Selbsttest: Wie nachhaltig kann ich leben?

Bahn statt Flieger, Biotomaten statt Discountgemüse: Wie klimafreundlich und nachhaltig kann jeder Einzelne eigentlich leben? Und rettet man damit am Ende wirklich den Planeten? Unsere Autorin hat es getestet.

Stuttgart – Eigentlich dachte ich, mein ökologischer Fußabdruck sei ziemlich überschaubar. Ich bin eines dieser Großstadt-Öko-Kinder, das statt eigenem Auto ein VVS-Monatsticket hat und auf seinem Balkon semi-erfolgreich Tomatenpflanzen verhätschelt. Mein Strom kommt laut Vertrag aus Wind- und Wasserkraftwerken. Die Zeit, die ich in Flugzeugen verbringe, beschränkt sich dank meiner latenten Flugangst auf ein absolutes Minimum. Bis auf ein paar kleinere Sünden könnte mein Konsumverhalten also straight aus einem Mainstream-Healthy-Living-Ratgeber kommen. Und hey, meine Ökobilanz müsste dadurch doch eigentlich ziemlich okay sein. Oder? 

Nachhaltig? Geht so!

Doch so klein ist das Ding überhaupt nicht. 7,9 Tonnen CO2 verbrauche ich laut WWF-Rechner jährlich. Der Höchstwert an CO2, den ich in dieser Zeit eigentlich produzieren sollte, liegt in Deutschland bei zwei Tonnen. Und obwohl der Durchschnittsdeutsche mit rund 12 Tonnen pro Jahr nochmal deutlich umweltschädigender ist als ich, gefällt mir meine Ökobilanz immer weniger. 

Um wirklich nachhaltig zu sein, muss ich also noch einiges verändern. WWF schlägt mir zum Beispiel vor, meine Flugzeit pro Jahr auf zwei Stunden zu senken, regional einzukaufen und nichts wegzuwerfen. Mache ich doch alles schon, denke ich kurz. Aber jetzt mal ehrlich: Die meiste Zeit gehe ich eben doch zu Rewe um die Ecke und nicht in den Bio-Supermarkt. Das soll sich ändern – zumindest sieben Tage lang. In den Bereichen Energie, Mobilität und Konsum will ich mich einschränken und anschließend sehen, wie nachhaltig ich als Einzelne eigentlich sein kann.

Tag 1: Der lange Weg zum Demeterhof.

Montagmorgen: Ich will endlich konsequent regional einkaufen. Während die mitgebrachten Nudeln für die Mittagspause noch vom Grillfest gestern übrig geblieben sind (man soll ja nichts wegwerfen), will ich ab heute nur noch Produkte verarbeiten, die keinen langen Weg hinter sich haben. Zumindest bevor ich sie in zwei Jutebeuteln bis zu meinem Kühlschrank geschleppt habe. Aber von vorne: Der Reyerhof ist ein direkt verkaufender Biobauernhof in Möhringen. Mit der U-Bahn kommt man bis zum Bahnhof, ab da sind es zu Fuß noch rund 15 Minuten. Hinweg okay. Rückweg mit Taschen geht so. 

Im Hofladen erzählen mir die beiden Verkäuferinnen, dass immer mehr Menschen zu ihnen kommen, die sich bewusst ernähren wollen. Im Laden verkaufen sie deshalb alles, was gerade Saison hat – von ihrem eigenen Hof oder aus der nahen Umgebung. Perfekt! Ich packe mir die Taschen also voll mit Gemüse, frischem Käse und Brot und schleppe meine Errungenschaften zurück zur U-Bahn. Einziges Problem: Es hat 30 Grad. Schön ist das nicht unbedingt. Rewe wäre näher gewesen. 

Aber vielleicht liegt hier auch schon die erste Erkenntnis. Bewusst zu leben, ist aufwendig. Unbequem. Und macht manchmal Schweißflecken am Rücken. 

