“ Geschubse unter den Mistelzweig und das zwinkernd vorgebrachte „2019 dann, das wird dein Jahr!“ mir völlig egal werden.

Wenn nämlich aus mitfühlend neidisch wird. Wenn das Genörgel anfängt, dass sie nach Hause will, er sich aber noch ein Bier aufgemacht hat. Das leise Zischen im Flur, dass man doch versprochen habe, sich dieses Jahr nicht zu betrinken bei den Schwiegereltern. Wenn Tränen fließen, weil das kleine Schmuckkästchen doch wieder nur Ohrringe beinhaltet hat. Man aber auf diesen einen anderen Ring spekuliert hat. Genau das ist der Moment, an dem die anderen denken: Sie da, sie hat wirklich ihren Frieden an Weihnachten. Das ist beneidenswert. Und zwar frei von Ironie.

Über die Autorin

Hing sie früher an Jürgen von der Lippe, hängen ihre heute an Schnaps und schönen Floskeln. Damit ist sie leicht zu ködern, schwer zu ertragen und unmöglich zu halten. Oder doch? Denn verknallen geht schnell, verschwinden aber genau so. Zurück bleibt ein Rattenschwanz – manchmal mit Herzschmerz, manchmal als schöne Erinnerung und manchmal nur mit der Frage, wie das schon wieder passieren konnte?

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