Schnaps oder Liebe: Kennenlernen unter Zeitdruck

Der wichtigste Faktor beim Kennenlernen scheint heute nicht mehr zu sein, ob man den gleichen Humor oder die gleichen Interessen teilt. Der wichtigste Faktor ist Zeit. Und Effizienz.

Stuttgart – „Da hat man noch nicht mal richtig rumgemacht, da landet man schon in der Kiste.“ Meine Damen und Herren, das ist sie, die Romantik des 21. Jahrhunderts. Aber recht hatte die Freundin, die diese Aussage kürzlich tätigte.

Zeit ist ein Luxusgut und bei uns erst recht. Dabei geht es gar nicht so sehr darum, dass wir keine Zeit mehr haben. Ein Tag hat nach wie vor 24 Stunden, eine Woche sieben Tage und so weiter. Daran wird sich mit ziemlicher Sicherheit auch nicht so schnell irgendwas ändern. Es ist eher so, dass wir unsere Zeit nicht opfern wollen. Wir wollen sie nicht investieren für etwas, das sich am Ende für uns nicht auszahlt.

Liebe in einer Exceltabelle

Und bevor hier auch nur irgendjemand ansatzweise von Liebe reden kann, beginnen ja schon unsere Berechnungen. Wenn ich eine Woche in diese neue Bekanntschaft investiere, dann sollte sie auch bitte weitere drei halten. Zudem wüsste ich gerne nach dem zweiten Treffen, welche Richtung wir zukünftig einschlagen werden. Ja, wir. Ich weiß zwar nichts über dich, was sich nicht auch bei einer zünftigen Internetrecherche rausfinden lässt, aber ein wir, das ist schnell formuliert. Mal ehrlich: je schneller wir rausfinden, dass wir nicht zueinander passen, desto besser. Oder effizienter? Denn je weniger Zeit investiert wird, desto geringer auch die emotionale Verstrickung und daraus resultiert doppelt verhinderter Verlust. Quasi ein Gewinn. Zwischenmenschliche Beziehungen so logisch, dass sich daraus noch f von x ableiten lässt.

Wieder eine andere Bekannte ist nach kürzester Zeit mit ihrem neuen Freund zusammen gezogen. Das Konzept dahinter: Ob die Beziehung jetzt oder erst in zwei Jahren scheitert, ist eigentlich egal. Schief gehen wird es so oder so und dann haben wir es wenigstens direkt probiert.

Ein Konzept, dieser Begriff wurde hier schon mit Absicht gewählt, das man sicher nachvollziehen kann. An das ich aber nicht glauben möchte. Entwickeln wir uns denn emotional wieder zurück zu unseren Vorfahren aus der Steinzeit? In der die Paarbeziehung eine Funktion erfüllt hat, und zwar das Überleben der eigenen Spezies. Schaffen wir uns jetzt also wieder Beziehungen, um Ideale zu erfüllen? Um ganzheitlich akzeptiert zu werden, denn wer single ist, mit dem stimmt doch was nicht. Zumindest muss einem doch ganz gehörig was fehlen. Auch wenn wir inzwischen das Jahr 2018 schreiben, spätestens um die 30 sollte wirklich jeder mal mit dem Nestbau beginnen – und das geht halt nur zu zweit. Und ist eigentlich mal jemandem aufgefallen, wie paradox unser Verhalten ist?

On to the next one – ja kein Stillstand

Erst wollen wir sofort alles wissen. Nägel mit Köpfen machen – direkt nach der Annahme der Freundschaftsanfrage auf Facebook. Aber auch nur, um so wenig wie möglich von sich selber zeigen zu müssen. Bleibt in der Kürze der Zeit ja gar keine – Achtung – Zeit für. Und wenn es passt, der andere die richtigen Parameter erfüllt und man sich nicht allzu sehr auf den Sack geht, dann herzlichen Glückwunsch, kann es ja vielleicht auch mal romantisch werden. Und falls nicht: Haken an die Sache, scheiß auf den Kerl und schau am besten direkt weiter. Das Scheitern der Beziehung ist schon mit einkalkuliert, bevor sich das Wort Beziehung überhaupt im Stammhirn geformt hat.

Gewinn aus Verlust machen, das klingt eher nach unbeliebten, aber auch unverschämt reichen Menschen aus der Finanzwelt. Aber nicht nach uns. Denn wir gewinnen gar nichts. Wir verbringen den Sonntag doch wieder alleine auf dem Sofa. Und reich hat es uns auch nicht gemacht.

Über die Autorin

Hing sie früher an Jürgen von der Lippe, hängen ihre heute an Schnaps und schönen Floskeln. Damit ist sie leicht zu ködern, schwer zu ertragen und unmöglich zu halten. Oder doch? Denn verknallen geht schnell, verschwinden aber genau so. Zurück bleibt ein Rattenschwanz – manchmal mit Herzschmerz, manchmal als schöne Erinnerung und manchmal nur mit der Frage, wie das schon wieder passieren konnte?

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