Simon will Pfarrer werden: „Es geht nicht um die Institution!“

Die Kirche ist ein Auslaufmodell. So wirkt es zumindest mit Blick auf die Zahl der Kirchenaustritte. Simon Gottowik will trotzdem Pfarrer werden. Er kann die Kritik an der Institution verstehen – und fordert Veränderungen.

Stuttgart/Tübingen – „Die Zahlen sind desaströs“ – so lauteten kürzlich die ersten Worte eines Kommentars, den die katholische Kirche in Deutschland auf ihrer offiziellen Webseite veröffentlichte. Thema des Textes: Die Zahl der Kirchenaustritte im vergangenen Jahr. Zugegeben, die Statistiken der katholischen Deutschen Bischofskonferenz und der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) zeichnen ein nicht gerade rosiges Bild: 216.078 Menschen haben demnach die katholische Kirche im Jahr 2018 verlassen – 29 Prozent mehr als noch im Jahr zuvor. Bei der protestantischen Kirche sieht es nicht besser aus: Rund 220.000 Mitglieder kehrten der Institution im vergangenen Jahr den Rücken.

Simon will evangelischer Pfarrer werden

Kirche scheint also irgendwie out zu sein – kein Wunder, haben sich die beiden großen Vertreter des christlichen Glaubens in den vergangenen Jahren doch so einiges geleistet: Vertuschter sexueller Missbrauch in BEIDEN Kirchen, Protz-Bischöfe, Strukturen aus dem Mittelalter und teilweise genauso alte Denkmuster.

Trotz all dem – oder vielleicht auch gerade deswegen – hat sich Simon Gottowik dazu entschieden, evangelische Theologie zu studieren. Er will Pfarrer werden, ganz klassisch, weil Kirche für ihn das ist, „was man daraus macht“. Warum entscheidet sich ein junger Mensch heute noch dazu, bei einer so „verstaubten“ Institution mitzumischen? Und wie tickt ein angehender Pfarrer? Räumen wir erst einmal mit ein paar Klischees auf:

Drei Klischees über Theologiestudenten

Klischee Nr. 1: Du gehst jeden Sonntag in die Kirche.

Simon: „Nee. Ich bin ja auch politisch bei den Jusos aktiv, viel unterwegs und spiele auch Tennis – da passt es nicht immer. Aber wenn ich sonntags mal frei habe, dann geh ich auch in den Gottesdienst.“

Klischee Nr. 2: Du betest vor jedem Essen.

„Nein. Wenn mein Umfeld das macht, mach ich da gerne mit. Für mich persönlich war das aber nie so das Entscheidende.“

Letztes Klischee: Angehende Pfarrer sind ganz brave Studenten, die nie Party machen.

Simon lacht: „Ich studiere in Tübingen, also einer Stadt, in der es wirklich schade wäre, wenn man das Nachtleben auslassen würde. Ich wohne in einem Wohnheim mit anderen Theologie-Studis – und wir haben einen eigenen Weinkeller.“

Auf WG-Partys ist er schnell im Gespräch

Da es ihm an WG-Party-Erfahrung also nicht mangelt, fängt der 22-Jährige auch direkt an, von seinen „WG-Begegnungen“ zu erzählen. Die laufen bei ihm immer ein bisschen anders ab als bei seiner Freundin, die Wirtschaftsinformatik studiert: „Das ist so ein Fach, das nickt man irgendwie ab. Aber zu Theologie hat jeder was zu sagen.“ Die einen könnten damit überhaupt nichts anfangen, andere seien total begeistert, erzählt Simon.

Er wird zumindest immer schnell in Gespräche verwickelt – oft auch in philosophische oder sehr persönliche: „Das ist immer ganz faszinierend, wie schnell die Leute privat werden und ich mir denke: Wow, danach habe ich doch jetzt gar nicht gefragt, wir kennen uns doch erst eine Stunde.“ Aber diese Grenze gebe es bei Glaubensfragen oft einfach nicht.

Simon versteht die Ablehnung

Der Theologiestudent kann verstehen, dass vor allem junge Leute aus der Kirche austreten: „Wenn man liest, was Menschen im Namen von Religion treiben und wie Religion missbraucht wird – und dann sagt: ´Nee, mit Religion möchte ich nichts zu tun haben`, ist das erst einmal völlig verständlich.“

Er sei aber auch der Meinung, dass jeder die Kirche – gerade die evangelische Kirche – mitgestalten kann und sie zu dem mache, was sie sei: „Es ist ein großes Netzwerk, in dem jeder Einzelne zählt.“ Der angehende Pfarrer will Menschen helfen, will sie in den unterschiedlichsten Lebenslagen erreichen – und die Kirche scheint ihm dafür ein guter Ort zu sein: „Altenheime, Kindergärten, Obdachlosenhilfen, die Kirche mitten in der Innenstadt – das sind alles Orte, an denen Menschen zusammenkommen und das finde ich toll. Das will ich später mitgestalten.“

Ist es Zeit für Martin Luther 2.0?

Was ihn besonders fasziniert: Der Glaube bringe ganz unterschiedliche Leute zusammen, die sonst vielleicht nicht miteinander sprechen würden. „Da sitzt die Sparkassendirektorin neben dem Maurerazubi und das ist halt ganz normal.“ Trotz all der Austritte hat die evangelische Kirche in Deutschland immerhin noch mehr als 21 Millionen Mitglieder – es ist also eindeutig zu früh, von einem „Auslaufmodell Kirche“ zu sprechen.

Das ist aber kein Grund, nichts zu verändern. Simon Gottowik könnte sich auch vorstellen, dass man nochmal eine richtig große Reform anstößt – quasi Martin Luther 2.0. Der habe damals ja auch keine Rücksicht auf Traditionen genommen und alles neu aufgerollt. Anfangen würde der 22-Jährige zum Beispiel beim Sonntagsgottesdienst: Das Modell, dass sich einmal in der Woche (und dann auch noch an einem Sonntagmorgen!) alle aus der Gegend an einem Ort versammeln, funktioniere einfach nicht mehr. Dafür brauche es Alternativen, und die sollten möglichst flexibel sein.

„Statistiken zu wälzen, ist nicht unser Auftrag!“

Kirche sei oft damit beschäftigt, Statistiken zu wälzen und Traditionen zu bewahren – bloß die Institution sichern, so wie sie ist! „Aber das ist ja nicht unser Auftrag“, findet Simon. Kirche solle nicht bei sich selbst bleiben, sondern raus- und auf die Menschen zugehen – auf die Gefahr hin, dass sie danach eine ganz andere ist. „Ich kann daran aber nichts Schlechtes finden. Es geht um die Sache, nicht um die Institution!“

Fotos: Unsplash/Priscilla Du Preez (Titelbild), privat (Porträt Simon Gottowik)