Schnaps oder Liebe: Willkommen im Tindergarten

Das Beste an Tinder sind diverse Instagram-Accounts wie tindernightmares, wo die schlimmsten Geschichten geteilt werden. Aber auch unsere Autorin war dem Tinderwahn schon ausgesetzt.

Stuttgart – Ach ja, Tinder und co. Nett oder? Als die App vor einigen Jahren nach Deutschland kam, machte sie erst im internationalen Hafen von Berlin Halt, wo alles, was sicher mal als super cool gehandelt wird, zuerst strandet. Nachdem dort der Test bestanden war, durfte Tinder auch im Süden Einzug halten. Es dauerte noch eine Weile, bis die App auch hier salonfähig wurde und man das rote Icon nicht im letzten Eck seines Smartphones versteckt hat.

Every given sunday

Aber nach gesellschaftsfähig dauerte es nicht lange, bis auf Tinder die Generation #dickpic übernahm. Wieso sollte es hier auch anders laufen als sonst wo? Auch beim gemeinen Schwaben springt manchmal die Sicherung raus. Oder eben der Penis aus der Hose. Bitte lächeln!

Ich selber hatte auch schon Tinder. Ich hatte sogar schon ziemlich oft Tinder. Denn das Swipen ist die perfekte Sonntagsbeschäftigung. Deswegen wurde Tinder gegen Mittag installiert. Nach dem Aufwachen, wenn der erste Gesundheitsscan zeigte, dass man zwar nicht gestorben ist über Nacht, man aber doch am Himmelstor kratzt mit dem Kater, der heute durchgestanden werden muss. Es folgen die obligatorische Aspirin, eine Essensbestellung und bei ausreichender Kraft die Dusche. Dann rumhängen im Internet, bisschen Filme schauen, hauptsächlich aber ganz viel Langeweile. Spätestens dann ist bei mir der Tinderpunkt erreicht gewesen. Nicht lange gefackelt, installiert und den Daumen schon mal locker gemacht.

Manchmal hilft nur Kopfschütteln

Was sich anfänglich noch wie die virtuelle Fleischbeschau anfühlt, verfliegt ganz schnell und schon nach kurzer Zeit gibt es die ersten Matches. Hier meine Highlights:

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Er: hey!

Ich: Hey

Ende.

Was da wohl passiert sein mag zwischenzeitlich, dass wir nicht mal ausreichend Floskeln miteinander austauschen konnten? Vielleicht hat er zwischenzeitlich ein Match mit einem barbusigen Profilbild gehabt, quasi dem weiblichen Pendant zum männlichen Exhibitionismus.

 

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Ich habe ein anstehendes Date abgesagt, weil der Kerl mir beim Schreiben schon gehörig auf die Nerven ging. Er war neu in der Stadt und offenbar kannte er wirklich keine Sau hier. Mich hat er freundlicherweise als Adressat für seinen Unmut über die neue Lebenssituation auserkoren. Nachdem ich mir das Gemaule über die fiesen Stuttgarter, die nie auch nur ein Wort mit einem fremden Menschen wechseln, nicht mehr anhören konnte, cancelte ich. Was folgte, war nicht ein sofortiges Trennen der Verbindung. Nein. Zuerst musste noch ein Streit vom Zaun gebrochen werden. EIN STREIT! Mit einer fremden Person! Darüber, dass ich genau gleich bin wie die anderen. Ich war fassungslos und stieg einfach irgendwann aus. Eine sinnlosere Energieverschwendung habe ich selten erlebt. Ich habe ihn ein paar Wochen später an einer Ampel gesehen. Nachdem er mich entdeckt hatte, schaute er demonstrativ eingeschnappt weg. Ja doch, das hat mich schwer getroffen.

Das große Finale

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Tinder wird nicht nur sonntags installiert. Ein zweiter Grund ist eine Krankschreibung. Da ist quasi eine Woche lang Sonntag, was das Langeweile-Risiko drastisch potenziert. Die Matches flatterten nur so rein, ich war aber auch wirklich feelin‘ myself. Das lag vermutlich an den 39,5 Grad Temperatur. Denn mit Fieber spürt man den eigenen Körper doch noch mal ganz deutlich. Neues Match, neue Nachricht. Auch optisch top, mein virtuelles Gegenüber, ich freu mich. Und dann lese ich.

 

Diese Geschichte bedarf nicht vieler Worte. Nur noch ein paar zum Abschied: Heute ist der Tag der virtuellen Liebe. Das ist zum einen schön, denn dieses Internet, das hat wirklich schon Fantastisches hervor gebracht. Aber es bringt leider auch viele Leute dazu, Dummes zu tun. Die Frage, ob man nicht spontan Lust hätte, sich zu prostituieren beispielsweise. Lass das. Ernsthaft. Vielleicht sollte man den Fokus doch wieder auf das echte Leben lenken. Und damit der Hit auf jeder Party werden. „Was, ihr habt euch im Supermarkt kennen gelernt? Krass! Er hat dich einfach so angesprochen? Einfach aus dem Nichts? Ihr seid echt die verrücktesten Leute, die ich kenne.“

Über die Autorin

Hing sie früher an Jürgen von der Lippe, hängen ihre heute an Schnaps und schönen Floskeln. Damit ist sie leicht zu ködern, schwer zu ertragen und unmöglich zu halten. Oder doch? Denn verknallen geht schnell, verschwinden aber genau so. Zurück bleibt ein Rattenschwanz – manchmal mit Herzschmerz, manchmal als schöne Erinnerung und manchmal nur mit der Frage, wie das schon wieder passieren konnte?

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