Ruf doch mal wieder an!

Unsere Kommunikation hat sich verändert. Statt anzurufen, schreiben wir ständig Kurznachrichten hin- und her. Dadurch fühlen wir uns auf eine gewisse Art mit anderen verbunden. Die Verbundenheit ist aber nur oberflächlich und wir schaffen uns Probleme, die wir davor gar nicht hatten, sagt unsere „Über die Liebe“-Kolumnistin.

Stuttgart – Wir lernen uns auf Tinder oder Parship kennen. Wir schreiben unzählige Nachrichten hin- und her, erzählen jemandem, den wir noch nie gesehen haben, die privatesten Dinge. So fangen heutzutage Kontakte an.

Whatsapp macht uns zu Stalkern

Doch damit machen wir es uns gerade in der Kennenlernphase viel schwieriger. Er antwortet nicht? Wir sitzen Tag und Nacht vor unserem Handy, haben zwischen zehn Beinahe-Nervenzusammenbrüchen schon alle unsere Freundinnen verständigt, die nun gemeinsam mit uns rätseln, warum ER jetzt nicht anruft. Wie hat er das gemeint? Was denkt er wohl? Und was zur Hölle treibt er eigentlich in dieser Zeit, in der er nicht antwortet? Meistens wissen die Freundinnen das übrigens genauso wenig wie wir. (Das ganze lässt sich natürlich analog auch auf Männer übertragen…)

Kommt eine Nachricht, setzten wir dieselbe Maschinerie in Gang. Wir schicken Screenshots an unseren halben Bekanntenkreis und bitten um Deutungshilfe. Doch was soll das eigentlich bringen? Er hat keine Zeit und wir analysieren stundenlang, warum er nun keine Zeit hat, mit wem er sich wohl trifft – und vergeuden unendlich viel Lebenszeit damit, eine Antwort zu finden, die wir auf diese Art niemals finden werden.

Taugt der Typ eigentlich was, auf dessen Nachrichten ich seit Tagen warte?

Warum tun wir das? Wir glauben, wir schützen uns selbst davor, verletzt zu werden, wenn wir uns hinter Nachrichten verstecken. Anrufen ist so echt! Doch wie genau wollen wir eigentlich eine Beziehung mit jemandem führen, wenn wir schon Angst haben, mit der Person zu sprechen?

Natürlich sind wir dann vielleicht auch mal mit unangenehmen Realitäten konfrontiert. Am Telefon oder im direkten Gespräch lässt sich schließlich schneller erkennen und spüren, ob jemand wirklich Interesse an uns hat. Wir lernen dadurch logischerweise auch besser, unserem eigenen Urteil zu vertrauen. Taugt der Typ eigentlich was, auf dessen Nachrichten ich seit Tagen warte? Die Wahrheit darüber lässt sich über hunderte Whatsapp-Nachrichten ganz wunderbar verdrängen. Ein Küsschen-Smiley täuscht aber eben nur kurz darüber hinweg, dass es diesen Kuss ganz offensichtlich nicht in Echt gibt.

Mediale Kommunikation ist vor allem in unsicheren Beziehungen ein Stressfaktor.

Oft fassen sich Männer auch kürzer, schicken nicht hunderte Emojis hinterher und sofort denkt Frau: „Hä, was hat er denn jetzt wieder?“ Dadurch entsteht ein Ungleichgewicht in der Kommunikation.

Die Psychologin Manuela Sirrenberg erforschte vor einiger Zeit an der Universität Eichstätt-Ingolstadt, welche Auswirkungen dieses Ungleichgewicht auf die Partnerschaft hat: „Ungleichgewichte sind in einer Partnerschaft mit einer geringeren Beziehungsstabilität und mit einer höheren Trennungsabsicht verbunden“, so die Expertin. Die Befragung von mehr als 500 Personen habe demnach gezeigt: „Das gilt auch für die mediale Kommunikation.“ Habe ein Partner immer das Gefühl, dass seine Botschaften ins Leere laufen oder nicht richtig gewürdigt werden, dann stelle er die Beziehung schneller in Frage. Häufig komme auch Eifersucht ins Spiel: Was, wenn der Partner nicht antwortet, obwohl die Statusmeldung verrät, dass er online ist? Sie kam aber auch zu dem Schluss: „Mediale Kommunikation ist vor allem in unsicheren Beziehungen ein Stressfaktor.“

Hat er die Nachricht gelesen?

Sie stellte nämlich fest: „Menschen mit hohen Eifersuchtswerten lesen Nachrichten anders.“ Sie reagierten auch auf ganz neutral formulierte Botschaften misstrauisch. Das gelte vor allem für Menschen, die sich in ihrer Beziehung unsicher fühlten.

Doch gerade, wenn wir jemanden neu kennenlernen, sind wir ja alle unsicher.

Und, dazu kommt natürlich: Whatsapp und co. macht uns ja auch alle zu kleinen Stalkern. Hat er die Nachricht gelesen? Warum ist er online, antwortet aber nicht? Mit wem bitte schön schreibt er jetzt die ganze Zeit? Und auf einmal schaffen wir uns Probleme, die wir davor gar nicht hatten.

Einfach nur ein bisschen träumen

Letztlich gehen wir einfach nur einem direkten Kontakt aus dem Weg – oft aus Angst enttäuscht zu werden. Doch wenn der andere wirklich nicht antwortet, weil er kein Interesse hat, dann verlängern wir die Leidenszeit einfach nur. Dann führen wir alleine unsere kleine Traumbeziehung weiter, die aber vielleicht so nie in echt existieren wird.

Manchmal ist das auch okay, weil wir vielleicht gerade gar nicht auf der Suche nach echter Nähe sind und einfach nur ein bisschen träumen wollen. Das Gefühl haben wollen, da draußen ist irgendwo irgendwie noch irgendjemand. Aber wenn wir eine richtige Beziehung wollen, hilft uns das leider gar nicht weiter. Da hilft am besten: einfach anrufen. Danach hat man Klarheit.

Foto: Becca Tappert/Unsplash

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