Schnaps oder Liebe: Darf ich dich bitte nicht kennen lernen?

Unsere Autorin kennt da einen – aber eben nur vom Sehen. Und das soll bitte auch so bleiben, denn dann lässt es sich am besten träumen.

Stuttgart – Es gibt da diesen Kerl, den ich immer sehe. Ich nehme an, dass er irgendwo in meinem Viertel wohnt, denn wir laufen uns wirklich ständig über den Weg. Im Supermarkt, auf dem Gehweg oder beim eiligen Vorbeirennen auf der anderen Straßenseite – es vergeht nicht eine Woche, in der ich ihn nicht sehe.

An ihn denke ich, wenn ich ihn sehe.

Vermutlich würde mir auch eine ganze Weile nicht auffallen, wenn ich ihm länger als eine Woche nicht begegnen würde. Denn er ist nicht der Unbekannte, an den ich ständig denke. Er ist der, an den ich denke, wenn ich ihn sehe. Und über den ich mich freue, wenn ich ihn sehe. Wir haben noch nie ein Wort miteinander gewechselt. Ich glaube, wir haben uns noch nicht mal angelächelt. Wir kennen uns wirklich gar nicht. Und ich möchte bitte, dass das so bleibt.

Denn auch wenn ich so nie an ihn denke, wenn wir uns begegnen, kann ich mir in allen Farben ausmalen, wer er wohl ist. Oder sein könnte, wenn auch nur in meiner Vorstellung. An manchen Tagen lasse ich ihn eher schüchtern sein. Jemand, dem ich auf die amourösen Sprünge helfen muss, metaphorisch gesehen auch eher mit dem Baseballschläger als mit einem läppischen Zaunpfahl. Dem man sich nackt auf den Bauch binden muss, bis er versteht, dass man ihn irgendwie ganz gut findet.

Hey, ich kenne dich.

An manchen Tagen, wenn ich mir sicher bin, dass er mich besonders grimmig angesehen hat und felsenfest davon überzeugt bin, dass er mich nicht leiden kann, mache ich ein ziemliches Arschloch aus ihm. Einer, der wahnsinnig arrogant ist. Einer, der unfreundlich zum Kassierer ist einfach aus Prinzip. Ja, so schrecklich modelliere ich ihn mir. Aber trotzdem verpasse ich ihm irgendwann in dem Gedankenspiel einen weichen Kern. Frühkindliche Traumata lasse ich da raus, das wird dann zu komplex. Es ist eher so eine Barney-Stinson-Mauer, die ihn umgibt. Das Herz aus Gold, ein verwunschener Prinz, der nur darauf wartet, dass sich eine mutige Prinzessin durch die Dornenhecke schlägt. Und wer ist die einzige Person, die das erkannt hat? Ganz richtig.

Am liebsten stelle ich mir aber vor, wie sein Tag weiter verläuft sobald wir uns begegnet sind. Wenn wir einander und den Moment passiert haben. In meiner Vorstellung ärgert er sich sofort. Und rügt sich innerlich dafür, dass er schon wieder nicht gelächelt hat. Er wisse ja, dass er nach außen immer schlecht gelaunt und nicht gerade wie ein Menschenfreund aussehe. Dabei ist er ein netter Kerl. Aber auch heute konnte er sich wieder zu keinem Lächeln durchringen. Dabei sind wir uns doch schon so oft begegnet, wir sind jetzt wirklich auch keine ganz Fremden mehr. Da kann man doch mal lächeln. Einfach als Zeichen von „Hey, ich kenne dich. Wir laufen uns ganz gerne und ganz oft über den Weg“. Nicht mehr.

Diese Vorstellung bringt mich ganz beschwingt durch den Tag. Und deswegen will ich ihn auch nie kennenlernen. Nachher ist er ganz anders als in meinem Kopf. Oder genau so. In jedem Fall wird er aber nur einer von vielen sein. Und das reicht mir nicht. Aber wir leben in Stuttgart und wenn man eines ganz allgemein formulieren kann, dann, dass man irgendwann jeden hier kennenlernt. Vielleicht werde ich eines Tages hinter ihm in der Schlange stehen. Und ihn rügen, weil er unfreundlich zum Kassierer ist. Geübt habe ich auf jeden Fall.

Über die Autorin

Hing sie früher an Jürgen von der Lippe, hängen ihre heute an Schnaps und schönen Floskeln. Damit ist sie leicht zu ködern, schwer zu ertragen und unmöglich zu halten. Oder doch? Denn verknallen geht schnell, verschwinden aber genau so. Zurück bleibt ein Rattenschwanz – manchmal mit Herzschmerz, manchmal als schöne Erinnerung und manchmal nur mit der Frage, wie das schon wieder passieren konnte?

Mehr aus dem Web