Schnaps oder Liebe: Die lebende Garderobe

Manche Frauen haben keinen Freund. Manche halten sich einen Haushaltsgegenstand, den sie gerade brauchen. Heute: jemanden, der ihnen alles trägt.

Stuttgart – Empowerment unter Frauen ist wichtig. Aber man muss sich auch mal auskotzen. Nämlich wenn sie eine unmögliche Person auf zwei Beinen ist, die weder mit Persönlichkeit, Humor und auch nicht mit herausragender Schönheit glänzt. Und trotzdem ein verliebter Kerl hinter ihr her trottet.

Willkommen in der chen-Hölle

Ich stand neulich an der Kasse eines Textilunternehmens, das man in einer der fünf innerstädtischen Filialen aufsucht, um Massenware zu kaufen, die die eigene Individualität unterstreicht. Während ich in solchen Momenten eigentlich immer meine menschenscheue Kapsel in Form von Kopfhörern und Spotify wähle, war ich froh, es dieses Mal nicht getan zu haben. Denn sonst hätte ich das Spektakel vor mir verpasst, das mich fast in die Verzweiflung getrieben hat. Und scheinbar nur mich.

Vor mir stand ein Paar – wobei Pärchen hier vermutlich die treffendere Bezeichnung ist. Denn sicher enden ihre Kosenamen auch mit Verniedlichungsform. Er sah aus wie ein sympathischer junger Typ, wohl erzogen und kein Rabauke. Und sie sah aus, als wüsste sie schon seit dem fünften Lebensjahr, wie sie den Windfang in ihrem Reihenhäuschen dekorieren wird. Das ist ja erstmal nicht schlimm.

Schlimm wurde es erst, als ich die Lauscher aufgespannt habe. Denn was diese leidige Vertreterin meiner Spezies an ihrer Seite wissen wollte, war kein Freund, kein Partner, nicht mal ein Lover oder eine aussichtslose Affäre. Sie wollte einen lebendigen Garderobenständer. Nachdem er eh schon ihre Auswahl an zehn verschiedenen Teilen auf dem Arm trug, düste sie noch einmal los, weil irgendwas vergessen wurde. Sie kam zurück mit einer weißen Bluse und schmeißt sie wie selbstverständlich über den Arm des Garderobenständers. Auf seine Frage, ob das eine neue sei, giftet sie ihn an: „Nein, ich habe natürlich nur eine andere Größe geholt.“

Schweigen ist Gold. Augenrollen Platin.

Damit ist die Konversation erstmal wieder beendet. Irgendeine Art davon wird auch nicht wieder aufgenommen, als sie an die Kasse kommt. Auf höfliche Floskeln wie eine Begrüßung oder ein „Ich zahle mit Karte“ zur Kassiererin wird gänzlich verzichtet. Stattdessen wird dem Garderobier genervt die Tüte hingehalten. Ist auch ein Unding, dass der nicht selber auf die Idee kommt, die Tasche zu tragen. Aber was will man erwarten: Kleiderhaken sind nicht zum Denken da.

Die Kassiererin verabschiedet sie mit einem genervten Augenrollen. Ja, Daddys kleines Mädchen hat es wirklich schwer. Und ich kann sie einfach nicht anders bezeichnen. Auch wenn sie augenscheinlich Anfang bis Mitte 20 ist, kann ich nichts Erwachsenes an ihr erkennen. Versteh mich bitte niemand falsch. Aus einer einzelnen Situation lassen sich gerne falsche Schlüsse ziehen. Und jeder hat mal einen schlechten Tag. Aber das war deutlich. Das hatte nichts mit Tagesform zu tun, die war einfach so. Und so jemanden kann man nicht als erwachsene Frau bezeichnen, da sie sicher bockig mit dem Bein aufstampft, wenn mal etwas nicht zu ihren Gunsten läuft. Außerdem sind eh immer die anderen schuld.

Am erschreckendsten war aber, dass er alles hingenommen hat. Während in ihrem Gesicht Kirmes der schlechten Launen war, sah er aus wie eine griechische Statue.

Ihre Patzigkeit quittierte er mit einem Nicken und einem zufriedenen Gesichtsausdruck. Wie kam das? Hatte er resigniert? War er innerlich schon tot? Plante er Zuhause einen Anschlag mit der Katze zusammen?

Folge dem grünen Notausgangschild

Aber egal, welche die Antwort auf diese Frage war. Meine nächste steht schon in den Startlöchern: Warum? Liebe Männer, Jungs, Heranwachsende und alle weiteren: Wieso gebt ihr euch damit ab? Und zufrieden? Wieso teilt ihr eure Zeit und Gesellschaft nicht mit jemandem, der irgendwie einfach netter ist? Was ist da schief gelaufen, dass ihr stattdessen mit so einem ichbezogenen Menschen zusammen seid? Da liegt der Fokus nur auf sich selbst. Zentrifugalkraft kommt nur mal auf, wenn man jemandem mit der Handtasche eins überziehen muss.

Ok, ernst jetzt: Ich frage mich ehrlich und aufrichtig, wo da die schönen Seiten in einer Beziehung liegen. Was bekommt man dafür, wenn man sich selber, seinen freien Willen und die eigene Person gänzlich aufgibt? Drei warme Mahlzeiten am Tag? Abends zehn Minuten Rücken kraulen? Oder sonntags gelangweilten Sex in Seesternformation?

Und was bedeutet das für mein eigenes Beziehungspotenzial? Also, ohne mich jetzt hochtrabend loben zu wollen. Aber dann müsste ich längst schon Haremsführerin sein. Denn ich kann meine Taschen selber tragen. Und wenn sie mir doch jemand FREIWILLIG abnimmt, was mache ich dann? Richtig, ich freue mich. Und halte ihm vielleicht die Türe auf, schließlich ist er gerade ziemlich bepackt.

Über die Autorin

Hing sie früher an Jürgen von der Lippe, hängen ihre heute an Schnaps und schönen Floskeln. Damit ist sie leicht zu ködern, schwer zu ertragen und unmöglich zu halten. Oder doch? Denn verknallen geht schnell, verschwinden aber genau so. Zurück bleibt ein Rattenschwanz – manchmal mit Herzschmerz, manchmal als schöne Erinnerung und manchmal nur mit der Frage, wie das schon wieder passieren konnte?

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