Tag 2: Sieben Minuten im Paradies

Heute ist meine Wohnung dran. Nach dem Aufstehen stelle ich Mehrfachsteckdosen an Orten aus, an denen ich überhaupt nichts von der Existenz irgendeiner Buchse wusste. In meiner 3-Zimmer-Wohnung sind es immerhin sieben Steckdosen, in denen dauerhaft irgendwas auf Standby hängt. Im schlechtesten Fall noch nicht mal ein Elektrogerät, sondern nur ein Kabel, an das man möglichst schnell ein Handy hängen kann. Konnte. Präteritum. Jetzt ist meine Wohnung zumindest abgeschaltet, wenn ich nicht da bin. Das hat nicht wehgetan. 

Viel schlimmer ist die Idee, auch meinen Wasserverbrauch zu senken. In der Badewanne liege ich bei den Sahara-Temperaturen draußen zwar sowieso nicht, aber auch die Dusche kann optimiert werden. Und dabei liebe ich langes Duschen, wenn man in Weltvergessenheit und dem Gefühl von Prassel-Wasser auf dem Rücken versinkt. Aber damit ist jetzt Schluss: Sieben Minuten, dann wird der Hahn abgedreht. Ich stelle mir den Handy-Wecker und es klingelt nach gefühlt sieben Sekunden. Bye bye paradise.  

Tag 3: Hilfe, ich habe eine Butterbrezel gegessen

So langsam müssen sich die klimafreundlichen Anpassungen in meinem Alltag beweisen. Und ehrlich gesagt: Manchmal stellen sie sich da doch ziemlich quer. Heute zum Beispiel kommt meinem umweltfreundlichen Lebensstil der Wecker in die Quere. Oder eher: der nicht klingelnde Wecker. Und während sich das 7-Minuten-Duschen-und-zur-U-Bahn-hetzen-Konzept zwar einwandfrei in die Mittwochmorgen-Hektik integrieren lässt, bleibt etwas anderes auf der Strecke. Denn Zeit, mir mein Frühstücksbrot aus der Eselsmühle zu schnappen, ist nicht mehr. Stattdessen renne ich los. Mit leerem Magen. Und schlechter Laune. 

Spätestens in der Redaktion bemerke ich dann meinen Fehler. Denn meinen strikten Demeter-Speiseplan muss ich jetzt zwangsläufig aufgeben und meinen knurrenden Magen mit dem Cafeteria-Sortiment beschwichtigen. Butterbrezel statt Biobrot. Hm, geht so. Ich bestelle also mein Frühstück und wähne die anklagenden Blicke sämtlicher Kollegen auf mir.

Dabei merke ich nicht nur, dass sich das gerade gefährlich nach Versagen anfühlt, sondern auch, dass ich die Brezel anders anschaue als noch vor ein paar Tagen. Woher kommst du eigentlich, leckeres Laugengebäck? Was für Eier hat der Bäcker wohl benutzt? Woher stammt die Butter?

Tag 4 und 5: Wie schlimm sind eigentlich E-Autos?

Für ein Projekt muss ich diese Woche zu Schulen im Stuttgarter Umland fahren. Weil viele von denen aber mitten im Nirgendwo liegen und mit den öffentlichen Verkehrsmitteln nicht erreichbar sind, muss ich umdenken. Und das fällt schwer. Denn während ich in der letzten Woche genau darauf geachtet habe, wie ich mich eigentlich bewege (zu Fuß, mit der Bahn oder dem Fahrrad – viel Änderungsbedarf gibt es hier also zum Glück nicht), muss ich jetzt unausweichlich auf das Auto umsteigen.

