Schnaps oder Liebe: Tinder an Kasse 3

Sonntags tindert man. Aber was passiert, wenn man dem Virtuellen unverhofft in der Realität begegnet? Ein aktuelles Fallbeispiel unserer Autorin.

Stuttgart – Tinder ist doch lustig! Denkt man sich immer wieder sonntags, wenn es eh nichts anderes zu tun gibt. Man hängt mit latentem Kater im Bett ab, der Lieferservice ist unterwegs und hoffentlich bald da. Alle relevanten Kontakte sind bei Whatsapp schon kontaktiert worden mit lustigen Fotos der vergangenen Nacht. Netflix ist zu einem Drittel abgegrast und man überlegt, ob man sich mal wieder auf einer der alten Streamingseiten umschauen soll.

Willkommen im echten Leben!

Die eigenen vier Wände zu verlassen, ist keine Option, ein Blick aus dem Fenster reicht da für ein konsequentes NEIN. Die ersten Antworten der Freunde trudeln ein, aber mehr als halbherzig ausgewählte Emojis ist bei denen heute nicht zu holen. Alles klar, die haben mehr eine andauernde Nahtoderfahrung als einen harmlosen Kater. Jetzt wird es gefährlich, denn Langeweile setzt ein. Vielleicht doch raus? Ins Kino könnte man mal wieder. Oder halt Tinder, schon daddelt mal im App-Store umher und – Hoppsala – ist es installiert.

Hoppsala sagt übrigens Hugh Grant in Notting Hill, wofür ihn Julia Roberts heftig auslacht. Ich hingegen hab mich heftig verknallt. Heftig verknallen will ich mich auch, es ist schließlich immer noch Sonntag und das ja wohl der Tag der Emotionen. Einige Matches hier, ein paar belanglose Nachrichten dort. Dann endlich 23 Uhr, die Kopfschmerzen sind vorbei und bevor die Lebensgeister komplett zurückkehren, schlüpft man unter die Decke. Eine neue Woche bricht an.

Und dann hat man die Ereignisse des Sonntags erstmal vergessen. Bis man im Supermarkt ist, gedankenverloren durch die Regale schlendert, um sich ein Abendessen zu jagen. Abrupt stehen bleibt. Drei Schritte zurück macht, und in den Gang schielt, an dem man gerade noch völlig unbewusst vorbei gelaufen ist. Tatsache! Der Sensor im fast toten Winkel hat nicht umsonst angeschlagen, dieses Gesicht hat man schon mal gesehen! Aber wo? Man steht da, starrt, überlegt intensiv. Und dann fällt es einem ein. Mit einem Satz versteckt man sich hinter den Dosentomaten, hoffentlich hat er mich noch nicht gesehen. Der Tinder-Mann! Also, einer davon, aber der Tinder-Mann. Kann ja auch keiner ahnen, dass man denen einfach zufällig über den Weg läuft.

Serendipi – was?

Aber die Schocksekunde ist Programm. Eigentlich ist es doch lustig. Muss man sich gar nicht mehr überlegen, ob man den jetzt vom virtuellen ins echte Leben holen soll in Form eines Dates. Wurde schon übernommen – Serendipität nämlich. Der Einkauf wird fortgesetzt, die Augen sind überall. Und an der Kasse ist es endlich soweit: er steht hinter mir. Als hätte ich noch etwas Essenzielles im Schokoriegel-Regal vergessen, drehe ich mich um. Kurzer Scan der Süßwaren, natürlich ist nichts zufriedenstellendes dabei, kleine süße Schnute ziehen, Trigger an!

Dann Blick im Vorbeischauen auf ihn, Innehalten, Millisekunde „überlegen“, freudig überraschter Gesichtsausdruck. Bei ihm läuft es ganz ähnlich: er glotzt mich an und es rattert und rattert in dem wirklich adretten Kopf. Dann macht es auch bei ihm Klick! Die Augen leuchten kurz auf und ich bin schon in Aktionsbereitschaft. Der erste Satz ist wichtig, ich habe an etwas wie „Ja Mensch!“, „Das ging jetzt schneller als gedacht“ oder einfach „Hi …“ gedacht. Ihr wisst, einfach was mit Bedeutung.

Aber das Leuchten verschwindet so schnell wieder wie es aufgeflackert ist. Stattdessen zieht er sein Handy aus der Tasche und ist plötzlich ganz tief darin versunken. Serendipität gibt es wohl doch nur bei Kate Beckinsale und John Cusack. Ich wende mich auch wieder meinen Einkäufen zu. Zuhause werde ich mir eine RomCom aus den 90ern ansehen. Das hilft. Und für den Moment mache ich es wie er. Ich ziehe mein Handy aus der Jacke und schaue, was es Neues gibt. Und Tatsache: Ich habe bei Tinder ein Match weniger.

(Titelfoto: Unsplash/Sahin Yesilyaprak)

Über die Autorin

Hing sie früher an Jürgen von der Lippe, hängen ihre heute an Schnaps und schönen Floskeln. Damit ist sie leicht zu ködern, schwer zu ertragen und unmöglich zu halten. Oder doch? Denn verknallen geht schnell, verschwinden aber genau so. Zurück bleibt ein Rattenschwanz – manchmal mit Herzschmerz, manchmal als schöne Erinnerung und manchmal nur mit der Frage, wie das schon wieder passieren konnte?

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