Sakristei: Mit Mittagstisch gegen den Winterblues

Dass man in der Sakristei am Erwin-Schöttle-Platz mittlerweile gut Tacos und Fritten essen kann, hat sich herumgesprochen. Jetzt bieten die stadtbekannten Betreiber auch einen besonderen Mittagstisch an. Und sogar Frühstück ist in Planung.

Stuttgart – Corona-Ironie, die drölfte: Da übernimmt man einen Laden, steckt neben einer Menge Kohle und Zeit all sein Herzblut und seine Energie rein, überlegt sich ein besonderes Konzept. Und dann schlägt 2020 in all seiner Hinterhältigkeit zu. Sicher, Geschichten wie diese waren dieses Jahr nicht selten. Sie zu erzählen ist dennoch wichtig. Um die sichtbar zu machen, die mit bangem Blick auf den nahenden Winter blicken.

99 Jahre Sakristei

Die Sakristei gehört dazu. Die altgediente Kneipe hinter dem Erwin-Schöttle-Platz hat viel erlebt, seit sie 1921 eröffnet wurde. Weimarer Republik und Drittes Reich, Wiederaufbau und Wirtschaftswunder, Kalter Krieg und Wiederereinigung. Hier wurde schon gejubelt, als der deutschen Fußballnationalmannschaft 1954 das Wunder von Bern gelang. Jetzt dann eben eine Pandemie. 2021 steht der 100. Geburtstag dieser Treseninstitution bevor. „Wenn es uns dann noch gibt“, meint Michael Rieger trocken und lacht kurz. Galgenhumor, ganz klar. Aber eben auch mit einem Funken ernst.

Super Popular Sakristei

Gemeinsam mit Aldo Legein hat er den Laden von der Vorbesitzerin Alex Milchraum übernommen, im April sollte eröffnet werden. Ging aus bekannten Gründen nicht, Ende Juni war es dann aber soweit. Über den ansprechenden neuen Look der Kultbeiz wurde hier bereits berichtet, die Vorgeschichte Michaels als Betreiber von Erfolgskonzepten wie Super Popular Sanchez, Wurst & Fleisch oder dem unrühmlich abgebrochenen Experiment Ice Café Adria auch. Blicken wir also lieber auf das, was seit der Eröffnung passiert ist.

Anfangs hörten wir, dass man in Heslach keine Veränderung mag

Und das ist eine ganze Menge, wie er und seine Kollegin Lisa-Marie Gundling auf der Terrasse vor der Sakristei erzählen: Nach anfänglicher Skepsis mancher Kieznasen über das deutlich gepflegtere, ästhetischere Auftreten der alten Kneipe ist man hier am Platz froh, dass die Sakristei in neuem Gewand für die Nachbarschaft da ist. „Anfangs hörten wir mal, dass man in Heslach keine Veränderung mag“, lacht Michael. „Aber wir haben den Umbau komplett selber durchgezogen und waren sieben Monate lang jeden Tag hier. Da lernt man die Leute schon kennen.“ Lisa-marie ergänzt: „Ich glaube, einige hatten Angst, dass wir hier so eine Art veganen Sushi-Laden draus machen.“

Aldo, Michael und Lisa-Marie: Die Sakris-Drei

Nachbarschaftskneipe 2020

Damit hat die neue alte Sakristei nun so gar nichts zu tun. Michael nickt: „Wir wollten das Feeling einer alten Kneipe erhalten.“ Dafür haben sie eine phänomenale Wandtapete freigelegt und auch die uralten Sitzbänke erhalten. Den Rest hat man behutsam ins 21. Jahrhundert geholt. „Eckkneipen gibt es hier viele, aber die meisten sind ein bisschen runtergekommen.“ Kommt an: Das Viertel kommt mittlerweile häufig und gern in die Sakristei, man kennt sich mit Namen, trifft sich auch mal privat oder hilft sich aus. Echte Nachbarschaftshilfe mit Bier vom Fass, quasi. „Viele fragten sogar, ob sie uns beim Umbau helfen können, das war unglaublich“, so Michael lachend. „Die waren so nett, das ich mich schon fragte, was hier nicht stimmt.“

Mittagstisch in der Sakristei

Erwin-Schöttle-Platz eben, da schiebt man sprichwörtlich eine eher ruhige Kugel. Nach all dem Trubel und dem Ärger in der Innenstadt ist das für Micha und Lisa-Marie genau das Richtige. Mittlerweile bieten sie auch ihren Mittagstisch an, nur einer von vielen Plänen, die von Corona durchkreuzt, verschoben oder torpediert wurden. Während die normale (auch mittags gültige) Karte fantastische Tacos, Ceviche, Burritos, Burger oder hausgemachte Fritten aus den fähigen Händen des Belgiers Aldo Legein bietet, gibt es beim zweimal wöchentlich wechselnden Mittagstisch deutlich mehr vegetarische oder vegane Optionen: hausgemachte Kässpätzle oder ein Curry aus Bananen, Karotten, Rosinen und Äpfeln stehen zur Disposition, wahlweise auch mit Fleisch.

Tacos, Baby!

Kreativ gewinnt

Frisch, hochwertig, gerne außergewöhnlich und wirklich, wirklich gut: Da schlägt die Sakristei in eine ganz ähnliche Kerbe wie das Fais Dodo, hinter dem Michaels alter Partner Sebastian Heitzmann steckt. „Kreativität ist in der Gastronomie in diesem Jahr gefragter denn je“, ist sich auch Lisa-Marie sicher. Also können wir uns schon jetzt auf das Frühstück freuen, das die Sakristei bald anbieten wird. Und auf das portugiesische Tapa-Special mit passenden Weinen. Und auf die gemütliche winterfeste Außenterrasse. Fixe Daten möchte man angesichts der unüberschaubaren Lage derzeit nur ungern raushauen. Kein Ding. Im Jahr 2020 haben wir alle eine Menge Spontaneität gelernt.

Bilder: Björn Springorum

Hier erfahrt ihr mehr über die Sakristei-Betreiber!

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