Da ich selbst keines habe, miete ich dafür eines der Poolfahrzeuge, die hübsch aufgereiht vor der Redaktion stehen. Neben Benzinern gibt es auch ein paar Elektrofahrzeuge. 180 Kilometern weit soll man mit einer Batterie kommen. Klingt ganz vielversprechend und nimmt mir erstmal die Sorge, dank der Distanzen, die ich gerade zurücklegen muss, mein Klima-Projekt zu hintergehen. Denn Elektroautos stoßen schließlich kein CO2 aus und sind damit raus aus der Rechnung, oder? Oder?? Wenn ich ehrlich bin: keine Ahnung. Ich weiß, dass die Herstellung der Batterien eine vergleichsweise katastrophale Ökobilanz haben. Dass der Transport der Fahrzeuge CO2-lastig ist. Dass mein gutes Gewissen hintenrum mit Sicherheit irgendwie teuer erkauft ist. Das Problem: Fahren muss ich trotzdem irgendwie. Alternativen? Fehlanzeige. 

Tag 6: Für mich bitte keinen Nudelsalat, danke!

Es ist Samstag und ich bin mit Freunden zum Essen verabredet. Eine nette, kleine Hinterhof-Runde im kulinarischen Ambiente selbstgemachter Fleischküchle, Tomate-Mozzarella-Variationen und Tabouleh-Salate. Das Bio-Gefühl ist hier großstadtkonform: ein bisschen international, ein bisschen deftig und ein bisschen was mit Minze.

Die Stimmung ist gut, nur ich fühle mich kompliziert. Heute wirken meine Anpassungen und Ziele auf mich das erste Mal wie wirkliche Einschränkungen. Ich will nicht ständig fragen, woher die Tomaten da drüben sind. Oder, ob die Mayonnaise im Nudelsalat jetzt eigentlich bio ist oder doch nur die Billigvariante von Lidl. Ich will nicht darüber urteilen, dass ein Großteil der Leute mit dem Auto hier ist, obwohl die Strecke echt nicht weit ist. Aber seit ich klimafreundlicher lebe, bin ich absurderweise auch schneller mit meinen Urteilen. Ich schaue genauer hin, bei mir wie bei anderen. Das fühlt sich – um ehrlich zu sein – manchmal gar nicht so easy an.

Tag 7: Recap

Sonntagnachmittag zwischen meinen halb lebendigen Balkon-Tomaten: Es wird Zeit, zurückzuschauen. Wäre das hier auf Dauer realistisch? Wo ist die Grenze zwischen „umweltfreundlichem Leben“ und „umweltfreundlichem Wahnsinn“? Und wie sinnvoll sind meine Bemühungen überhaupt?

Vor allem beim Essen habe ich mich die letzten Tage doch recht eingeschränkt gefühlt. Obwohl das Gemüse vom Bauernhof viel leckerer war als die normalen Supermarkt-Produkte, war das ständige Vorkochen doch ganz schön mühselig. Spontanes Dinnerdate? Nope. Mittagessen mit den Kollegen? Schwierig. Nachmittags noch schnell ein Eis bei der Hitze? Diese Woche nicht, danke.

Aber lohnt sich die ganze Anstrengung überhaupt? Wie klimaneutral kann ich sein? Die Antwort: Es gibt Grenzen – und ich war mit meinen 7,9 Tonnen schon Anfang der Woche ziemlich nah dran. Das Ideal von zwei Tonnen CO2 pro Jahr könne man als Einzelperson nämlich gar nicht erreichen, sagt Fritz Reusswig vom Institut für Klimafolgenforschung in Potsdam. „Ab einem gewissen Punkt hilft nur noch die Politik.“

Der Grund dafür sind die kollektiven Klimasünden der Gesellschaft. Wie oft wir auch das Fahrrad dem Auto vorziehen, unser eigenes Gemüse anbauen oder uns selbst mit Ökostrom versorgen. Auf der Minusseite unseres Klimakontos stehen Klimakiller wie die Straßenbeleuchtung, die Bundeswehr oder die Stromversorgung von Krankenhäusern – und die können wir alleine nicht ausmerzen. So sinnvoll ein bewusster Lebensstil auch ist: Um auf null zu kommen, brauchen wir größere Lösungen, Konzepte und Ziele. Und wir brauchen einander.

(Fotos: Sabine Fischer und Unsplash)

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