Schnaps oder Liebe: Eine Ode an die Frauen-
toilette

Geheime Treffen, Paartherapie, Shoppingberater und spontan gemeinsam das eigene Leben umkrempeln: Ja, dieser Ort hat mehr zu bieten als Waschbecken und Spiegel.

Stuttgart – Also heute mal mehr Schnaps als Liebe. Wobei, das ist auch nicht ganz wahr, denn der Ort, an dem wir uns heute befinden, an dem herrscht immer ziemlich viel Liebe. Wobei auch das wiederum nicht so ganz stimmt. Zu geregelten Zeiten, da ist die Frauentoilette einfach der Ort seiner Bestimmung: Hier werden Blasen entleert und manchmal entfährt auch peinlich berührt ein verklemmter Pups. Abgerechnet wird am Waschbecken, wenn man sich höflich zulächelt und insgeheim versucht auszumachen, wer die arme Sau mit der schwachen Pomuskulatur wohl war. Zeitgleich beobachtet man gegenseitig, wie Lippenstifte nachgezogen oder Haare zurecht gezuppelt werden. Gedanklich ist man beeindruckt, eingeschüchtert, neidisch oder denkt sich einfach: pffffff. Womit wir den Kreis zu bezeugten Flatulenzen wieder schließen können und endlich zu der Zeit kommen, in der diese paar Quadratmeter ihre ganze Magie entfalten – nachts.

Schnaps ergibt Liebe

Und hier greift endlich die anfangs angedeutete Kausalkette. Nachts, da gibt es Schnaps. Durch Schnaps gibt es Harndrang. Wenn mal was verschüttet wurde auch das Bedürfnis, sich die Hände zu waschen. Beide Möglichkeiten führen zu einem Ziel: dem Frauenklo. Einer Sache kann man sich sicher sein: Alleine ist man auf einer Frauentoilette nie. Wirklich. Niemals. Und sollte bei dir doch einmal dieser Fall auftreten, dann renne. Renn‘, so schnell und so weit du kannst. Und komme bitte nicht auf die Idee, „Hallo, ist da jemand?“ in die Stille hinein zu rufen. Es existiert ein ganzes Filmgenre, das zu Genüge bewiesen hat, dass der Schuss immer nach hinten los geht.

Endlich Liebe

Wenn dann alle versammelt sind, kommt endlich die Liebe. Denn im Gegensatz zu tagsüber liegen im Schatten der Nacht ganz andere Attribute verborgen: Zuspruch, Aufbau und Komplimente, Komplimente, Komplimente. Und jedes einzelne davon ernst gemeint, schwöre. Denn man MUSS JA NICHT sagen, wie schön das Oberteil ist, wie gut diese Frisur aussieht oder wie ungemein symmetrisch diese Lidstriche gezogen sind. Props Schwester, ich wünschte, ich würde das einmal so hinbekommen wie du.

Ein geheimes, aber kraftvolles Bündnis

Du hast Liebeskummer? Warte bis 23 Uhr und geh in eine beliebige Bar auf eine beliebige Toilette. Lass dich aufbauen, dir die verheulten Augen abtupfen und einmal unisono bestätigen, dass der Kerl wirklich ein mieses Arschloch ist.

Dein Date läuft mies? Flüchte aufs Klo und befrage das Orakel von Kabine 2, wie du am elegantesten einen Abgang machen kannst.

Du hast das Gefühl, du willst heute noch Gutes tun? Ab in den Waschraum mit dir und dann heißt es einfach warten. Früher oder später wird deine kurzzeitige neue beste Freundin durch die Tür kommen und sie wird dir auf Jahre dankbar sein, dass genau du in diesem Waschraum warst, als sie durch die Tür kam.

Spontane Frauenfreundschaften auf Toiletten – ich will es nicht vermissen.

Denn das besondere an den neu gewonnenen Bekanntschaften ist, dass sie nur auf den Toiletten existieren. Außerhalb dieser heiligen Hallen sind sie gar nicht überlebensfähig. Sie sind konserviert in dem Moment und damit auf ewig haltbar. Wenn man sich doch einmal in der freien Wildbahn trifft, nickt man sich leicht und kaum merklich zu. Es ist ein geheimer, aber kraftvoller Bund. Spontane Frauenfreundschaften auf Toiletten – ich will es nicht vermissen. Denn da ist ganz viel Liebe!

Über die Autorin

Hing sie früher an Jürgen von der Lippe, hängen ihre heute an Schnaps und schönen Floskeln. Damit ist sie leicht zu ködern, schwer zu ertragen und unmöglich zu halten. Oder doch? Denn verknallen geht schnell, verschwinden aber genau so. Zurück bleibt ein Rattenschwanz – manchmal mit Herzschmerz, manchmal als schöne Erinnerung und manchmal nur mit der Frage, wie das schon wieder passieren konnte?

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