Schnaps oder Liebe: Invisible me

Irgendwas ist anders. Nicht nur die Temperaturen steigen, auch bei unserer Autorin steigt was: ihr Selbstbewusstsein. „Woher kommt das plötzlich?“, fragt sie sich. Und: „Darf ich das behalten?“ Auch wenn die Tendenz nach oben zeigt, zu Kopf steigt das neue Ego hier niemandem.

Stuttgart – Ich wurde angeflirtet. Mehrfach. Klingt jetzt im ersten Moment nicht nach DER Nachricht, die eine Push-Meldung bei Spiegel Online wert wäre. Ist es aber. Denn es ist so: Ich bin unsichtbar. Zumindest war ich das für lange Zeit. Damit meine ich nicht die letzten drei Wochen, sondern eher so die letzten drei Quartale. Also eine wirklich lange Zeit, die sich noch mehr nach geschmackslosem Kaugummi anfühlt, wenn man eben unsichtbar ist. Da hilft es nicht, statt der schwarzen Klamotte auch mal zu einem gewagteren Dunkelblau zu greifen. Oder gar roten Lippenstift aufzutragen. Ich hätte mich nackt und mit Leuchtreklame hinstellen können – die Leute wären in mich rein gerannt. In optimistischen Momenten könnte hier die Fliegen-Licht-Theorie greifen. Aber sind wir ehrlich: Sie hätten mich einfach übersehen.

Ein Lächeln, das mir galt.

Dann passierte letzte Woche folgendes: Ein Mann in einer Bar lächelte mich an. Ich aus Reflex erstmal Blick über die Schulter – checken, dass er nicht die Süße hinter mir meint. Aber, Tatsache, hinter mir war niemand. Ein Lächeln, das mir galt. MIR! Nachdem ich erstmal beschämt in mein Glas starrte und mich daran zu erinnern versuchte, wie man sich in so einer Situation verhält, krabbelte langsam die rote Farbe in mein Gesicht und die Schweißflecken auf mein Oberteil. Aber ich riss mich zusammen, hob den Blick und schaute ihn auch an. Und dann folgte etwas, dass ich gerne als Lächeln meinerseits bezeichnen möchte. Völlig egal, ob die Realität eine ganz andere ist. Der Mann von der Bar jedenfalls schien kurz erschrocken, drehte sich dann wieder zu seinen Freunden um und würdigte mich keines Blickes mehr.

Hier nämlich die zweite Hürde: Wenn ich nicht unsichtbar bin, dann bin ich halt wirklich komisch. Was der Mann auf meinem Gesicht sah, war kein Ausdruck der Freude. Man hätte es im besten Fall als schmerzverzerrt bezeichnen können. „Toll“, dachte ich noch. Chance vertan. Egal, wenn in elf Monaten der Nächste kommt, dann mach ich es ganz sicher besser!

Das ist der Olymp des Ego-Pushing.

So lange musste ich aber nicht mal ansatzweise warten, denn seit diesem Abend hagelt es Lächeln, verstohlene Blicke, Komplimente und sogar Handynummern. Boom, das ist der Olymp des Ego-Pushing. Und ich weiß nicht wieso.

Weder habe ich mein Gesicht operativ verändert, noch bin ich in die Königsriege der Schminktutorials aufgestiegen. Manchmal kämme ich mir die Haare, aber kann‘s wirklich daran liegen? Vielleicht hat es auch was mit dem Absetzen der Pille zu tun und man kann mich wieder riechen? Der Teufel steckt im Detail und Hormone im Zusammenspiel mit komplexen Körpersachen würde ich schon als recht detailreich beschreiben.

Wie sexy oder nicht der Grund nun sein mag, gleich bleibt: Ich bin zurück! (Ich weiß nicht, ob ich jemals da war, aber das klingt so auf jeden Fall am besten.)

Es ist Frühling da draußen und Frühling in mir. Und auch wenn hier nicht die große Liebe lächelt, Aufmerksamkeiten fühlen sich gut an. Da geht man gleich einen beschwingteren Gang, ist sich bewusst, dass einem noch hinterher geschaut wird und denkt sich: „Junge, seh ich gut aus heute.“ Und wenn man dann über die nächste Bodenwelle stolpert und fast auf die Schnauze fliegt – dann ist das bestimmt nicht peinlich oder komisch, sondern halt irgendwie süß.

Über die Autorin

Hing sie früher an Jürgen von der Lippe, hängen ihre heute an Schnaps und schönen Floskeln.

Damit ist sie leicht zu ködern, schwer zu ertragen und unmöglich zu halten. Oder doch? Denn verknallen geht schnell, verschwinden aber genau so. Zurück bleibt ein Rattenschwanz – manchmal mit Herzschmerz, manchmal als schöne Erinnerung und manchmal nur mit der Frage, wie das schon wieder passieren konnte?

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