Record Store Day: Stuttgarts Goldgräber

Der Record Store Day feiert jedes Jahr die kleinen Plattenläden und großen Sammler. Das Stadtkind stellt vier ganz unterschiedliche Stuttgarter Vinyl-Schatzsucher vor, die am liebsten in diesen Läden wohnen würden.

Stuttgart – Ihre Herzen drehen sich mit 33 Umdrehungen pro Minute. Oder auch mal mit 45: Plattensammler sind eine ganz besondere Spezies. Sie finden sich in kleinen, hoffnungslos vollgestellten Läden zusammen, wo sie in stiller Eintracht einem besonderen Ritual nachgehen. Mit geübter Handbewegung flippen sie durch abertausende Schallplatten, ziehen immer wieder eine heraus, schürzen die Lippen, stecken sie zurück oder legen sie auf die Seite. Wie jede Leidenschaft ist auch die Suche nach dem schwarzen Gold namens Vinyl bisweilen eine Sucht. Und fast immer unheilbar.

Vier enthusiastische Vinyl-Freunde

Der Record Store Day am dritten Samstag im April feiert die kleinen Plattenläden. Von dem kann man halten, was man will. Für uns Stadtkinder ist der Tag dennoch ein schöner Anlass, vier besonderes enthusiastische Vinyl-Freunde in wechselnden Besessenheitsgraden vorzustellen. Eins nur: Wenn die umziehen, sind wir nicht in der Stadt!

Jens Rank (DJ JensOmatic)

Warum sammelst du Platten?

Im Gegensatz zu Sneakers, Briefmarken, Bauchnabelfusseln, oder was andere Leute sonst sammeln, haben Schallplatten den für mich unglaublichen Mehrwert, dass sie nicht nur gut im Regal aussehen, sondern auch noch Musik enthalten, die man für sich oder andere abspielen kann, um im Idealfall andere Bewusstseinsebenen zu erreichen. Also sammle ich eigentlich Musik, aber in ihrer besten Darreichungsform: größere Cover als CDs, bessere Haptik als MP3s, mehr Auswahl als Edison Wachszylinder.

Weißt du noch, was deine erste Platte war?

Im Juli 1981 war ich bei meinem Onkel in der Schweiz in den Ferien. Im Fernsehen lief die Hochzeit von Charles und Diana, ich stand aber mit großen Augen vor dem Schaufenster eines Plattenladens in Rapperswil; da stand es, das erste Album der Stray Cats. Mit „Runaway Boys“ hatte zwei Monate vorher zum ersten Mal Musik massiv einen Nerv getroffen. Jetzt dieses dunkle Loch zu betreten und mit eigenem Zusammengespartem diese Platte von lederbejackten Erwachsenen zu kaufen, das war schon ein unglaubliches Abenteuer.

Ein Zimmer voll mit Vinyl.

Wie groß ist deine Sammlung?

Ich kann nur schätzen, aber ich denke etwa 6.000 LPs und genau so viele Singles. Oder in schwammiger: ein Zimmer voll.

Was ist ihr Schwerpunkt?

Grob gesagt ein Drittel R&B/Soul/Rock’n’Roll, ein Drittel Punk und Psychobilly, ein Drittel Jazz und Swing. Dazwischen gibt’s dann auch Ausreißer wie ein Fach mit Drum- & Bass-Maxis, oder eine Kiste mit Cumbia.

Wie ist sie geordnet?

Im Regal erst mal nach Genres und Untergenres (zum Beispiel Jazz und dann „Hot 1920s Stompers“ oder „Groovy Mod Organ Swingers“) und dann alphabetisch.

Hand aufs Herz: Wie lange brauchst du, um eine bestimmte Platte zu finden?

Ich bin selbst immer wieder erstaunt, wie gut organisiert ich offenbar bin: Platten, mit denen ich auflege, finde ich in der Regel in zwischen einer und zehn Minuten. Manchmal ziehe ich Platten, die ich schon seit Ewigkeiten nahezu vergessen hatte, instinktiv aus dem richtigen Fach. Aber manche Scheiben verschwinden auch spurlos für ein paar Jahre, bis wir uns zufällig in einer Kiste wieder begegnen.

