Schnaps oder Liebe: Wer schreibt zuerst?

Seit einem Konzert war es schwierig: erst krampfig, dann Funkstille, dann elendes Warten. Schreiben oder nicht schreiben – das ist wirklich eine Frage.

Stuttgart – Wie in der letzten Kolumne zu lesen war, kann so ein Konzert einem einen gehörigen Strich durch die Rechnung machen. Kaum hat man sich die freundschaftlichen Argumente fein säuberlich zurechtgelegt – und auch so, dass man sie selber glaubt – kommt ein Abend ums Eck und fegt die ganze Ordnung einfach zur Seite. Was da hilft? Erstmal bockig sein. Dann braucht es leider mehr, denn jetzt will man ja was: dass der Kerl sich meldet.

Ein Tag in Hundejahren

Tut er aber nicht. Einen Tag nicht, zwei Tage nicht. Dass das unter anderen Umständen völlig normale Zeitspannen sind, das weiß ich selber. Aber mit dem Warten ist es wie mit Hunden: ist einfach eine andere Zeitrechnung. Bei einem Tag warten hat man im Kopf schon 72 unterschiedliche Scheidungsszenarien durchgemacht. Und jetzt überleg mal, wie viel Zeit vergangen ist, bis man mit der Geschichte überhaupt bei der Scheidung gelandet ist.

Natürlich tun sich während der ganzen Warterei mehrere Optionen auf, die man auch alle bis ins Kleinste exerziert. Denn die anfängliche Haltung des „Ich werde ihm nicht schreiben, wenn er mich wirklich mag, wird er sich melden“ kommt ins Wanken und die Argumente werden ausgehebelt. Von niemand geringerem als mir selbst. Das sieht ungefähr so aus:

Über Luftschlösser und andere Wahrheiten

Ich werde ihm nicht schreiben, wenn er mich wirklich mag, wird er sich melden.

Gut, ich kann meine Zeit aber besser verbringen als mit Warten, was ist eigentlich so schlimm daran, ihm zu schreiben?

Was schlimm daran ist? Hast du mal was von Stolz gehört? Ich will ihm doch nicht hinterherkriechen wie ein Wüstenreptil.

Das tust du doch nicht! Das hat auch nichts mit Stolz zu tun, sondern mit Selbstbestimmtheit. Wenn du jetzt Lust darauf hast, ihn zu sehen, dann musst du auch aktiv werden. Er kann das leider nicht riechen, ahnen oder wissen.

Aber wenn dann keine Antwort kommt? Oder eine, die nicht zufriedenstellend ist?

Dann hast du auch eine Antwort. und zwar eine richtige. Aber das weißt du dann, wenn es soweit ist. Und wenn du ihm nicht schreibst, weil du Angst vor seiner Antwort hast, dann solltest du ihm umso mehr schreiben.

Was meinst du? 

Du hast Angst, dass als Antwort nicht das kommt, was du gerne hören willst. Also vor einer möglichen Realität. Und wieso hast du Angst davor? Weil du noch nicht bereit bist, dein Luftschloss aufzugeben? Du hast aber keine Beweise dafür, dass es so kommen muss. Also tu dir selber den Gefallen und werde aktiv. Hör auf, dich mit unnötiger Warterei zu quälen im Namen des Selbstschutzes. Denn richtiger Stolz ist, sich seiner Zeit bewusst zu sein. Und sie für bessere Dinge zu nutzen, als sie mit nichtsbringender Warterei zu verschwenden.

 

Gut, was will man da noch sagen. Außer eins zu null für mich. Ich schreibe ihm. Also wenn ein geeigneter Zeitpunkt kommt, denn jetzt gerade bin ich wirklich beschäftigt und die nächsten drei Tage habe ich auch gar keine Zeit. Es wäre also wirklich dumm, ihm jetzt schon zu schreiben.

Am Ende: einfach machen

Wann habe ich das Ganze eigentlich so groß werden lassen? Aus einer Anzahl aus Zeichen und wahlweise Emojis ist etwas geworden, das meinen gesamten Geist einnimmt. Ich bin ein Displayzombie, weil ich alle drei Minuten drauf starre. Diese Nachricht, ob ich sie jetzt schicke oder tatsächlich eine von ihm kommt, ist zum heiligen Gral geworden. Sie ist die Entscheidung blaue oder rote Pille, von ihr hängt alles ab. Ist doch Blödsinn. Denn nichts, rein gar nichts sagt eine solche Nachricht aus. Sie bedeutet nicht das Ende der Welt, sie hebt nichts auf eine nächste Ebene, sie drückt niemandem einen Stempel auf. Das mache nur ich mit dem Gedankenstrudel zu dieser Nachricht.

Ich bin gedanklich am Ende und bis zum Äußersten von mir genervt. Ob man nicht mal richtige Probleme haben könnte? Aus meiner Wut heraus schnappe ich mir mein Handy und tippe eine WhatsApp-Nachricht. Kurz darauf ein „Ping“, die Antwort. Er hat heute leider keine Zeit. Pff, wusste ich’s doch, alles Hirngespinste, das wird nie was. Hätte ich mal besser auf mich gehört.

Über die Autorin

Hing sie früher an Jürgen von der Lippe, hängen ihre heute an Schnaps und schönen Floskeln. Damit ist sie leicht zu ködern, schwer zu ertragen und unmöglich zu halten. Oder doch? Denn verknallen geht schnell, verschwinden aber genau so. Zurück bleibt ein Rattenschwanz – manchmal mit Herzschmerz, manchmal als schöne Erinnerung und manchmal nur mit der Frage, wie das schon wieder passieren konnte?

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