Rückblick: Ein Jahr fern vom Kessel

In der Kolumne #letstalkaboutmentalhealth schreibt unsere Autorin über psychische Gesundheit und Krankheit, den Alltag damit sowie all die kleinen und großen Hürden im Leben. Ein Jahr Norddeutschland, fernab von Kesselcharme und Co. – was hat sich da so getan? Ein Rückblick.

Bremerhaven/Stuttgart – Das neue Semester hat begonnen und das bedeutet für mich: Ein Jahr ohne 0711. Wie fühlt sich das an? Was hat sich verändert? Fehlt mir das Schwabenländle? Ich bin in Norddeutschland angekommen. Und manchmal sticht das Herz trotzdem – beim Gedanken an Stuttgart und der damit verbundenen Sehnsucht.

Unsere Autorin und das Meer

Von der großen in die kleinere Großstadt

Inzwischen bin ich wirklich da. In Norddeutschland. Ich weigere mich zwar immer noch strikt „Moin“ zu sagen, aber ich bin ja auch kein Nordkind. Ab und zu rutscht mir sogar ein „Grüß Gottle“ raus und dann schäme ich mich aber auch ein bisschen, denn in Stuttgart habe ich das ja auch nie gesagt. Manchmal „schwäbel“ ich unabsichtlich und benutze Wörter wie „Kehrwisch“ oder „kannsch des bidde“ mal halten. Sehr zur Freude meiner Mitmenschen btw. Und immer wenn ich ab und zu fast schon vergessen habe, dass ich Stuttgarterin bin, gibt’s diese kleinen Heimatgefühle. Hier im Norden weht wortwörtlich ein anderer Wind. Es wird Kohl gegessen und man ist mit Ruderbooten unterwegs. Gute Maultaschen gibt es hier einfach nicht. Brezeln auch nicht. Allerdings sind die Franzbrötchen unschlagbar lecker – ein kleiner Trost.

Rückblick: 2019 war ein gutes Jahr

2019 war ein aufregendes Jahr. Ich studiere, habe eine Hündin adoptiert und meine psychische Gesundheit kann sich ziemlich sehen lassen. Fast ein Jahr schreibe ich nun auch schon diese Kolumne und es erfüllt mich mit ganz viel Wärme, dass manche Themen präsenter werden – in unserer Gesellschaft und in den Medien.

Grundsätzlich: Mein Umzug in den Norden war eine gute Sache. Ich mag das Wetter, es gibt keinen stehenden Feinstaub. Die Nähe zum Meer gibt mir mehr, als ich vermutet hätte und im Regen laufe ich inzwischen tapfer gegen den Wind. Hier spricht man viel hochdeutsch, die Menschen sind aufgeschlossen und nett. Es ist faszinierend wie unterschiedlich der Raum, die Sprache und die Bewohner sein können, obwohl wir im gleichen Land leben. Das ist spannend.

Was mir fehlt? Die Großstadt. Ich mag den Trubel und die Bewegung. Stuttgart ist irgendwie kompakt und eigen. Eine Stadt, die man lieben lernen muss, die einem aber Raum gibt zum Warmwerden.

Vom Zacke fahren und dem Schwan vom Feuersee

Obwohl sich in Stuttgart auch richtig viel tut (aus der Ferne fühlt sich das noch mehr an, als es vielleicht ist), ist es immer wirklich schön, in die alte Heimat zurückzukommen. Trotz Veränderungen gibt es die gleichen Orte. Am Feuersee den Schwan im Blick behalten, auf dem Marienplatz Limo trinken und Menschen beobachten, mit der Zacke einfach mal einen Ausflug an den Kesselrand machen.

Ob ich wieder zurück in den Kessel ziehe? Das weiß ich noch nicht. Erstmal nicht. Aber Stuttgart, 0711, Erste Liebe und Kesselcharme werden in meinem Herzen immer einen Ehrenplatz einnehmen.

Über die Autorin

Mit ganz viel Ehrlichkeit, Feingefühl und Liebe für die Sache schreibt unsere Autorin über das Leben mit psychischen Krankheiten. Warum das nicht immer einfach ist und gegen welche Vorurteile sie ankämpft erzählt sie in der Kolumne #letstalkaboutmentalhealth

Anmerkung der Redaktion: Wenn du selbst unter Stimmungsschwankungen, Depressionen oder Selbstmordgedanken leidest oder jemanden kennst, der daran leidet, kannst du dir bei der Telefonseelsorge helfen lassen. Du erreichst diese telefonisch unter 0800/111-0-111 und 0800/111-0-222 oder im Internet auf www.telefonseelsorge.de. Die Beratung ist anonym und kostenfrei, Anrufe werden nicht auf der Telefonrechnung vermerkt.

Informationen und Hilfe bei Depressionen:
https://www.deutsche-depressionshilfe.de

Nummer gegen Kummer für Kinder und Jugendliche: 0800/116 111 Mo. bis Sa. 14-20 Uhr, anonym & kostenlos!

In Stuttgart bietet der Arbeitskreis Leben suizidgefährdeten Menschen, Menschen in Lebenskrisen, Angehörigen, sowie Hinterbliebenen nach dem Suizid eines nahestehenden Menschen Unterstützung an. Telefon  0711/600 620, hier geht es zur Internetseite >>>

Kassenärztliche Therapeuten in Deutschland:
http://www.kbv.de/html/arztsuche.php

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