Wie viele Platten kaufst du im Monat?

Ich bilde mir gerne ein, dass es nur zwischen fünf und zehn im Monat sind. Aber das ist wohl Selbstbetrug.

Du darfst dir eine Platte wünschen, die dir noch fehlt. Welche wählst du? „Die Buben im Pelz & Freundinnen“ ist das erste Velvet-Underground-Album mit Wiener Texten und einer Käsekrainer statt Banane auf dem Cover, und nur 300 Exemplare wurden gepresst. Ich hab ganz Wien erfolglos danach abgesucht. Schenkt ihr mir die?

(Bild JensOmatic: Jessica Rankenmeyer/Rankenmeyer Studios)

Flavio Bacon (Human Abfall)

Warum sammelst du Platten?

Ich beschäftige mich gerne mit Musik, Musikern und Labels und kaufe mir gerne Musik, die mir gefällt.

Seit wann sammelst du Platten?

Ich kaufe mir regelmäßig Musik, seit ich ungefähr zwölf bin. Heute, 27 Jahre später, bin ich 25 und alles ist nice. Anfangs nur CDs, dann immer häufiger Schallplatten (da die gebraucht oft günstiger waren als CDs) und vieles an Hardcore/Punk, was nur auf Vinyl veröffentlicht wurde. Dabei bin ich geblieben. Bin da ein Gewohnheitstier… Ein Briefmarkensammler fängt ja auch nicht einfach an, Telefonkarten zu sammeln. Crazy, but not insane!

Wie, wann, wo hat alles mit dem Sammeln angefangen?

So richtig gepackt hat es mich, als ich mir die Erstpressung der „Joy Division – An Ideal For Living“ für 60 DM in Frankfurt/Main 1997/1998 gekauft habe. Ich musste das Teil haben, aber es war geisteskrank teuer… Ab dem Punkt habe ich die Brücken zu Realität abgerissen.

Weißt du noch, was deine erste Platte war?

Wunderschöner Hard-Rock-Kernschrott, der in Tele5 im Kinderzeichentrick-Programm „BimBamBino“ beworben wurde: Die „Kingdom Of The Night“-LP von Axxis. 1989 im Müller Drogeriemarkt in meiner Heimatstadt Aschaffenburg. Ich bin heute noch textsicher, habe aber keine Ahnung, warum ich die LP nicht mehr habe.

Ich besitze nur noch Platten, die mir Freude bereiten.

Wie groß ist deine Sammlung?

„Wie klein ist sie in der Zwischenzeit?“ ist eher die Frage. Ich habe in den letzten drei bis vier Jahren alles an Platten verkauft, was ich nicht mehr unbedingt brauche und was keine wahren Hitplatten für mich sind. So sind aus rund 5000 LPs und 2500 Singles gute 1500 LPs und 500 Singles geworden. Bis jetzt habe ich noch nichts vermisst und ich besitze nur noch Platten, die mir Freude bereiten.

Was ist ihr Schwerpunkt?

An Hardcore/Punk aus den USA bis 1985 und Post-Punk beziehungsweise 80er-Indie habe ich sehr vieles an Originalen, aber im Schrank steht auch viel Jazz, 60er- und 70er-Soul, 80er-Pop, Hip-Hop und ein wenig elektronische Musik. Klare Genregrenzen sind für mich nicht so wichtig, der Vibe zwischen mir und der Platte muss stimmen.

Wie ist sie geordnet?

Nach dem ABC. Nebenbei ist ABCs „Lexicon Of Love“-LP von 1982 eine sehr gute Platte zum Tanzen.

Du darfst dir eine Platte wünschen, die dir noch fehlt. Welche wählst du?

Da gibt es nicht wenige, aber die „Is This My World“ von Jerry‘s Kids als US-Original auf Xclaim! Records ist die Nummer eins auf meiner Suchliste.

Jessica Sobek (Sammlerin)

Warum sammelst du Platten?

