Selfcare ist mehr als Schaum-
bäder und Duftkerzen

In der Kolumne #letstalkaboutmentalhealth schreibt unsere Autorin über psychische Gesundheit und Krankheit, den Alltag damit sowie all die kleinen und großen Hürden im Leben. Heute: Warum Selfcare mehr ist, als ein Schaumbad zu nehmen.

Bremerhaven/Stuttgart – Gedankenverloren scrolle ich durch meinen Instagramfeed. Vorbei an Obsttellern und Gesichtsmasken lande ich auf einer Liste von Selfcare-Vorschlägen. Sie beinhaltet Joggingrunden, Yogaposen und Gojibeerensmoothies. Ich seufze und schließe die App.

Was ist eigentlich Selfcare?

Oft wird im Internet, und vor allem auf Instagram, eine Art von Selfcare propagiert, die einen schnell unter Druck setzen kann. Selfcare bedeutet zuerst einmal Selbstfürsorge. Und Selbstfürsorge bedeutet mehr, als Badebomben und Duftkerzen zu kaufen.

Mit einer psychischen Erkrankung fallen selbst die kleinsten Dinge des Alltags schwer: aufstehen, Klamotten anziehen, duschen oder sogar Essen machen. All das erfordert ein unglaublich hohes Maß an Kraft und Energie.

Sich eine Badewanne einzulassen ist da eher unvorstellbar. Lange Zeit habe ich mich dadurch noch schlechter gefühlt, weil ich keine Goldmasken, Maniküre oder Spinatsmoothies in meinen Alltag integrieren konnte. Und es hat verdammt lange gebraucht, bis ich verstanden habe, dass Selfcare viel mehr ist als das.

Frühstück und Netflixserien

Wenn das Aufstehen schwer fällt, fühlt sich schon eine Dusche nach Selfcare an. Selfcare bedeutet, sich selbst ernst zu nehmen, die eigenen Gefühle zu spüren und nachzuforschen, was man gerade braucht. Das bedeutet, die liebste Schlafanzugshose anziehen, zum Frühstück Nudeln mit Pesto essen oder die Jalousie ein kleines bisschen weiter öffnen. Die Fenster aufreißen für frische Luft oder das sich stapelnde Geschirr zusammenzusammeln und in die Küche zu bringen.

Wie soll ich ein Schaumbad nehmen, wenn ich seit zwei Wochen nicht geduscht, geschweige denn das Bett verlassen habe? Ich lernte, auf die kleinen Selfcare-Momente stolz zu sein. Haare bürsten, das dreckige Tshirt wechseln, vielleicht sogar den Müll vor die Haustür bringen. Selfcare ist keine festgelegte Liste von Dingen, die man abarbeiten muss, damit es einem besser geht. Selfcare, das bedeutet zu verstehen, was einem guttut und wie man die schwarzen Wolken zumindest ein kleines Stück zur Seite schieben kann.

Versteht mich nicht falsch, wenn es hilft, dann darf man auch zehn Schaumbäder nehmen. Aber es ist okay, kleine Schritte zu machen und sich im Bad erst einmal die Zähne zu putzen.

(Titelbild: Annie Spratt/unsplash)

Über die Autorin

Mit ganz viel Ehrlichkeit, Feingefühl und Liebe für die Sache schreibt unsere Autorin über das Leben mit psychischen Krankheiten. Warum das nicht immer einfach ist und gegen welche Vorurteile sie ankämpft erzählt sie in der Kolumne #letstalkaboutmentalhealth.

Anmerkung der Redaktion: Wenn du selbst unter Stimmungsschwankungen, Depressionen oder Selbstmordgedanken leidest oder jemanden kennst, der daran leidet, kannst du dir bei der Telefonseelsorge helfen lassen. Du erreichst diese telefonisch unter 0800/111-0-111 und 0800/111-0-222 oder im Internet auf www.telefonseelsorge.de. Die Beratung ist anonym und kostenfrei, Anrufe werden nicht auf der Telefonrechnung vermerkt.

Informationen und Hilfe bei Depressionen:
https://www.deutsche-depressionshilfe.de

Nummer gegen Kummer für Kinder und Jugendliche: 0800/116 111 Mo. bis Sa. 14-20 Uhr, anonym & kostenlos!

In Stuttgart bietet der Arbeitskreis Leben suizidgefährdeten Menschen, Menschen in Lebenskrisen, Angehörigen, sowie Hinterbliebenen nach dem Suizid eines nahestehenden Menschen Unterstützung an. Telefon  0711/600 620, hier geht es zur Internetseite >>>

Kassenärztliche Therapeuten in Deutschland:
http://www.kbv.de/html/arztsuche.php

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