Schnaps oder Liebe: Darf ich mit einem liierten Mann flirten?

Unsere „Schnaps oder Liebe“-Kolumnistin hatte einen tollen Abend mit einem Mann – bis sie erfahren hat, dass er vergeben ist. Wäre es ihre Aufgabe gewesen, den Flirt zu beenden?

Stuttgart – Ich habe mich mit einem Mann unterhalten. Sensationsnachricht! Möchte man meinen. Dabei ist die Frage, was sensationeller ist: dass ich lange genug Interesse an dieser Unterhaltung und ihm hatte – oder er? Denn mit Fremden führe ich in der Regel zwei Arten von Konversationen. Bei der einen Variante bin ich Feuer und Flamme. Und was ich sage, meine ich auch so. Ich bin über die Maße begeistert (vom Thema oder ihm, das kann variieren), vor lauter Euphorie hole ich kaum Luft zwischen den Sätzen, mein Puls rast und Schweißperlen zeichnen sich über meinen Lippen ab. Wenn ich mich von außen sehen würde – ich würde mich selbst vermutlich an Disneys Cruella de Vil erinnern, als sie auf der Suche nach 99 Dalmatinern wie eine Verrückte in ihrem Cabrio fährt.

Die zweite Variante ist das komplette Gegenteil: es/er interessiert mich einfach nicht. Und ich bin wirklich unheimlich schlecht, Interesse oder Aufmerksamkeit vorzutäuschen. Zu schnell drifte ich gedanklich in essentielle Fragen ab. Wieso kam jemand auf die Idee, Ananas auf eine Pizza zu legen – und hat das auch noch für gut befunden? Wieso sind zwölf Grad im Herbst kalt – und im Frühling der Grund dafür, nur im T-Shirt aus dem Haus zu gehen? Und wieso muss ich mich eigentlich für Dinge verantworten, die nichts mit mir zu tun haben?

Ihr erinnert euch an den Mann? Wir unterhielten uns also, es war nett, spannend und lustig. Dann ging er zur Bar, um den trockengefaselten Kehlen eine Erfrischung zu beschaffen. Diese Gunst nutzend kam eine Freundin auf mich zu mit den Worten: „Du weißt, dass er eine Freundin hat?“

Sorge – um mich oder um ihn?

Was in meinen Ohren klingt wie eine Drohung, ist eigentlich eine besorgte Freundin, die mich vor blöden Situationen bewahren möchte. Was an sich eine nette Geste ist und wofür Freunde im weiter gesteckten Sinne ja auch da sind. Aber ist es wirklich meine Aufgabe, die Grenzen einzuhalten? Vor allem, wenn ich eigentlich gar nicht weiß, dass es diese Grenze gibt? Denn meinem Gesprächspartner ist der Fakt, dass er eine Freundin hat, leider als nicht relevant für unsere Unterhaltung erschienen.

Jetzt aber weiß ich es. Wie muss ich dann damit umgehen, wenn er mir im weiteren Verlauf des Abends Avancen macht? Konkret wird oder versucht, mich zu küssen? Muss ich ihn davor bewahren, seine Beziehung, von der ich offiziell nichts weiß, zu gefährden? Oder darf ich es mit Chili Palmers Worten (ich glaube, es waren seine) sagen: None of my business. Bei der Quelle des Zitats kann ich mich täuschen, beim Inhalt eigentlich nicht. Denn es ist nicht meine Aufgabe, auf andere erwachsene und mündige Menschen aufzupassen.

Wenn jemand mit Laktoseintoleranz einen Liter Milch trinken will – gib ihm! Ich kann gerne ein Sudoku zustecken, weil die Person den restlichen Tag auf dem Klo verbringen wird. Aber es ist nicht meine Aufgabe, sie davon abzuhalten. Wenn ein erwachsener Mensch bei Rot über die Ampel geht – fein, er ist durchaus in der Lage, die Situation abzuschätzen. Aber wenn ein Mann mit Lebensgefährtin mit einer anderen Frau spricht (in dem Fall mit mir), dann bin plötzlich ich verantwortlich, dass hier niemand einen Bockmist baut? Dann muss ich die Situation abschätzen und ihn davor bewahren, Dinge zu tun, die er danach vielleicht bereut?

Leute, ich bin keine Ampel. Und selbst wenn er beschließt, bei Rot über die Straße zu laufen, springe ich sicher nicht auf grün, damit er seine Entscheidung nicht bereut (und verursache womöglich noch eine Massenkarambolage).

In der logischen Konsequenz bin ich dann auch die Böse in dieser unfreiwilligen Ménage à trois. Schließlich wusste ich doch von der Freundin. Dieses eine Mal im Leben ist wissen also wichtiger als haben? Das kann doch niemand als fair erachten.

Wie ich an diesem Abend gehandelt hätte, wenn es zum Äußersten gekommen wäre? Ich weiß es nicht. Denn eine Grenzerfahrung haben wir gar nicht gemacht. Irgendwann ist jeder für sich nach Hause gegangen. Mehr als ein Flirt war es also gar nicht. Oder hätte ich das unterbinden müssen?

Über die Autorin

Hing sie früher an Jürgen von der Lippe, hängen ihre heute an Schnaps und schönen Floskeln. Damit ist sie leicht zu ködern, schwer zu ertragen und unmöglich zu halten. Oder doch? Denn verknallen geht schnell, verschwinden aber genau so. Zurück bleibt ein Rattenschwanz – manchmal mit Herzschmerz, manchmal als schöne Erinnerung und manchmal nur mit der Frage, wie das schon wieder passieren konnte?

Mehr aus dem Web