Silbersalz: Back to analog

Die Stuttgarter Filmagentur „Silbersalz“ setzt voll auf Retro und filmt wieder analog. Uns haben die Analog-Fans verraten, ob sich der Aufwand lohnt und warum sie dafür 80-jährige Menschen brauchen.

Stuttgart – „Silbersalz“ erzählt im Grunde eine zutiefst schwäbische Geschichte. Es ist die Geschichte von ein paar Jungs, die Film lieben, von ein paar Tüftlern und Bastlern, die einfach mal machen und im Kleinen das ganz Große erreichen wollen. Den Anfang machte, wie bei jeder Erfolgsgeschichte, eine fixe Idee.

Aus dem Hobby wurde eine Geschäftsidee

Josua Stäbler, CEO bei der Werbeagentur „Silbersalz“, kaufte sich vor einigen Jahren eine analoge 16 mm Filmkamera. Nur so als Spaß, um sie sich ins Regal zu stellen. Sein Kollege und Geschäftsführer der Agentur Thomas Bergmann hielt das für Verschwendung. Wenn man sie schon hat, dann sollte man sie auch benutzen. Sie fingen an, ein bisschen herumzuprobieren. Irgendwann wurde daraus mehr. Heute produziert die elf Mann starke Agentur wieder analog gedrehte Werbe- und Imagefilme auf professionellem Niveau. Zuletzt stellten sie mit analog gedrehten Filmen eine große Kampagne für das Magazin Playboy auf die Beine.

Im Gegensatz zum Digitalen, bei dem ein elektrischer Sensor das einfallende Licht in elektrische Ladung umwandelt, arbeitet der Analogfilm noch mit dem klassischen Filmstreifen. Darauf sind kleine, lichtempfindliche Silbersalze aufgebracht, die bei Lichteinfall chemisch reagieren. Silbersalze – daher auch der Name der Agentur.

Im Digitalen kann jeder alles

Zurück auf Anfang. Thomas Bergmann und seine Kollegen filmten digital – wie alle. Die immer besser werdende Bildqualität und gleichzeitig sinkende Preise sorgten dafür, dass analoge Kameras fast vollständig vom Filmmarkt verschwunden sind. Dazu kommen die praktischen Vorteile von Digitalkameras: Aufnehmen und Abspielen sind zwei Knopfdrücke voneinander entfernt. Während man früher mit Transportern vollgefüllt mit Material unterwegs zum Dreh war, reicht heute ein kleiner Koffer. „Den Hollywood-Blockbuster kann ich auf dem Laptop im Zug in voller Qualität schneiden, wenn ich das möchte“, sagt Thomas Bergmann.

„Sehnsucht nach mehr“

Warum dann also wieder umsteigen, back to the roots? „Da ist eine Sehnsucht nach mehr.“ Die Kunden würden sehen, dass im heutigen Film alles gleich aussieht, meint der 39-Jährige: Gleiche Kamera, gleiche Bildbearbeitung, Film am Fließband. Da als kleine Stuttgarter Werbeagentur noch hervorzustechen, ist „verdammt schwer“. Silbersalz begann, zweigleisig zu fahren: Sie produzierten weiter Digitalfilme und lernten gleichzeitig die Kunst des Analogen.

Die Analogfilme lassen sie in London entwickeln. Professionelle Entwicklungslabore gibt es in Europa nur noch sehr wenige. Vor etwa einem Jahr keimte deshalb die Idee auf, ein eigenes Filmlabor zu eröffnen, direkt in Stuttgart. Gesagt, getan: Mittlerweile können die Filmemacher alles selbst machen – von der Konzeption über die Produktion bis hin zur Verarbeitung und Postproduktion. Der nächste Schritt soll ein mobiles Filmlabor werden. Thomas zeigt die Skizze eines solchen Filmlabors in einem Wohnmobil. „Das ist kein Witz, wir meinen das schon ernst.“

Das Wissen stirbt aus

Nur noch wenige Menschen auf der Welt wissen, wie analoger Film entwickelt wird. „Wir reden viel mit über 80-Jährigen“, sagt Thomas. Temperatur, pH-Wert und Dauer der chemischen Bäder, die dafür nötig sind, müssen exakt passen. Beim Bau einer automatischen „Entwicklungsmaschine“, die ihnen das händische Entwickeln abnehmen soll, hilft ihnen Helmut Rings. Thomas beschreibt ihn als „eigensinnigen Charakter“, der 60 Jahre seines Lebens im Entwicklungslabor verbracht hat und die Digitalisierung nicht akzeptiert. Aber er verfügt über das selten gewordene Wissen, das für das Projekt von Silbersalz so wertvoll ist. „Wenn wir erst in fünf Jahren damit begonnen hätten, wäre es noch viel schwieriger geworden“, meint der Geschäftsführer.

Thomas Bergmann glaubt an das Analog-Revival. Auf Instagram ist analog wieder ganz groß, da legen Nutzer einen grieseligen Filter mit einem Hauch von Vintage über ihre digitalen Bilder und fotografieren die mit Sofortbildkameras gemachten Schnappschüsse der letzten Party mit ihren Smartphones ab. Analog lebt, zumindest unter Hipstern. Aber reicht ein Social-Media-Trend aus, um als Werbeagentur Geld zu verdienen?

Auch Blockbuster sind noch analog

„Zuschauer merken den Unterschied“, ist sich Thomas sicher. Für einen guten Film lohnt sich der riesen Aufwand, den sie dafür betreiben müssen. Die richtig großen Kinofilme werden aber auch heute noch analog gedreht, fügt er hinzu. Star Wars, James Bond, der neue Film der „Mission: Impossible-Serie“ – die großen Blockbuster setzen zumindest teilweise wieder aufs Altbewährte. Thomas verwundert das nicht: „Da stecken hundert Jahre Erfahrung drin. Die einfach wegzuwerfen, wäre unklug.“

Die Werbeagentur sitzt im Herzen Stuttgarts und arbeitet in der ganzen Welt. Ihre Kunden sind hauptsächlich international, Playboy, Lidl und Mercedes gehören dazu. Die Branche ist in Stuttgart nicht besonders groß, die Infrastruktur nicht besonders gut, manchmal ist es dadurch schwieriger. Thomas will trotzdem im Ländle bleiben: „Ich fühle mich wohl in Stuttgart. Und dieses Schwabentum passt auch einfach zu uns.“