Ich kaufe mir meistens auf den Konzerten, auf denen ich bin, eine Platte, quasi als Andenken. Bei den meisten Platten weiß ich deswegen auch noch, wo und wann ich sie gekauft habe.

Seit wann sammelst du Platten?

Seit circa 2008.

Wie, wann, wo hat alles mit dem Sammeln angefangen?

Angefangen hat es damit, dass ich eine Platte geschenkt bekommen habe. Und dann kam immer mal wieder eine dazu.

Weißt du noch, was deine erste Platte war?

Ja, das ist die Split von Thursday und Envy.

Wie groß ist deine Sammlung?

Mittlerweile habe ich die 100 geknackt.

Hauptsächlich kaufe ich Platten von Hardcore- oder Metal-Bands.

Was ist ihr Schwerpunkt?

Hauptsächlich kaufe ich Platten von Bands, die ich wirklich gerne höre, oder von Bands, die ich schon live gesehen habe. Vor allem sind es aber Platten von Hardcore- oder Metal-Bands.

Wie ist sie geordnet?

In drei Kategorien: Klassische Musik, neuere Bands und „ältere“ Bands wie die Stones oder Led Zeppelin.

Wie viele Platten kaufst du im Monat?

Das variiert, monatelang kann es keine sein und dann auch mal mehrere im Monat.

Du darfst dir eine Platte wünschen, die dir noch fehlt. Welche wählst du?

Ich wünsche mir von Fever Ray die „Blood Edition“ ihres Albums „Plunge“.

Sebastian Heitzmann (DJ Rockin‘ Sebastian)

Warum sammelst du Platten?

Aus Liebe zur Musik. Musik war meine erste Liebe, da fings bei mir schon früh an, dass ich möglichst viel davon um mich haben wollte.

Seit wann sammelst du Platten?

Irgendwann im zwölften oder dem beginnenden 13. Lebensjahr habe ich angefangen. Damals in den frühen Neunzigern waren CDs das neue hippe Ding, für mich als Schüler aber viel zu teuer und außerdem nie wirklich ansprechend. Die großen Musikgeschäfte verramschten zu der Zeit ihre Bestände an Vinyl für zwei DM, um Platz für CDs zu schaffen, was mir mit meinem alten Plattenspieler damals natürlich entgegenkam. Als Teenager kamen dann mehr Platten dazu, für die man neben der Schule gejobbt hat oder halt auch manchmal Zigarettenautomaten knacken musste, um sich teurere leisten zu können. Das ist aber mittlerweile verjährt, oder?

Weißt du noch, was deine erste Platte war?

Ich denke das war entweder eine Deutschpunk-Scheibe von den Abstürzenden Brieftauben oder „Highway To Hell“ von AC/DC. Die Deutschpunk-Scheibe habe ich damals einem Mädchen aus meiner Klasse geliehen, die ich toll fand. Ich habe sie bis heute nicht wieder bekommen!

Durch Berge von Vinyl graben.

Wie groß ist deine Sammlung?

Habe ich nie gezählt, dürfte aber in den fünfstelligen Bereich gehen.

Was ist ihr Schwerpunkt?

Funk, Soul und Artverwandtes. Auch viel Latin wie Boogaloo, Cumbia, rare Salsa et cetera. Soulful Music eben.

Einige Stücke, auf die du besonders stolz bist?

Stolz ist vielleicht der falsche Ausdruck. Ich freue mich darüber, dass ich viele Platten besitze und entdecken konnte, die sonst niemand hat. Bisschen stolz ist man aber sicher schon, wenn man tagelang irgendwo an der Karibikküste im Lager von ’nem ehemaligen Label verbracht hat, sich dort wegen der Schimmelsporen mit Mundschutz geschützt stundenlang in stickiger Luft durch Berge an altem Vinyl gegraben hat und dann komplett unbekannte und rare Scheiben entdeckt.

Du darfst dir eine Platte wünschen, die dir noch fehlt. Welche wählst du?

Erst kürzlich habe ich die Nummer eins meiner Want-List, eine mega Boogaloo/Latin Funk-Geschichte nach über einem Jahrzehnt Jagd endlich erwischt.

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