Silent Demo in Stuttgart: Was wir bei Rassismus nicht vergessen dürfen

Der vergangene Samstag war ein bewegender Tag. Die Silent Demo gegen Rassismus hat in Stuttgart tausende Menschen versammelt, um gemeinsam zu protestieren – friedlich und still, aber definitiv nicht stumm.

Stuttgart – Auf dem Weg in die Stadt beobachte ich die Menschenmassen, die aus allen Richtungen gen Stadtinneres schwappen. Ich sehe ein Regenbogenspektrum an Hautfarben, hell, dunkel, gelb, grau. Ich sehe Blonde, Braun- und Rothaarige. Alle tragen sie schwarze Kleidung beziehungsweise Oberteile an diesem regnerischen Tag – symbolisch für den Protest gegen Rassismus.

Black Lives Matter

Die Energie bei der Demo dringt noch jetzt bis tief in mein Knochenmark. Ich hatte eine Gänsehaut von der Kopfhaut bis zu den Zehen, es war elektrisierend. Ich hörte Rufe wie: „Sick of this shit!“ oder: „Ob schwarz oder weiß, wen kümmert es??“. Ich sah so viele Plakate, dass ich mit dem Lesen nicht mitkam: Black Lives Matter, Together We Rise, Silence Is Violence…

Mit erhobener Faust für Gerechtigkeit

Ich stand also in der Menge, Menschen mit erhobener Faust um mich herum, geballte Emotionen, die die unter den Masken hervorstechenden Augen preisgaben – The eyes Chico, they never lie. Und mich überkamen Wellen von Gedanken:

Wie schade es ist, dass ein so unmenschlicher Vorfall wie George Floyds Tod der Auslöser für eine so kraftvolle Bewegung weltweit sein musste.

Dass wir Rassismus nicht mit Rassismus bekämpfen dürfen, schon die eigene Abgrenzung von anderen führt in die falsche Richtung.

Dass Rassismus kein amerikanisches Problem ist, sondern wir ihn auf globaler Ebene betrachten müssen.

Wir dürfen nicht vergessen, warum wir hier sind

Die Redner auf dem kleinen Podest sprachen inspirierende und kraftvolle Worte. Am treffendsten jedoch fand ich die Rede, in der die Aufforderung fiel, dass wir nicht vergessen dürften, warum wir hier seien.

Es geht nicht darum, dass sich Schwarze gegen Weiße stellen, sondern darum, dass jedes Menschenleben auf dieser Erde, egal mit welchem Hintergrund und welcher Pigmentierung, Gleichberechtigung erfährt.

Meiner Meinung nach ist genau das der Punkt, der durch Wut und Rage oft in Vergessenheit gerät: Das Wort „Rasse“ muss komplett von der Bildschirmfläche verschwinden. Denn ein Johannes macht auch Witze über eine kopftuchtragende Leyla, genauso wie Leyla sich wahrscheinlich darüber mokiert, dass Johannes eh tief im Inneren ein Nazi ist.

Silent Demo Stuttgart gegen Rassismus

Rassismus ist kein amerikanisches Problem

Rassismus ist kein amerikanisches Problem des Weißen gegenüber dem Schwarzen, Rassismus ist ein globales Problem. Und damit ist genauso der Antisemitismus, der Groll gegenüber Muslime, Chinesen, die Diskriminierung von Asylbewerbern und tausend andere Formen der Ideologisierung der eigenen Herkunft gemeint. Das muss aus den Köpfen raus – das muss schon den Kleinkindern anders beigebracht werden.

Die stärksten Worte in den Reden an diesem bewegenden Tag waren die, die Bilder von Einheit und nicht Abgrenzung malten. Es sollte kein „ihr Weiße gegen uns Schwarze“ geben, auch wenn die Wut einen fast blind macht. Sonst etabliert sich nämlich schnell eine neue Form von Rassismus – der gegen die Rassisten. Wie lange soll dieses Spiel noch gespielt werden?

Es wird endlich Zeit, Rassismus zu verlernen!

Ich sehe mich um: Plakate mit George Floyds Gesicht – er ist zum Symbol geworden. Getragen von Hell-, Dunkel-, Gelb- und Grauhäutigen. Von Blonden, Braun- und Rothaarigen. Hier spürten heute alle das Gleiche, die Tränen in unseren Augen bestehen aus derselben Substanz. Ein Symbol für eine hoffentlich aktive Veränderung in der Zukunft und in den Köpfen der Menschen, die es bis jetzt immer noch nicht begriffen haben. Wir sind alle ebenbürtig, wir sind alle eine Einheit.

Eine Rednerin hat ein paar wundervolle und wahre Worte einer Rednerin gesprochen: Rassismus wird nicht angeboren. Er wird gelernt. Es wird endlich Zeit, Rassismus zu verlernen!

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