Radentscheid – Stuttgart soll Radlerstadt werden

Die Initiative Radentscheid will mit einem Bürgerbegehren das Radfahren für alle in der Stadt sicherer machen. Dafür sammeln sie 20.000 Unterschriften.

Stuttgart – „Nur Genießer fahren Fahrrad und sind immer schneller da“, wussten die Prinzen schon 1991. Auch Stuttgart wandelt sich immer mehr zur Radlerstadt. Vorangetrieben wird das durch motivierte Initiativen wie den Radentscheid.

„Radentscheid könnte ein Teil der Lösung sein“

Wenn man sich so überlegt, was unsere Stadt ausmacht, dann wird einem recht schnell klar: eigentlich ist sie nicht fürs Radfahren geschaffen. Der Kessel ist schon allein topografisch einfach ungünstig – Stuttgart ist eine Autostadt.

Dennoch gibt es seit jeher Menschen, die von vier auf zwei Räder reduzieren und sich mit dem Fahrrad fortbewegen. Die Zahl der Radler ist mit dem Aufkommen der Elektrobikes sogar noch gestiegen. Schaut man sich die Daten der beiden Fahrradzählstellen in der Böblingerstraße und der König-Karls-Brücke an, bekommt man diesen Eindruck auch bestätigt. Immer mehr Leute steigen um.

16 Prozent mehr Radler seit 2014

Seit Inbetriebnahme verzeichnet die Zählstelle im Stuttgarter Osten einen Zuwachs von etwa 21 Prozent. Waren es 2013 beim Start 683.000 Radfahrer jährlich, passierten 2017 schon 828.000 Menschen den Sensor. Auch die Zählstelle in der Böblingerstraße kommt seit 2014 auf 16 Prozent Zunahme der Radler.

Die Prognosen sehen ebenfalls gut aus, meint der Fahrradbeauftragte der Stadt, Claus Köhnlein. Die aktuelle Zählung der König-Karls-Brücke beträgt 581.000 – letztes Jahr um diese Zeit zählte man dort 532.000 Radfahrer. „Es gibt immer noch genug zu tun, aber wir sind dran“, sagt er.

Auf der Seite der Stadt kann man sich die aktuellen Zahlen des Jahres 2018 anschauen.

Ordentliche Radwege sind nötig

Der Zuwachs an Zweirädern bedeutet auch, dass sich in der Stadt etwas ändern muss – das fängt an bei ordentlichen Radwegen und endet vielleicht bei dem allgemeinen Bewusstsein für Radfahrer. Sind sie in Städten wie Münster oder Freiburg fester Bestandteil des Stadtverkehrs, muss hier noch gefürchtet werden, dass man über eine geöffnete Autotüre fliegt.

Das Radfahren für alle sicherer zu machen, hat sich die Initiative Radentscheid auf die Fahne geschrieben. Gründer des Ganzen ist Thijs Lucas, der im Frühling vergangenen Jahres schon mit ZweiRat ein alternatives Radforum gründete.

Die Leute sind unzufrieden.

Im Oktober 2017 folgte die Kick-off Veranstaltung für die Initiative Radentscheid, bis heute ist sie angewachsen auf etwa 60 Freiwillige und Unterstützer. „Warum sich Leute engagieren? Weil sie unzufrieden sind mit etwas.“

So ging es auch Susanne Keller. Sie ist bei Radentscheid zuständig für Presse und Politik. Wie alle engagiert sie sich ehrenamtlich. Ebenfalls im Team ist Paula Brendel, die Agrarwissenschaftlerin kümmert sich um Events und Öffentlichkeitsarbeit. „Die Stadt hat ein echt fittes Team“, sagt sie über die Fahrradbeauftragen im Rathaus, „aber es sind zu wenig Leute mit zu wenig Stimme und Budget.“

„Als Radfahrer gefährdest du vor allem dich selbst“

Auch das wollen sie mit der Initiative Radentscheid ändern. In einem Bürgerbegehren haben sie in elf Punkten zusammengefasst, wie sich etwas ändern muss, um das Radfahren für alle sicherer und besser zu machen. Damit beispielsweise auch Kinder und Senioren ein aktiver Teil des Stadtverkehrs werden.

Bis zum 7. November will die Gruppe 20.000 Unterschriften zusammen haben, um das Begehren bei den nächsten Kommunalwahlen im Mai 2019 vorzubringen.

Verständnis und Gelassenheit gefordert

Inhaltlich umfassen die Forderungen Umbaumaßnahmen, wie Fahrradwege oder -straßen. Es werden aber auch Lösungen gefordert, um die Sensibilität Radfahrern und auch Fußgängern gegenüber zu steigern. „Autofahrer haben ja auch einen Vorteil davon, wenn mehr Leute mit dem Rad fahren. Dann sind weniger Autos unterwegs und die Straßen entlastet“, bestärken Susanne und Paula mit einem Perspektivwechsel.

Allgemein wünschen sie sich für den Anfang einfach mehr Verständnis und Gelassenheit, ein gelungenes Miteinander im Straßenverkehr.

Wer sein Kürzel in der Liste lassen oder sich anderweitig engagieren möchte, der kann auf der Homepage alle Infos einsehen, eine eigene Unterschriftenliste herunter laden oder sich über die Sammel- und Auslegestellen in der Stadt informieren.

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