Schnaps oder Liebe: der Ex-Freund

Vergangenes bleibt vergangen – bis man eben beschließt, den Kalten Krieg ad acta zu legen. Natürlich nur für den eigenen Seelenfrieden. Denkt man. Über die Begegnung mit einer Ex-Beziehung.

Stuttgart – Da stand er also plötzlich vor mir. Mein betrunkener Ex-Freund, mit dem ich fast zehn Jahre nicht geredet hatte. Karma oder eine ihrer Schwestern hat mir das Geschenk gemacht, dass wir uns in dieser riesigen Zeitspanne so gut wie nie über den Weg gelaufen sind. Und wenn es doch einmal passiert ist – und es waren maximal fünf Begegnungen in all den Jahren – dann blieb es auch bei einem über den Weg laufen. Wir kamen, oder besser: Ich kam glücklicherweise nie in die prekäre Situation, dass ich ihm plötzlich ausgeliefert war in einem Kontext, in dem ich nicht flüchten konnte und somit zur Konversation gezwungen wurde. Jetzt habe ich ihn angesprochen.

Warum?

Wieder sind wir uns nach langer Zeit begegnet. Wieder war es keine fluchtweglose Situation. Es hätte alles laufen können wie immer. Ich hätte mich über seinen schwindenden Haaransatz und die damit sinkende Attraktivität freuen können. Oder mich im Allgemeinen fragen, warum ich damals eigentlich so verknallt in ihn war. Gut, ich war Anfang 20, bezogen auf meinen Lebenszyklus herrschte Frühling und ich war vermutlich in so ziemlich alles verknallt. Aber es gab bestimmt auch triftigere Gründe, die man aber natürlich vergessen hat. Weil nach all den Jahren. Und weil man den gleichen Fehler sicher nicht ein zweites Mal macht.

Wieso ich ihn dennoch angesprochen habe nach all der Zeit? Tja, das wüsste ich auch gerne. Vordergründig, weil es mich geärgert hat, dass er mich nicht grüßte. Aber ich denke in Wirklichkeit hatte ich ganz andere Gründe.

Darum halt.

Ich wollte diese Situation endlich auf eine erwachsene und emotional unbelastete Ebene bringen. Ich war durch mit meinem Groll, ich war quasi ein ganz neuer Mensch, so reif (nur im Geiste, nicht optisch), empathisch und reflektiert. Ganz eventuell war ich auch ein bisschen betrunken und hatte Lust auf Provokation, aber diese Notiz nur am Rande.

Es ging mir nämlich wirklich nicht darum, ihm zu zeigen, wie total egal er mir ist. Und auch überhaupt nicht darum, nach zehn Jahren die Genugtuung zu erfahren, dass sich die Machtverhältnisse gedreht haben und mit erhobenem Haupt die Situation zu genießen, während er sich in längst überfälligen und schon verjährten Entschuldigungen und Argumenten windet. Das war wirklich keine Sekunde mein Anliegen.

Aber wie es dann eben so passierte, musste ich feststellen: das tut wirklich gut. Und zwar gar nicht die ehrliche Erkenntnis, dass es mir wirklich nicht mehr wichtig ist. Sondern die Tatsache, dass seine Entschuldigung wirklich ernst ist. Wirklich so gemeinte Worte. Endlich das, was ich hören wollte, um diese Schublade zu schließen. So für immer.

Und während sich ganz langsam der Deckel schließt, stelle ich fest: so schlecht sehen diese Geheimratsecken gar nicht aus. Ob wir uns nicht mal wieder sehen wollen, jetzt wo wir wieder normal miteinander umgehen, höre ich. Funkelnde Augen, die nichts Gutes verheißen. Innerlicher Seufzer, bei denen bin ich damals schon schwach geworden bin. Aber hey, aus Fehlern lernt man. Also ja, wieso nicht, sprach sie – und lässt den Deckel einen ganz kleinen Spalt offen.

Über die Autorin

Hing sie früher an Jürgen von der Lippe, hängen ihre heute an Schnaps und schönen Floskeln. Damit ist sie leicht zu ködern, schwer zu ertragen und unmöglich zu halten. Oder doch? Denn verknallen geht schnell, verschwinden aber genau so. Zurück bleibt ein Rattenschwanz – manchmal mit Herzschmerz, manchmal als schöne Erinnerung und manchmal nur mit der Frage, wie das schon wieder passieren konnte?

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